Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 5 (15.1.1900)
- Date
- 1900-01-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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85 lesen zu haben erklärte, wegen Vernachlässigung der pflichtgemäßen Obsorge beim Bezirksgerichte zu belangen. Eine zweite in Verhandlung stehende Preß klage gegen August Schreiber wurde vom Ratenhändler Israel Dimant eingebracht. Dieser wurde in einer am 9. September v. I. im „Deutschen Volksblatt" erschte nencn Notiz fälschlich beschuldigt, an der in der Märzstraße 77 wohnenden Hausbesorgerin Marie Fialla ein schweres SittlichteitSdelitt versucht zu haben. Iran Fialla wurde kürzlich in Folge der Privatklage des Di mant beim Bezirksgerichte Iosephsstadt zu vierzehn Tagen Arrests verurtbeili. Gegen den verantwortlichen Redaeteur oes Blattes brachte Dimant eine Anklage wegen ^Vernachlässigung der pflichtgemäßen Obsorge ein. Die Klage des Lecker ivird von Dr. Herzberg —Frankel, die des Dimant von Dr. Scharsmesser vertreten, der geklagte Redaeteur tvird von Dr. E. I. Meper vertheidigt. Redaeteur Schreiber tvar nicht erschienen. Der Richter ging zunächst in die Verhandlung über die von Lecker gegen August Schreiber erhobene Preßklage ein. Dr. Meyer, der Vertheidiger Schreibers, erklärte, daß er im Namen seines Clienten dem Kläger einen Ausgleich anbiete. — Dr. Herzberg—7/ränfeI erklärte, daß er gemäß dem Aufträge seines Climten darauf nicht eingehen könne, der Fall sei auch zu craß, als daß ein Ausgleich möglich wäre. Der Richter verlas sodann den inrrimirten Artikel. Dr. Herzberg—Frankel beantragte die Einvernahme einer Freundin, der „mysteriös verschwundenen" Beatrix Duschet, einer gewissen Marie Vvit, durch deren Einvernahme das Verschwinden der Duschet aufgeklärt würde. Der Richter lehnte Liesen Antrag ab, da in dieser Richtung der Angeklagte überhauvt keinen Wahrheit.'beweis angebvten habe. In seinem Schlußantrage wies Tr. Herzberg- Fränkel aul das Erasse des heutigen Falles hin; das „Deutsche Votksblatt" flüchte sich stets aus dem Schwurgerichte in den Verhandlungssaal des Bezirksgerichtes, ivo den A.ngeklagten nach Art. 3 nur eine Geldstrafe erwartet. Es sei ziveisellos, daß die Erzählung von gem mysteriösen Verschwinden der Duschet in dem. nach Polna riechenden Artikel des „Deutschen Volksblattes" eine Beeidigung des .Klägers involvire. Der Richter verurtheilte den. angetlagten Redaeteur im ganzen Umfange der Anklage wegen Vernachtäffigung der vflichtgemäßen Obsorge zu einer Geldstrafe von sechzig Gulden, eventuell zu zivölf Tagen Arrests. Hierauf wurde in die Verhandlung über die Preßklage des Rateubändlers Israel Dimant eingeaangen. Außer dem verantwortlichen Redaeteur des „Deutschen Volksblatt" war in diesem Falle der verantwortliche Redaeteur der „Deutschen Leitung", Rudolf Rigl, augekkagt. Letzteres Blatt halle ebenfalls in einer Notiz den Ratenhändler Dimant beschuldigt, er habe an ver Hausbesorgerin Fialla ein schiveres Sittlichkeitsdelret verübt. Der Vertheidiger beider Redaeteure bot den Wahrheitsbeiveis für die Richtigkeit der inerimirten Artikel au. Dr. Scharsmesser wies darauf hin, daß die Unwahrheit der gegen Dimant erhobenen Beschuldigung bereits zweimal durch das Gericht festgestellt sei, einmal durch die Einstellung der Untersuchung gegen Dimant, das zweitemal durch die Berurtheilung der Fialla. Der Richter beschloß, den von den Angeklagten angebotcnen Wahrheitsbeweis dnrchznfiihren und vertagte sodann die Verhandlung. R'achod. (Ein erfundener Ritualm o r d.) Die Leiche des vermißt gewesenen Dienstmädchens Marie Ezervinka ist nunmehr in der Mettau gefunden worden. Sie wurde obducirt, und der Befund lautet vollständig negativ. Es >var auch nicht eine Spur einer Verletzung wahrzunehmen. Das Mädchen hat also durch Selbstmord geendet, und das Ritualmärchen von Rachod ist derart zum Glücke für die Dienstgeber der Czervinka nach kurzer Zeit als solches erkannt worden. Ueber den Fall wird außerdem berichtet: Die Cervinka hatte sich am 21. Dezember aus dem Hause, in dem sie bedienstet war, entfernt. Augenzeugen bestätigen, daß das Mädchen, trotz der strengen Wintcrkälte nur leicht bekleidet, den Weg zur Mettau genommen habe. Seitdem wurde die Eervinka nicht mehr gesehen. Ihr Dienstgeber, der Papierhändler Emannel Kohn, unterließ es. die Abgängigkeitsanzeige zu erstatten. Erst als die Mutter der Cervinka, eine Bäuerin aus Opocno, von dem Verschwinden ihrer Tochter Kenntniß erhielt, wurde die Behörde am 31. Dezember davon verständigt. Nun wurde gegen Kohn eine Untersuchung eingeleitet. Dieser verantwortete sich dahin, er wisse natürlich nichts von dem Verbleiben des Mädchens, u. die Anzeige habe er deßbalb unterlassen, weil er gemeint habe, die Marie sei zu ihren Verwandten nach Opocno gereist. Eine Hausdurchsuchung ergab nichts, was für eine Schuld Kohns gesprochen hätte, wohl aber fand sich im Koffer br Cervinka ein Brief ihres Bruders, in dem dieser dem Mädchen dessen Selbstmvrdabsichten auszureden versuchte. „Du darfst Dir das Leben nicht nehmen," heißt es dort, Du hast es Dir auch nicht gegeben." Die Cervinka hatte ein Liebesverhältniß mit einem Kaminfeger-Gehilfen, und die Aussichtslosigkeit, den Geliebten beirathen zu können, brachte sie auf Selbstmordgedanten. Daß sie dieselben wirklich ansgeführt hat, wurde jetzt endgiltig bewiesen, als man die Leiche der Armen auf dem Grunde der Mettau gefunden hatte. Die letzten Tage über verbreiteten sich hingegen in Nachod und in den umliegenden Dörfern jene finsteren, unheimlichen Gerüchte, die seit der Polna.er Hetze in Böhmen und Mähren so fruchtbaren Boden finden. Und als nun Emannel Kolm in seiner Aufregung bei einem Verhör eine unziemliche Aeußerung machte und, zu einer Diseiplinarsirafe verurtheilt, sofort in Haft behalten wurde, da hieß es sofort: Der Mörder hat gestanden! Er wird nach Königgrätz gebracht ins Kreisgericht! Es bildeten sich große Ansammlungen vor dem Nachoder Gerichts gebäude. Alles wollte den „Ritualmörder" sehen, wie er den Wagen besteige, in dem er fortgeführt »verden würde. Nur mit Mühe gelang es sechzig Gendarmen,