Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 5 (15.1.1900)
- Date
- 1900-01-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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41* Jahrgang. Beilage zu JYs 5 Des „Israelit". Feuilleton. Aus der Minterfrische. (Ein N aturwundc r). Davos-Dorf, im Januar. Zweimal jährlich führt mich meine Geschäftstour seil Jahren in die Schweiz; einmal im Sommer und einmal im Winter. Sie ist und bleibr ein merkwürdiges Land, von welcher Seite man sie auch ansieht, so merkwürdig, daß selbst eine fahrende Krämerseele meines Schlages aufthaut, daß es ihr in den Fingern zu prickeln anfängt, und dieselben zur Feder greifen, diesem Ableiter für alles, wovon das Herz voll ist. Ich spreche nicht von dem, was alljährlich Hunderttausende von Fremden in die Schweiz zieht, nicht von den Alpen mit ihren Firnen undGletschern. nicht von der Schweizerischen Eidgenossenschaft, deren Eigenart als Hort politischer Freiheit nicht weniger als die Eigenart der Natur den Fremdenstrom aus aller Herren Länder hierher leitet, was verstände auch ein auf Tuch und Buxkin gerichteter Reiseonkel von dieser schönen, sublimen Sache! Auch von der jüdischen Schweiz spreche ich heute nicht, obwohl die merkwürdige Wendung zum Besseren, die sich hier vollzogen und sich täglich, trotz Schächtverbot, immer nachhaltiger vollzieht, auch unter die Naturwunder dieses merkwürdigen Landes gehört. Wenn einer einem das, was sich da heute verwirklicht hat. vor zehn oder fünzehn Jahren prophezeit hätte, man hätte ihm besorgt den Puls gefühlt, um sich zu vergewissern, daß er nicht fiebert! In Basel haben sie ein prächtiges Bes-Hamidrasch gegründet, in einem eigenen Hause, in dem allabendlich gelernt wird, altmodisch gelernt wird, Baale Battim u. junge Geschäftsleute. Dort haben sie gar eine richtige Schaß-Chewra, in der jeden Abend mehr als ein Minjam Theilnehmer sich zu einem Schiur Gemoro zusammenfindet und die einzelnen Mitglieder abwechselnd vortragen! In Z U r i ch haben sie nicht nur ein Bes-Hamidrasch. sondern eine orthodoxe Religionsgesellschaft, die unabhängig von der Reformgemeinde, alle Gemeinde-Institutionen und selbst einen eigenen Friedhof hergestellt hat! Und das alles in einer Entfernung von nicht drei Stunden Bahnfahrt! Warum gibts das bei uns in Deutschland nicht? Wie viel mal drei Stunden könnte man auf den deutschen Bahnen zurücklegen, ohne auch nur auf eine Gelegenheit zum „lernen," ohne auf ein Bes-Hamidrasch zu stoßen! Doch von alledem will ich heute nicht reden, sondern es handelt sich um ein wirkliches Naturwunder, das ich hier erlebe und unter dessen Bann ich augenblicklich stehe, während ich diese Zeilen schreibe. Ich fuhr von Zürich weiter in der Richtung nach Chur ins Graubündener Land. Dort gibts keine jüdischen Gemeinden; es finden sich da vereinzelte Niederlassungen isolirter, jüdischer Familien. Die Gedanken werden daher unwillkürlich auf die Herrlichkeiten der alpinen Winterlandschaft gelenkt, durch die der Schnellzug braust — wenn man kein Geschäftsreisender ist, dieser hat dafür wenig Zeit und Muße und noch weniger empfänglichen Sinn. Er grübelt und rechnet, vertieft sich in seine Bestellungen, die er bereits hat und noch mehr in diejenigen, die er nicht hat, sieht seine ihm nachgehende Correspondenz durch und wenn er selbst damit fertig ist, hängt er seinen eigenen Gedanken und Grillen nach und hat kein Auge für die Schneeriesen, die ihm mit ihren weißen Kitteln und Kuppen ihren stummen Gruß entbieten. Er ist ja Reisender wider Willen; er wäre lieber zu Hause bei den theuren Seinen und alle Herrlichkeit der Natur verliert ihren Reiz vor der Herrlichkeit des Verkehrs in der Familie, auf welche der Reisende verzichten muß. Er hat so seine ganz eigenen Gedanken über das Reisen und jemehr er ihnen nachhängt, destomehr neigt er sich der Ansicht derjenigen zu, welche meinen, daß die Menschen doch recht komische Leute seien. Im heißen Sommer reisen sie in die Alpen, um die kühle, kräftige Bergluft einathmen zu können. Im Winter haben sie diese kühle, kräftige Luft vor ihrer Hausthüre, aber dann wollen sie warme Luft haben und reisen deßhalb nach dem sonnigen Süden. Das Ideal dieser sensationssüchtigen Reisenden wäre ein grün angestrichener Winter und ein eingeschneiter Sommer, wäre Kälte und Wärme in einem und demselben Athemzuge, wäre ein Zustand, den man selbst im Schlaraffenland vergeblich suchte und der außerhalb einer exaltirten Phantasie nirgends zu finden ist. So habe ich's bis zum gestrigen Tage immer angesehen. Aber heute bin ich belehrt und bekehrt, heute muß ich gestehen, was die ausschweifendste Phantasie sich kaum auszumalen vermag. Kälte und Wärme. Sonnengluth mitten im Eis und Frost, 45 Grad Celsius bei meterhohem Schnee, diese unvereinbaren Gegensätze, hier in Davos-Dorf sind sie in einer Weise vereinigt, die ich selber noch jetzt für unmöglich hielte, wenn ich sie nicht sähe, fühlte, wenn ich sie nicht athmete und nicht mit den Fingern tasten könnte. Ich war früher nie in Davos. Es liegt mit seinen 1650 Metern für einen orthodoxen Magen doch etwas zu hoch und abgelegen von der breiten Heerstraße, wo man ihn noch auf koschere Weise befriedigen kann. Dazu empfand ich auch ein gewisses Gruseln vor dem Ort, der mir als das Mekka aller Lungenkranken seit Jahren bekannt war. Aber einer meiner besten Kunden