Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 4 (11.1.1900)
- Date
- 1900-01-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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63 ■ ncte zwar, aus Racenvorurtheil zu handeln, aber That- I sache bleibt es doch, daß sein Hotel nur der ainerika- > nischen Aristokratie offen steht. Es ist nicht der laute f Antisemitismus Europas, sondern ein stiller, der aber deshalb nicht minder wirksam ist und den alles Ableugnen nicht aus der Welt schaffen kann." ftettflletott. Ex odio fidae. Histovrfrhr <£ v z Ä h l rr n g 4) Von Mathias Kisch, Prag. Im ersten Stockwerke des einstöckigen Hauses der Pintasgasse, welches heute die Nummer 24 trägt, wohnte Lazar Abeles mit seinem Weibe Lea und seinen beiden Kindern, außerdem, in einer Kammer nebenan, sein Schwiegervater Reb Lipmann Doreles. Nachdem diese Familie in unserer Geschichte in den Vordergrund treten ivird, so wollen wir sämmtliche Mitglieder derselben ein wenig zu schildern versuchen. Lazar Abeles, oder, wie er in der Gaste genannt wurde, Reb Loser, war eine kräftige Gestalt von etwa 4~ Jahren, er war fromin, sogar streng fromm, versäumte es nie, tagtäglich mindestens dreimal die Synagoge zu besuchen, verstand wohl die Bibel und Auslegungen in der Ursprache zu lesen, befragte auch bei jeder Gelegenheit, die sich in Ritualangelegenheiten bot, den Schulchan-Aruch ') beschäftigte sich täglich mit dem Scheloss *l aber ein Gelehrter nach den daiualigen Begriffen tvar er nicht, von Talmud und Deeisoren ver stand er tveuig oder gar nichts. Auch von Geschäften hatte er tveuig Verständnis;, er lieh gegen Pfänder kleine Beträge. Dieser ErwerbSztveig scheint aber nicht besonders luerativ gewesen zu sein, weil seine Gattin Lea, die Tochter des Lipmann Doreles, zuin großen Theil selbst den Hausbedarf besorgen mußte. Sie war nämlich Hausjüdiu in Herrschasts- und vornehmen Bürgerhäusern. Eine Hausjüdin tvar in früheren Zeiten geradezu ein Bedürfnis, für die Damen der besseren Stände: datnals gab es tveder Modetvaarengeschäfke, itoch Modistinnen im heutigen Sinne, die Hausjüdin mußte alles das besorgen, was im Hause an Wäsche, Kleider, Schtuuck und andere Toilettartikel gebraucht tvurdc, ebenso für die Dame selbst, als auch für die Kinder. Wie ettva heute noch nach der Modistin geforscht ivird, ivenn eine Daine schöne und geschmackvolle Kleider trägt, eben so tvurde damals in solchein Falle nach ihrer .Hausjüdin gefragt. Diese mußte von allen Artikeln die besten Duellen kennen, um die Dame zufrie- *) Die Bände Ritualkoder. **) Abbreviaturen von Schne luchot ha Brith, d. h. die Heiden Bundestafeln. Ein kabbalistisches weitläufiges Werk, welches über Religion, Sitten, Moral und Askese handelt. den zu stellen und dann selbst einen Profit daran zu haben. Seit ettva einem halben Jahre war Lea aber bettlägerig und konnte ihrer Beschäftigung nicht nachgehen. Ihres Mannes Leihgeschäft, wie gesagt, trug sehr wenig ein, und um die Kundschaft nicht zu verlieren, sah sie sich, ivenn auch mit Widerstreben, genöthigt, ihre Tochter Sarah ab und zu zu den bekannten Damen zu senden, um nach deren Ordres Nachfrage zu halten. Bekam sie Aufträge für Stoffe, Kleider u. s. w., so beschrieb dieser die kranke Mutter, wo sie solche zu holen hätte, wählte selbst, da sie den Geschmack jeder einzelnen Kundschaft genau kannte, die Muster aus und sandte damit wieder die Tochter zur betreffenden Dame. Sarah tvar 16 Jahre und ein vollendetes Weib, sie tvar schön in des Wortes iveitester Bedeutung. Ueppige Zöpfe, schwarz wie Ebenholz, umrahmten ihr etwas rosig angehauchtes Gesicht, über ihre, wie Sammt glänzenden dunkelblauen Augen hingen lange Wimpern, gleich geheimnißvollen Vorhängen und ein schlanker Leib tviegte sich auf üppigen Hüften. War es ein Wunder zu nennen, wenn ein junger, feuriger Mann, tvie Ottokar Bonekamp, dieses Mädchen, bei dem Orient und Occident sich vereinigte, um iie mit den schönsten Gaben zu schmücken, auffiel. Er sah sie bei feiner Tante, der Schwester seines Vaters, die zu den Kundschaften der Lea Abeles gehörte, betrachtete sie ziemlich lange, um so recht den Eindruck der ganzen Gestalt in sich aufzunehmen, und von dieser Zeit an folgte er ihr wie ein Schatten auf allen ihren Geschästswegen. Er sprach Sarah oftmals an, Anfangs wich sie ihm schüchtern und furchtsam aus; später hörte sie neugierig die noch nie vernommenen Reden mit an, welche, nach der alten Geschichte, bei ihr immer tiefer und tiefer ins Herz drangen, bis diese, wie wir im Anfang dieser Geschichte gesehen haben, zu einer ernsten Liebschaft führten. Sarah hatte auch einen Bruder, Simon, gewöhnlich Schimele genannt. Dieser war beinahe 13 Jahre alt, ein ebenso beschränkter, als störrischer Bursche, der seinen Eltern tveuig Freuden bereitete. Am heutigen Abend, vier Wochen nach der im Hause Bonekamps geschilderten Scene, saß Sarah bei dem Bette ihrer kranken Mutter; Reb Lipmann, ein Greis von 70 Jahren, saß, unruhig mit den mageren Fingern am Tisch trommelnd: nur das leise,' schmerzhafte Stöhnen der Mutter störte die Ruhe in der Stube. Ein tiefes Leid ist in diese durch Leas Krankheit ohnehin schon so tief betrübte Familie eingekehrt. Schimele fehlten noch wenige Wochen zur Barmiztva;! trotzdem der Bursche nie etwas Ernstliches lernen wollte, mußte doch der Vater alles aufbieten, daß dieser am Tage seines vollendeten dreizehnten Lebens- *) Mit dem 13. Lebensjahre wird ein Knabe, der bis zu dieser Zeit als Kind gilt,ßzu allen religiös ^gesetzlichen Handlungen verpflichtet.