Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 4 (11.1.1900)
- Date
- 1900-01-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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62 einer völligen Ablehnung gleichkommen. Indessen geht die Information dahin, daß die deutsch-schweizerischen Katholiten ohne Vorbehalt das Begehren der Juden sympathisch aufnehmen, da sie das Schächtverbot als einen Eingriff in die Kultusfreiheit grundsätzlich bekämpfen. Auch in radikalen Kreisen würde man sich der Initiative nicht entgegenstellen, wie überhaupt das Sckiächtverbot niemals die Angelegenheit einer politischen Partei gewesen ist, sondern zum Theil thierschützlerischen , zum Theil antisemitischen Regungen entsprungen ist. Für das laufende Jahr stehen eidgenössische Abstimmungen über die Doppelinitiative (Bolks- Ivahl des Bundesraths und Wahl des Rationalraths nach dem Proportionalsystem) und über die Versichernngsgesetze bevor. Diese beiden Gegenstände sind so Ivichtig und werden eine so lebhafte Agitation Hervorrufen, daß eine dritte große Bewegung, lvie die ge nannte, vollständig sich selbst überlassen bleiben würde. Vielleicht wird von den Initianten gerade hieraus ge^ rechnet. Eine Prophezeiung über den muthinaßlichen Ausgang einer Initiative zur Aushebung des Schacht Verbots ist heute noch verfrüht. (Fr. Zt.) Italien. Nom. Vor einigen Tagen ist unser allverehrter Rabbiner Dr. Moise E h r e n r e i ch im Alter von 80 Jahren verschieden. Ungetheilte Trauer hat sich unserer ganzen Gemeinde bemächtigt und findet ihr Echo auch in den Tageszeitungen. Moise Ehrenreich wurde im Jahre 1819 in Brody geboren, zu einer Zeit, Ivo in Galizien bereits Männer, wie Joseph Perl, Abraham Krochmal, Jehuda Lob Rappoport u. A. auf die Jugend des Beth Ha-Midrasch ihre Anziehungskraft ausübten. Ehrenreich bildete sich vorzüglich unter Joseph Perls Leitung heran, indem er in dessenRormatschule zu Tarnopol neben den rabbinischen Studien auch den Wissenschaften des klassischen Alterthums sich widmete. Noch im hohen Alter konnte er beträchtliche Stücke aus den griechischen und lateinischen Schriftstellern aus dem Gedächtnisse hersagen. Bald zog es aber den Jüngling nach Padua, wo, begünstigt von der österreichischen Regierung, unter Leitung della Torre's und Luzzattos das erste Rabbiner-Seminar bestand. Sein Lehrer Luzzatto erkannte in Ehrenreich ganz besondere Fähigkeiten für sprachliche und exegetische Forschungen und nahm gern von ihm Beiträge für seine italienische Uebersetzung und hebräische Kommentirung der Heiligen Schrift an. Dem mit Auszeichnung aus dem Rabbiner-Seminar Entlassenen gab Jsaac Reggio seine Tochter Elena zur Frau, eine geistreiche Dame, mit der der Heimgegangene mehr als oO Jahre in glücklichster Ehe verbunden war. Bald erhielt Ehrenreich eine Berufung als Rabbiner nach Casale Monferrato, einige Jahre darauf nach Modena, wo noch heute der Morenu Ehrenreich und die Morenessa Elena in gesegnetem Andenken stehen. Sein kindliches Gemüth, seine seltene Bescheidenheit und Sanftmuth erwarben dem Rabbiner die allgemeine Verehrung. Leider fehlte , ihm die kraftvolle Energie, welche Widerständen zu begegnen vermag, und er fügte sich in Resignation, wenn er mit seinen Wünschen und Vorschlägen bei den Gemeindeleitungeu nicht durchdringen konnte. Seine Reigi'.ngen gingen vorwiegend darauf, sich der Jugend- Erziehung zu widmen, und so nahm er gern das An erbieten des Herrn Malvano in Turin an, die Unterweisung seiner zahlreichen Kinder zu leiten. Als er diese Aufgabe vollendet harte, folgte er im Jahre 1889 dem Rufe als Leiter der hiesigen Talmud Thora-Anstalt, wo er seine organisatorische Befähigung uno durch Erweiterung des Lehrplanes und durch die Einrichtung von Mädchenklassen bewährte, wie er sich überhaupt viele Verdienste um die Hebung deer Schule erwarb. Mit der (verunglückten) Gründung des Rabbiner Seminars im Jahre 1887 erivuchsen ihm schlvere Pflichten, zumal die Gemeinde auch später ihm die Verwaltung des Rabbinats als Raddino Maggiore übertrug. Aber feine Kräfte reichten trotz ernstesten Willens und hingebendsten Fleißes nicht aus, weder das Rabbiner-Seminar, Ivelches schon seit seiner Gründung den Keim seines Todes in sich trug, zu er ijalteu, nod) die religiösen Zustände der Gemeinde wesentlich zu verbessern, die schwierige Ausgabe er forderte einen Mann von hinreißender Beredsamkeit und zähem Willen. In der niederbeugenden Erkennt niß, daß sein Streben bei der indifferenten Gemeinde dem richtigen Verständnisse lind der erforderlichen Unterstützung nicht begegne, legte Ehrenreich vor einigen Jahren seine Aemler nieder. Der edle Greis mochte die bitteren Enttäuschungen mit dem Velonßtsein ver binden, stets das Besse gewollt zu haben, und dieser Ruhmestitel ivird ihm über das Grab hinaus erhalten bleiben. (Jüd. Pr.) A m e r i k a. Newvork. Vorn Antisemitismus in Amerika Ivird in dc „Zukunft" folgendes Bild entworfen: „Da sich der Amerikaner einfür allemal zum Paladin der Freiheit und Gleichheit und zum Schutzpatron aller Unterdrück ten ernannt hat, so stände es ihm schlecht an, offenkundig Raeenvorurtheile zu bekennen. Agitatoren des Antisemitismus gibt es daher nicht. Aber während der Amerikaner in der Oeffentlichkeit Philosemitismus heuchelt, anliiemitisirt er ganz im Stillen umso fröhlicher. Wie der Semit keinen Zutritt zu der allerfeinsten Gesellschaft hat, so hat er ihn Kraft desselben stillschweigenden Uebereinkommens auch nicht zu den allerfeinsten Privatschulen, zu den allerseinsten Elubs und den allerfeinsten Hotels. Die Besitzerin einer solchen hochfashionablen Schule für junge Damen hat vor einiger Zeit offen eingestanden, daß sie israelitische Schülerinnen nicht aufnehme, weil die Eltern ihrer christlichen Schülerinnen es nicht wünschten. Und das hocharistokratische „Orient-Hotel" am Meeresstrande bei Rewyork ist wiederholt der Gegenstand großer Scandale gewesen, weil es im Gegensatz zu seinem Namen nur christliche Gäste beherbergt. Der Besitzer leng-