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Der Israelit · 1900-01-15 · Heft 5 (15.1.1900) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 5 (15.1.1900)
Date
1900-01-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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4L Jahrgang. M S. Der Israelit. Gentrat-Hrgan für das orthodoXe ZudentHum. Begründet von Dr. Lehmann in Vtatnn Montag, den 15. Januar 5660 (1900). Leitender Artikel. Rückblick. IV. Mainz, den 14. Januar. Der am Schluß des vorigen Kapitels betonte Zusammenhang zwischen E m a n c t p a t i o n und A s - fimilation bietet erwünschten Anlaß, auf eine der vielen Beziehungen hinzuweisen, die zwischen Judenthum und Judenheil, zwischen unserem äußeren Geschick und unserem eigentlichen Beruf bestehen, wie jener sich heiter oder schmerzvoll gestaltet, je nach der Art und Weise, wie wir uns zu dieser Lebensaufgabe stellen. Das abgelaufene Jahrhundert hat uns in dem größten Theile Europas die Emancipation, d. h. die Gleicbberechtigung und Gleichstellung mit allen anderen Staatsbürgern gebracht. Es hat die sozialen und politischen Schranken aufgeboben, die den Juden vom Nichtjuden sonderten, und hat den Juden als ebenbürtigen Mitbewerber in allen materiellen und ideellen Gütern des Lebens anerkannt. Man hat dagegen, wenn auch nicht ausdrücklich, verlangt, aber es doch als selbstverständlich vorausgeserzt, daß wir Juden nun auch die religiösen Scheidewände abtragen, die uns von unserer nichtjüdischen Umgebung trennen. Biele aus unseren Reihen geberdeten sich dabei katholischer, als der Pabst und zeigten sich für diesen Schacher bereit, der äußere, politische und gesellschaftliche Bortheile gegen Dreingabe tausendjähriger religiöser Satzungen eintauscht, der für das Linsengericht der Emancipation das alte, jüdische Erstgeburtsrecht wie nutzlosen Trödel preisgibt. Man vergaß dabei die Kleinigkeit, daß um solchen Preis unsere Väter und Großväter längst vor Beginn des neunzehnten Jahrhunderts hätten emancipirt fein können. Aber diese hätten sich einer solchen Handlungsweise geschämt. Ihr klarer, unbestechlicher Geistesblick sah die Ungeheuerlichkeit ein, welche Juden ohne Judenthum bedeuten. Wohl sehnten sie sich nach Anerkennung der ihnen so lange vorenthaltenen Menschen- und Bürgerrechte, aber als Juden saus phrase tuottten sie emancipirt sein, nicht als Juden, die das in Wirklichkeit nicht sind, nicht als Phrasen-, Schinken- und bloße Physiognomie-Juden. Aber auch diejenigen, welche sich zu der Fahnenflucht und dem Treubruch verstanden, der das Preisgeben ihres Judenthums gegen den Besitz dieser Rechte bedeutet, hatten wenigstens das Bedürfniß nach einem Feigenblatt, um ihre Blöße, wenn auch dürftig, zu verhüllen. Sie suchten daher ihren Abfall von ihrem Heiligthum wissenschaftlich hinterher zu rechtfertigen oder doch zu beschönigen. Ihre Wortführer construirten zu diesem Zweck eine besondere Afterwissenschaft, die sic mit dem stolzen Namen „Wissenschaft des Judenthums" benannten. Sie nannten den Verrath an ihrem Allerheiligsten, den Bruch mit ihrer nach Jahrtausenden zählenden Befangenheit und ihrer verheißenen Zukunft, um die Gegenwart in vollen Zügen genießen zu können, nicht mit ihrem eigentlichen Namen Revolution, sondern „Ne form des Judenthum s." Sich selber nannten sie, trotz dieses Handels und Schachers, mit den höchsten Gütern des diesseitigen und jenseitigen Lebens, zur Erlangung zeiLicher Vortheile, nicht Handels- und Schacherjuden, sondern Reformjuden. In die Zeit der Vertreibung der Franzosen aus Deutschland im Anfänge dieses Jahrhunderts, als Religion und Kirchlichkeit Mode ward und zum guten Tone gehörte, fällt auch die Jugendzeit des Reformjudenthums. Wem unser Urtheil über dasselbe zu hart dünkt, dem wollen wir einen nach dieser Seite hin unverdächtigen Zeugen vorführen, der selber zu der Zunft der „Wissenschaft des Judenthums" zählt, es ist Grätz, der in seiner Geschichte der Juden die gefeierten Träger des überlieferten historischen Judenthums in unerhörter

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