Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 5 (15.1.1900)
- Date
- 1900-01-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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82 Weise verunglimpft hat, aber trotzdem nicht umhin I kann, sich im sechsten Bande seiner Geschichte folgenders maßen über die Reform zu äußern: „Sie hat tief eingreifende Jrrthllmer verbreitet, indem sie das Judenthum zur Theologie-, d. h. zu einer Kirchen- und Dogmen-Religion gemacht und Vesten Vertreter, die Rabbinen und Träger der Lehre, zu Geistlichen und Pfarrern gestempelt hat. Dadurch hat diese Richtung das Judenthum e i n g e e n g t und das, was Jahrtausende überragte, in den Kreis der Erscheinungen von gestern herabgezogen. In großer Hast bat. sie die taum kalt gewordene Gedankenarbeit sofort iu's Le den einführen, oder, wie die Forme! lautete, die „Lehre mit dem Leben ausgleichen" wollen, die Lehre, die noch nicht begriffen war, dem Leben, d. h. den Anforderungen der Bequemlichkeit, der bürgerlichen Gleichstellung zum Opfer zu bringen. Die Wissen schaft war ihr nickt Selbstzweck, sondern Mittel, um das Judenthum von dein Inhalte zu entleeren, der seine Eigenart ausmacht, uin es zu etivasRagelneuem umzuformen. Sie hat der Willkühr, mit der Fried länder, Jacobfon und ihre Gesinnungsgenossen die Reform eingeführt hatten, den Schein der Nothwen digkeit und der wissenschaftlichen Berechtigung ver leihen wollen. Durch ihr ungestümes und absprechendes Wesen hat sie einen herben, heftigen Gegensatz hervorgerufen und somit den Samen der Zwietracht in Jakob's Weinberg gestreut." iSeite 5().‘>.) Diese durch die Reform gesäte Zwietracht hat die deutsche Judenheit in zwei große sich bekämpfende Parteien geklüftet: in die Anhänger dieser Modereligion u. in Bekenner des überlieferten, historischen Judenthums. Die ersteren nannten sich, wie bereits bemerkt, R e - fermer, während man die anderen als Orthodoxen bezeichnete und mit dieser Bezeichnung das Odium der Stabitität und Verknöcherung, der Denk scheu und des Muckertbums verband, um die Angehörigen des alten Judenthums schon durch ihren Namen als Feinde jeden Fortschrittes und jeder Aufklärung zu Dieses Eoquetliren der jungen Reform mit der Zeit und ihren jeweiligen Strömungen verschaffte ihr mehrere Dezennien hindurch einen immer mehr zunehmenden Anhang. Ihre Partisane entfalteten durch Zeitschriften, Litteratur-Vereine, Predigten und Rabbinerversammlungen eine rührige Propaganda für die neue Religion, bis sich Vertreter des gesetzestreuen Judenthums aufrafften und den Fehdehandschuh auf nahmen, den die eigenen Brüder unserem iiberkommenen Vätererbe hingeioorfen hatten. An die Spitze der Kämpfere trat S a rn son RaphaelHirsch der mit Kämmender Begeisterung für Gott und Seine Sache in die Bresche trat und den Kampf mit dem nummerisch überlegenen Gegner aufnähm. Ihm schloß sen sich dann von der gleichen Begeisterung durchglühte Mknnet an.' wie dev erst in diesem Ja-hre-dahingegan-.- gene Robb. Dr. Hildesheimer, Dr. Lehmann, der Begründer des „Israelit" und andere. Sie haben den Namen der Orthodoxie zu Ehren gebracht I und haben es noch erlebt, den Niedergang des Rcformj judenthums und die Erstarkung des einzigen, wahren überlieferten Judenthums mit eigenen Augen zu schauen und so das Bewußtsein des Sieges der guten Sache mit in die Ewigkeit zu nehmen. In Preußen, Baden, Hessen und außerhalb Deutschlands, auch in Ungarn, Hai der Staat die religiösen Bedenken der Bekenner des gksctzcstreuen Judenthums anerkannt, welche aus der Gemeinschaft mit Resor/ngeme/nden resukkiren. Die Orthodoxen sind deßhalb ans den dem Reformjudenthl!ni huldigende/! Mnttergemeinden an vielen Orten ansgetreten und haben sich selbstständig conftituirt.*) Es ist dies ein Triumph der Gewissens- und Religionsfreiheit, der sich würdig der sozialen Befreiung anreibt, welche uns das neunzehnte Jahrhundert gebracht hat, und den wir nicht unter den Errungenschaften dieses Säkulums iniiTcn möchten. Wenn uns die Einancipation das Streben nach Assimilation gebracht bat, ivelebe dann durch die Reform und die sogenannte Wissenschaft des Judenthums als berechtig/ und salonfähig erklärt loerden sollte, so ist die Erstarkung der Orthodoxie der Damm, welcher diesen destruktiven Bestrebungen sich i/iit Erfolg entgegen stellte. Einen noch wirksameren Riegel hak den Astimilationsbestrebungen eine andere eigenartige Erscheinung aus dem letzten Viertel dieses Jahrhunderts vorgeschoben, die, so betrübend sie auch an nnd für sich ist, unter diesen: Gesicktswintel betrachtet, auch ihre Lichtseiten hat: Der A n t i s e in i t i s rn u s. Derselbe unterscheidet sich von dem alten, eingefressenen Judenbaß dadurch, daß letzterer di? Religio n, ersterer die A b st a m m u n g und R a e e der Juden zum Vorwand hat. Wen man die Juden haßt, weil sie eine andere Religion als ihre Hasser haben, so gibt es dagegen ein Mittel, man braucht nur die Religion der Väter zu verleugnen, und die Religion unserer Hasser anzunehmen, kurz, sich ihnen zu astimiliren. Das haben deßhalb viele versucht und so ungünstig diese Versuche aussielen, so wenig auch durch sie erreicht wurde, so entrissen sie doch dem instinktiven Judenhaß sein faden fcheiniges religiöses Mäntelcken. Wenn der Judenhaß nur der Religion der Juden gilt, so hat er keinen Sinn und keine Berechtigung mehr, sobald die Juden ihrer eigenen Religion den Rücken kehren. Dazu kommt, daß das religiöse Moment in der zweiten Halste des abgelaufenen Jahrhunderts allgemein an Beder.'tsan/keit so viel cingebiißt hatte, daß man das religiöse Betenntniß füglich nicht mehr als hinlänglichen Grund für Haß nnd Feindschaft ausgeben konnte. Wenn Ehristen diejenigen lvirklick, Haffen ivollten, die keine wahren Christen sind, so finden sie in ihren eigenen Reiben so viel Gelegenheit zur Entfaltung dieses Hasses, daß üe nach lange nicht an die Juden zu kommen brauchen. - Deßhalb verfiel der erfinderische ■ alte Judenhaß ans ein neues Mittet: er haßt die Juden, nicht mehr *) Der jung sie derartige Austrick hat sich aus der :Kr fovmßemeinbe in önigsberg i Pr. in den letzten Tagen des abgelaufenen Jahrees vollzogen. Wir werden darüber deinnächst eingehend berichten-