Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 4 (11.1.1900)
- Date
- 1900-01-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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60 der geistige Führer, als das politische Oberhaupt seines Volkes. Aus einer Proselitensamilie hervorgegangen, war Rabbi Akiba bis ins reifere Mannesalter nichts weniger als jüdischer Gelehrter, wurde jedoch durch den Einfluß der Tochter seines reichen Brodherrn in Jerusalem, welche sich liebend zu ihm hingezogen fühlte und den regen Geist des Hirten erkannte, veranlaßt, die Quellen der Gotteslehre zu erforschen. Durch eisernen Fleiß und große Begabung wurde er bald ein hervorragender Gelehrter und nach jahrelanger Abwesenheit kehrte er mit einer großen Anzahl von Schülern in die Heimath zurück. Sein Weib, dem er Alles zu verdanken hatte, veranlaßte ihn jedoch, nochmals zu wandern, um nach einigen Jahren als der geachtetste Lehrer in Israel zur damaligen Zeit, mit einem Gefolge von 12,000 Schülern zu seiner treuen Gattin heimzukehren. Der Redner erzählte im Verlaufe seiner äußerst interessanten Darlegungen so manche Episode aus dem Leben R. Akibas und bewies durch Citirung mehrerer Talmudstellen, in welch' hohem Ansehen derselbe bei den zeitgenössischen Weisen stand. Alsdann wurde seine Lehrthätigkeit besprochen, die sich besonders dadurch auszeichnete, daß er mit Scharfsinn nachlvies, wie die „feststehende halachifche Tradition im Schriftvcrs enthalten fei." Zum Schluffe wandte sich der Redner der politischen Bedeutung R. Akibas zu, erwähnte seinen Glauben an di: Sendung Bar Kochbas, die durch seine unerschütterliche Zuversicht auf das Erscheinen des Moschiach erklärt wird und schildert in ergreifender Weise seinen Tod auf dem Blutgerüst der römischen Tyrannen. Mit freudigem Herzen ertrug der Greis, welcher ja auch zu den Afforoh haruge Malchus gehört, die Qualen: batte er doch diesen Augenblick, da er für den heiligen Namen des einzigen Gottes sterben durfte, stets herbeigesehnt. Mit den Worten der Schüler R. Akibas bei seinein Scheiden: ^rsn "TTVÄt?; nxrtT TWtf schloß Herr Profess. Dr. Sulzbach seinen begeisternden Vortrag und das zahlreich erschienene Publikum spendete reichen Beifall. Hannover. Nach altein Herkommen feiert die hiesige Chewra kadischah alljährlich den Erew Rosch Chodesch Schwat als den Stiftungstag dieses Vereins, der gewiß zu den ältesten dieser Vereine in unserem Vaterlande gerechnet werden darf. Die Feier besteht darin, daß von den Mitgliedern der erwähnte Tag als Fasttag begangen und auf dem Friedhofe ein gemeinschaftlicher Kreisgang gemacht wird. Vor dem Mincha- Gottesdienste findet in der Regel ein religiöser Vortrag statt. In diesem Jahre erfreute sich dieser Vortrag eines ganz außerordentlich großen Zuhörerkreises. Die Direktion benutzte nämlich diesen Anlaß zu einem Nachruf auf den langjährigen Vorsteher der Chewra. Herrn Jsaac Hirsch s. A. Mit reckt innigen Worten, die, weil sie von Herzen kamen, den äußerst zahlreichen Zuhörern zu Herzen gingen, schilderte unser allverehrter Landrabbiner Herr Dr. G r o n e m a n n, wie der so plötzlich uns Entrissene sein ganzes Dasein in den Dienst der heiligen Brüderschaft gestellt habe, und seine allgemeine Menschenliebe es gewesen, die ihm alle Herzen zugewandt habe. Als erhebenden Beweis führte Redner an, daß vor wenigen Tagen eine Anzahl edel gesinnter Herren, die nicht die religiösen Anschauungen unseres Hirsch theilen, den Anlaß zu einer Jsaac Hirsch-Stiftung gegeben haben. Mit einer ernsten Mahnung an die Anwesenden, dem Verstorbenen nachzustreben, schlossen die schönen Ausführungen. Dem Vortrag ging voraus und folgte eine tief ergreifende Rezitation unseres Oberkantors G. L i e n h a r d, die ebenfalls zur Erhöhung der Feier wesentlich beitrug. Elberfeld. (.Ein Stück Mittelalter a m E n d e d e s 1 9. I a h r h u n d e r t s.) In Versmold, einem kleinen Städtchen in dem lvestphälischen Kreise Halle, bauen die Juden eine Synagoge, wozu der Amtmann irrthümlich aus eigener Machtvollkommenheit die Erlaubnis; ertheilt hatte, während die Erlaubniß zur Errichtung öffentlicher Gebäude von der Königl. Regierung zu ertheilen ist. Tie Folge dieses Versehens war, daß der Bau zeitweilig unterbrochen werden mußte und erst nach dem Eintreffen der nachträglich eingeforderten Erlaubniß fortgesetzt werden konnte. Während der zeitweiligen Unterbrechung wurde von unbekannter Seite die unsinnige Behauptung verbreitet, die Juden könnten die Synagoge nicht weiter bauen, weil dazu Christenblut nöthig sei. Daß ein solcher Unsinn zeitweilig Glauben finden, daß die Absicht der böswilligen Urheber und Verbreiter des tollen Gerüchts vorübergehend erreicht werden konnte, dem allgemein geachteten jüdischen Besitzer eines größeren Waarenbauses großen geschäftlichen Schaden zuzusügen, ist tief beschämend. Erfreulich ist dabei immerhin, daß der Frevel keine schlimmeren Folgen hatte, weil selbst die vom Wahne Bethörten sich nicht zu Gelvaltthätigkeiten Hinreißen ließen, sondern von Vernünftigeren rechtzeitig eines Besseren belehrt wurden. Einer der Verbreiter des Gerüchts soll gefaßt sein, sodaß Hoffnung vorhanden ist, daß die von allen Vessergesinnten in Versmold auf's schärfste verurtheilte Bosheit nickt unbestraft bleiben wird. Das „Jburger Kreisvlatt" schreibt darüber Folgendes: In den letzten Wochen hat sich aus Anlaß des Neubaues der Synagoge in Versmold auch in Theilen der Sammtgemeinde Diffen ein ebenso nichtslvürdiges wie lügenhaftes Geriicht verbreitet. Beim Beginn des Baues lag die Genehmigung der Regierung noch nicht vor, trotzdem war die Bauerlaubniß seitens der Ortspolizeibehörde ertheilt worden. Infolgedessen wurde das WeiterUihren des Baues, nachdem die Grundmauer bereits gestellt war. von derRegicrung bis zum Eintreffen der von ihr zu ertheilenden Erlaubniß verboten. Schurkische Niedertracht hat dieses Vorkommniß dazu benutzt, um im Volke den Wahn zu erregen und zu nähren, die Juden bedürften zum Weiterbauen Christenblut und könnten den Bau nicht eher fortsetzen, als bis dasselbe beschafft sei. Gegen diese niederträchtige