Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 4 (11.1.1900)
- Date
- 1900-01-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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64 Wahres in der Synagoge zur Thora gerufen werde und ZUM Schluffe fehlerlos die Haftora (eine Stelle aus den Propheten) mit der vorgeschriebenen Tonart, laut hersagen und im Hause vor der geladenen Gesellschaft, eine Stelle aus der Mischna, sammt Erklärung, vortragen könnte. Er hatte zu diesem Behufe einen tüchtigen Bachur geworben. Anfangs ging das Lernen ziemlich vorwärts und schon freute sich der Vater, daß Alles zur allgemeinen Zufriedenheit ablaufen werde. Jedoch seit etwa vierzehn Tagen klagte der Lehrer, LöbKurzhcmdl, daß in den Burschen der Satan gefahren sei, er war unmuthig, wollte die vorgeschriebenen Stellen nicht widerholen. Schläge und Ermahnungen halfen nicht, selbst dem täglichen Tefilinlegen schenkte er nicht die geringste Aufmerksamkeit, beink Gebet tvar er zerstreut, sagte nie Amen bei den Benedietionen und, was ain Äuffal lensten war, sein Arbaeanfos (den Brustlatz mit den Schaufäden an den vier Ecken), welches jeder fromme Jude seid seinen', sechsten Lebensjahre bis zum Lebensende tragen muß, rvurde täglich, irgendwo versteckt, ausgefunden. Der betrübte Vater wußte keinen Rath mehr. Vor drei Tagen, am Morgen, öffentlich in der Synagoge, hatte er, durch einen Widerspruch Schimeles gereizt, diesem einen Schlag ins Gesicht versetzt.- der Bur sche schrie laut auf, lief dann aus der Synagoge und war seit dieser Stunde spurlos verschwunden. Reb Loser, der seinen Sohn trotz aller Fehler liebte, war ganz untröstlich, und die Vorwürfe Leas, daß er mit dem Buben zu streng gewesen, und dieser sich, Gott behiite, ein Leid angethan, lasteten centnerschwer auf seinem Gewissen. Umsonst suchte und fragte er überall nach. Niemand wußte Bescheidendlich heute Nachmittag wurde ihm mitgetheilt, daß Schimele auf der Neustadt mit dem Meschumed (Convertiten) Kafka, oder Kawka, wie er als Christ hieß, gesehen wurde. Heiß schoß es in Reb Loser auf. Er lvußte, daß seit vielen Jahren in der Gasse das Nebel um sich gegriffen, daß ungerathene Buben, der verdienten Züchtigung zu entgehen, zu den Jesuiten liefen, um sich taufen zu lasten. Die hochwürdigen Herren hatten für solche Judenknaben eine Schule errichtet, >vo diese im „christlich katholischen Glauben" unterrichtet wurden. Diese Schule rvurde ans den Geldstrafen der Juden erhalten. An ein solches Unglück hätte wahrlich Reb Loser nie zu denken gervagt u. den Buben lieber todt gesehen, als solcher Schande anheimzusallen. Er bot alles auf, um Schimele Hab ha st zu werden: des Meschumeds Aufenthalt konnte er nicht erfahren, da wandte er sich an besser Bruder Josel, ein verkommenes Individuum, der zu Allem, zur schlechtesten Handlung sogar, fähig rvar, er kam ihm tvie zufällig in den Wurf. Reb Loser versprach ihm reichen Lohn, wenn er den verlorenen Sohn wieder ins Haus zurückbringe. Josel versprach alles Mögliche aufzubieten und war, wie er angab, überzeugt, daß cs ihm auch gelingen werde, tvodurch Reb Loser luteber besseren Muthes wurde. Rach der Unterredung mit Josel suchte er den Bachur Löb Kurzhandl auf und kam mit diesem nach seiner Wohnung, wo er mit Sehnsucht erwartet wurde. „Nun, was ist's, Loserleben?" sprach ihn beim Eintritt sein wehgeplagtes Eheweib an, „hast Du was von Schimmele gehört?" „Beruhige Dich, Lea, «nein Kind," antwortete er tröstend, „Gott der Allmächtige u. Allgütige wird mein Gebet erhören und uns nicht tveiter so hart prüfen. Schimele wird wieder zurückgebracht werden, und keine Schande soll iiber uns kommen." (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit" erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend höher. Man abonnirt ganzjährlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Der Buchhandel verkehrt durch D. I?. S l r i n a ck r r, Leipzig Notzplatz sb. — Inserate 25 Pfennig die viergespaltene Petitze'le oder deren Raum. Preis der Zeile im Reclametheil 75 Pfennig. — Tirecte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder l6 Kronen österr., für s Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einsenden. Postzeitungsliste 5863. Telephon 315. Eine Rücksendung der an die Redactton eingesandten Mannscripte findet nicht statt, man bittet deshalb, sich von allen Einsendungen eine Copie zurückzubehalten. Stellensuchende erhalten aus Wunsch die Inseraten Beilage vier Wochen lang gratis und franco zugesandt. Ebenso stunden wir ans Wunsch die Zahlung des Jnsertionsbetrags an außer Stelle Befindliche bis nach Erlangung einer solchen. Anhalt (Hauptblatt». Leitender Wrtifel: Rückblick. — Zeitungsnachrichten und tfnmfponbenaen Deutschland: Frankfurt a. M. Hannover. Elberfeld. Oesterr.-Uugar. Monarchie: Wien. Sabortcn. Schweiz: Basel. Italien: Rom. Amerika: New p-ork. -- Feuilleton: |Ex odio Mae. (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspoiidenzrn: Deutschland: Berlin. Frankfurt a. M. Kaitowitz. Köln. Darmftatt. Oesterr-Ungar. Monarchie: Budapest Amerika: Chicago. Rußland: Petersburg. — Personalien. — Vermischtes. Anhalt der zweiten Beilage: Leitender Artikel: Tie antisemitischen Vorgänge in Australien. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Aus Bayern. Oesterr.-Ungar. Monarchie: Ans Ungarn. Budapest. Rußland: Petersburg. Rumänien: Bukarest. Verantwortliche Redaction: Oscar,Lehmann in Mainz. — Expedition des ,Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'fchen Hofbuchdruckerei Actien-Gefellfchaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.