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Der Israelit · 1900-01-18 · Heft 6 (18.1.1900) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 6 (18.1.1900)
Date
1900-01-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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101 Anderem: „1900 Jahre! Welch' ein unermeßlich langer Zeitraum in der Geschichte der Menschen! Viele große und stolze'Völker sind von der Erdoberfläche verschwunden, andere wieder änderten ihren Wohnsitz, Staaten wurden vernichtet, neu entstandene Nationen sind groß und mächtig geworden, Religionen wurden gestiftet und ihretwegen wurden blutige Kriege geführt. Und zwischen all diesen mächtigen, man möchte sagen welterschütternden Evolutionen ragt ein Fels wie aus Granit gebaut empor, der allen ihn iin Weltsturme des Drängens und Werdens umspülenden Wogen Trotz bietet, der nicht zu verderben, nicht zu vernichten ist. lind dieser eherne, vieltausendjährige, von brausenden Stürmen umbrandete Fels, das ist das Volk Israels, das sind wir Juden." Der Redner warf nun einen Rückblick auf die Geschichte der Juden, auf die Entwickelung dieses Volkes, auf die schweren Drangsale, die sie in blutigen Verfolgungskämpfen erleiden mußten, hob hervor, daß die Jiiden, wiewohl sie sich stets bemüht batten, mit ihren Mitbürgern in Frieden zu leben u. nützliche Mitglieder des Staates zu sein, doch bis heute nicht eine durchgreifende Gleichstellung mit anderen vollberechtigtenStaats - bürgern erreichen konnten, machte die furchtbaren Be schuldigungen nainbaft, die gegen dieses schwerbedrückte Volk seit Jahrtausenden erhoben werden und die seine Unterdrückung gerechtfertigt erscheinen lassen sollen, und fuhr dann fort: „Durch Tbatsachen hat man diese Beschuldigungen nie zu begründen vermocht: im besten Falle wurde ab und zu eine verdammenswerthe That eines Juden, eines Auswurfes dieses Stammes und der Menschheit überhaupt, triumphirend herausgehoben und allen Gesetzen des richtigen Denkens zuwider kühn verallgemeinert." Der Redner kam nun auf das Märchen vom Btutritnale zu sprechen und warf die Frage auf, wie sich die von allen Seiten bedrängten Juden dieser Anfeindungen erwehren könnten. „Nur dadurch" — fuhr er fort — „daß Sie wie ein Mann für Ihre Menschenrechte eintreten und mit Muth für die Freiheit und Ehre Ihrer Brüder den Kampf aufnehmen. Wir können stolz darauf sein, daß nur als die Ersten vor die breite Ocfsentlichkeit treten u. uns heute hier zu einer jüdischen Protestversammlung eingefunden haben." „Protestversammlung — das ist ein Novum in der Geschichte der Juden Prags und Böhmens überhaupt. Als die Inden in der neueren und neuesten Zeit in so unerhörter Weise angegriffen wurden, da hofften Sie auf einen Rückhalt an den politisch befreundeten Parteien. Aber der Antisemitismus gewann Boden unter den Ezechen wie unter den Deutschen." „Mit umso größerer Dankbarkeit und Freude sog da unser Ohr jene erhabenen und hochherzigen Worte unseres allvereürten und allgeliebten Landesherrn ein, die er einem Juden gegenüber gebrauchte und die uns in der allgemeinen Finsterniß wie ein milder und belebender Strahl erschienen." „Und da wir nun eingesehen haben, daß die Juden auf ihre eigenen Kräfte angewiesen sind, haben wir, die wir nichts Anderes als unser Recht wollen, uns in einer Protestversammlung zusammengefunden, um dieses uns zukommende Recht vor dem Forum der Oeffentlichkeit zu fordern." Redner erging sich in seinen weiteren Ausführungen eingehend über die Hilsner-Affaire mit allen ihren abscheulichen Begleiterscheinungen, den gehässigen Agitationen, dem Klirren der Fenster, den Plünderungen, und schloß sodann mit den Worten: „Wir wollen fest auf den Sieg unserer gerechten Sach? hoffen. Wer ein wahres menschliches Herz hat und für unser unglückliches Volk fühlt, der kämpfe mit uns zum Heile der Juden und dadurch auch zum Wohle der gesummten menschlichen Gesellschaft." (Stürmischer Beifall.) Sodann ertheilte der Vorsitzende dem Hrn. S t e in das Wort. Er brachte in czechischer Sprache seine Beschwerden vor und wurde wiederholt durch stürmische „Vhborne!" und „Bravo!"-Rufe unterbrochen. Erbittert bis ins Tiefinnerste, sagte er, trete ich als Kläger auf gegen unsere Gegner. Als Mensch, Czeche u. Jude erhebe ich die schwere Anklage gegen die Sündiger gegen die heiligsten Güter der Menschheit." Redner wirft einen Rückblick aus die Ereignisse des Jahres 1897, bespricht die Ritualmord-Berleumdung und schließt mit dem Ausdrucke der Hoffnung, daß die gerechte Sache siegen werde Hierauf wurde folgende Resolution einstimmig und im* langaudauerndem Bei falle angenommen: „Die am 8. Januar 1900 im Saale der Productenbörse versammelten Juden protestiren Namens ihrer Glaubens- und Stammesgenossen 1) gegen das seit Jahrhunderten gründlich tviderlegte, von gewissenlosen und unlautere Zwecke verfolgenden Hetzern immer von neuem wiederholte Märchen vom Ritualmorde. Sie proicstirt 2) gegen den Mißbrauch der Presse und der immunen Tribiine, die zum Wohle der Menschheit ins Leben gerufen wurde, insoweit sie jetzt zum Hetzen gegen eines der ältesten Culturvölker mißbraucht wird. Sie protestirt 8) gegen die Verdächtigung, daß die Juden irgend ein Verbrechen zu vertuschen bestrebt sind. Sie protestirt 4) gegen bewußt lügenhafte Behauptungen, die ihre altehrwürdige Religion besudeln und jeden einzelnen von ihnen in seinem rein menschlichen Gefühle kränken. Sie protestirt 5) gegen die Beeinträchtigung ihrer Freizügigkeit, gegen die Einschränkung ihrer Existenzberechtigung, gegen die Bedrohung an Gut und Leben und sie protestirt 6) dagegen, daß die Judenschaft in ihrer Gesammtheit zum Sündenbock gemacht wird für alle Folgen der in Oesterreich scharf zugespitzten wirthschastlichen, nationalen und politischen Gegensätze." Nach Verlesung dieser Resolution schloß der Vorsitzende die Versammlung. Dieselbe nahm, bis auf einen kleinen, durch das etwas geräuschvollere korporative Erscheinen eines Vereins hervorgerufenen Zwischenfall,

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