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Der Israelit · 1900-01-15 · Heft 5 (15.1.1900) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 5 (15.1.1900)
Date
1900-01-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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90 tvar nach Davos gezogen und ich mußte nothwendig in den sauren Apfel beißen und ihm dorthin nachreißen, nach Davos, dieser Hochburg der Tuberkulose und Schwindsucht, wo ich glaubte, daß Tuberkelbazillen und Krankheitspilze aller Art ihre tollsten Orgien feiern, und von dem ich mich deßhalb bis jetzt immer in respektvoller Entfernung gehalten habe. Wer von Zürich thalaufwärts in der Richtung vor. Chur fährt, gelangt nach kurzer Fahrt zur Station L a n d q u a r t, die den Ausgangspunkt der Eisenbahn Landquart-Davos, der höchsten Adhäsions-Bahn Europas, bildet. Fährt man auf dieser Bahn durch das wald- und wiesenreiche Thal des P r ä t t i g a u , so gelangt man etwa in zwei Stunden zu dem 1200 Meter hoch gelegenen Dorf und Sbmmerkurort K l o st e r s. Von hier führt die Bahn in mächtigen Kehren an der südlichen Berglehne durch Wiesen und Tannenwälder bergan. Immer großartiger entfaltet sich der Blick auf das tief unten liegende Prättigau und die herrlichen Gipfel der Rhätikon- und Schlappinerkette, sowie des vergletscherten Silvrettenstocks. Man gelangt zur Station L a r e t, einem kleinen, auf einer Stufe des Berghanges liegenden, rings von Wald umschlossenen Dorfe, das bereits zu Davos gehört. (Davos ist der Name nicht einer einzelnen Ortschaft, sondern eines ganzen, im schweizerischen Kantone Graubünden gelegenen Thales.) Wieder führt die Bahn bergan, und bald erreicht mau die niedrigste Stelle eines bewaldeten Bergrückens, Station Wolsgang, 1632 Meter hoch. Bon hier geht es rasch hinunter in das eigentliche Davoser Thal. An den bewaldeten Ufern eines stillen Bergsees vorüber gelangt man nach Davos-Dorf und dann nach Davos- Platz. Es ist kein Zufall, daß unter den vielen Hochthalern der Alpen gerade Davos zum großen Sommer- und Winterkurort geworden ist. Die verschiedenen Bedingungen, ohne welche ein Kurort für Brustkranke im Hochgebirge undenkbar ist, treffen bei Davos in einer Weise zusammen, wie es kaum bei einem anderen Hochthale der Fall sein dürste. Ich halte mich bei diesem Punkte nicht auf, da für mich die anerkannte Heilkraft des hiesigen Klimas hinlänglich aus der Kurliste hervorgeht, die zur Zeit 2455 Kurgäste aus aller Herren Länder ausweist; meistens aus Deutschland und England. Trotzdem hätte icb keine Spur von Krankheit bemerkt, wenn ich nicht darnach gesucht hätte. Die Gäste verkehren auf der Straße, treiben Eis- und Schneesport aller Art. Die Patienten, welche schwer krank sind, befinden sich in den Hotels und Villen und liegen in freier Luft auf Balkonen und in Liegehallen. Auf diese Weise wird man nirgends in unliebsamer Weise daran erinnert, daß man sich an einem Kurort befindet. Mich interessirte mehr die phänomenale Erscheinung, in der hier Sonne und Schnee, Hitze und Kälte, zusammen auftreten, sowie die zahlreichen Villen, Hotels, Sanatorien und ähnliche Anstalten, welche einen Werth von Millionen repräsentiren und in die weite Schneefläche, nne hingezaubert erscheinen. Hochgelegene Orte sind im Allgemeinen reicher an Sonnenschein, ärmer an Bewölkung und Niederschlägen, als die Tiefländer. Aber die Strahlen der Sonne gewinnen in ganz unglaublicher Weise an Jntensivität durch die weite Schneesläche, welche sie zuriickstrahlt. Wer diese Wirkung der Sonnenstrahlung nicht selber gesehen hat, kann sich davon schwerlich einen Begriff machen. Durch dieselben können bei einer Lufttemperatur von ö--lo Grad unter dem Gefrierpunkt selbst Kranke stundenlang im Freien sitzen, ohne wärmer be kleidet zu sein, als im geheizten Zimmer. Ein dunkler Filzhut wird an solchen Tagen bald lästig, die Kurgäste tragen dann gerne Strohhüle — inmitten meterhohen Schnees. Im Februar scheint die Sonne gewöhnlich schon so warm, daß man den Oberkörper vor ihren Strahlen durch einen Schirm oder ein Schattentuch zu schützen genöthigt ist, wenn man im Freien sitzen will. Man hat aber auch schon im Dezember und Januar an kalten, sonnigen Tagen auf den Terrassen der Davoser Kurhäuserdas Gefühl, in recht warmer Lust zu sitzen. Es kann in Davos in jedem Monat des Jahres Schnee fallen, am seltesten geschieht es im August. Regelt im Winter ist selten, seltener als Schnee im Sommer. Bon der zlveiten Hälfte des November an bis Ende April, zuweilen auch bis in den Mai hinein, in der Regel volle fünf Monate hindurch, ist das Thal mit Schnee bedeckt. Der Winterschnee ist nicht zäh lind feucht, lvie im Tiefland, sondern staubartig und trocken. Nur der frischgesallene und im Schmelzen begriffene Schnee läßt sich ballen. Die Höhe der Schneedecke ist sehr ungleich. Während sie in manchen Jahren kaum 50--60 Cm. mißt, erreicht sie in anderen 1 Meter und mehr. Im allgemeinen ziehen sowohl die Einwohner als die Kurgäste die schneereichen Winter den schneearmen vor. Der Schnee auf den Straßen wird durch schwere Walzen festgedrückt, dann spaziert man darauf so angenehm, tote auf dem besten Trottoir. Auch in gesundheitlicher Beziehung ist die Schneedecke, welche volle fünf Monate hindurch allen Staub, alles Faulende und Uebelriechende gebunden hält, von hohem Werth. Einen besonderen Reiz erhalten diese Naturschön heilen für den gewissenhaften Juden noch dadurch, daß er für ihren Genuß nicht auf die nöthigsten Bedingungen des Daseins, auf koscheres Esten und Trinken verzichten muß. Es ist dies für Leidende, welche hier Heilung suchen, von gar nicht hoch genug anzuschlagender Bedeutung. Eine solche Gelegenheit, zuverlässig koscher leben zu können, mitten im Schnee und Eis des Hochgebirges, ist ein Wunder, das fast dem geschilderten Naturwunder ebenbürtig zur Seite steht. Dieses Wunder repräsentirt H i r s ch 's Internationales Sanatorium in Davos- Dorf. Ich inuß gestehen, daß ich von dieser An- 21 aä

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