Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 4 (11.1.1900)
- Date
- 1900-01-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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59 tat und des Dampfes. Man kann dieselben kennen, anerkennen und bedauern und trotzdem würde Niemand deßhalb, wenn es auch in seiner Macht läge, auf die Bortbeile von Elektrizität und Dampf verzichten und das Zeitalter der Oellampen und Postkutschen wieder zurückwünschen wollen. Dagegen haben die Schäden dieser Fortschritte unseres Beleuchtungs- und Verkehrswesens schon vielfach von ihrer Bedeutung verloren, wenn man sie kennt und seine Maßregeln dagegen trifft. Wenn Jemand erst weiß, daß seine Sehkraft und seine sonstige Gesundheit darunter leidet, so wird er, je mehr man von diesen Nachtheilen überzeugt ist, desto mehr daraus bedacht sein, die Augen sonst zu schonen, durch Schirme und dergleichen. Das grelle Licht zu dämpfen und so das Auge zu schützen, die Bewegung, die durch den Berkehr mit der Eisenbahn versagt ist, anderweitig zu ersetzen, und dann füglich finden, daß nicht das elektrische Licht und die Dampfkraft schädlich sind, sondern der einseitige Gebrauch und Mißbrauch ist es, der damit geinacht ist. Genau so verhalt es sich mit der Emancipation. Selbst diejenigen, welche die zweifellosen Nachtheile derselben beklagen, möchten die Rechte des Menschen und Bürgers nicht missen, die sie uns gebracht hat. Auch diejenigen, welche sie bedauern, bedauern nur den Mißbrau.ch, der mit ihr getrieben wird; ohne diesen Mißbrauch tvar ihr von Haus aus Niemand gram. Man kann die Folgen der Emanzipation, niemals aber diese selbst bedauern. Zu einer Zeit, als noch ein großer Muth dazu gehörte, ein freimüthiges Wort gegen die Emanzipationsbestrebungeu zu sprechen, damals, als der Kampf um ihre Erlangung am heftigsten tobte, damals sprach sich der seit sechs Dezennien seiner irdischen Thätigkeit entrückte Rabbi Moscheh S o f e r b"i in einer Weise darüber aus, die an Genialität der Auffassung kaum übertroffen werden dürfte. Ueber die Emanzipation um seine Ansicht befragt, kleidete er dieselbe in folgendes Gleichniß: Ein Fürst verbannte seinen geliebten Sohn wegen seines jugendlichen fortgesetzten Leichtsinnes vom Hofe und wies ihm seinen Aufenthalt in einem Bauernhause an, mit dem gemessenen Befehl, daß der Verbannte nicht seiner fürstlichen Herkunft entsprechend, sondern ganz so gehalten werden solle, wie es auf dem Dorfe und speziell in der ihin angewiesenen Familie gang und gäbe war. Statt der gewohnten Kuchen erhielt er hartes, trockenes Brod, statt der bisherigen schöngeistigen Beschäftigung mit Kunst und Wissenschaft, mußte er pflügen, dreschen und alle Handirungen des Bauernstandes verrichten, statt auf seidenem Pfühl, ruhte er jetzt von den Mühen des Tages auf hartem Strohsack aus. Dazu war die ganze Umgebung, die Unterhaltung, die Athmosphäre, die bloße Luft, die er einathmen mußte, kurz der ganze Verkehr so niederdrückend für ihn, daß er wiederholt den Vater flehentlich um Verbesserung seiner Lage bat. Dieser ließ sich endlich erweichen und ließ dem verbannten Prinzen in der schönsten Lage des Dorfes ein eigenes Haus bauen, damit er freier und unbehelligter leben könne. Ein Bekannter beglückwünschte den Verbannten zu dieser Verbesserung seines Schicksals. Aber wehmüthig entgegnete der Prinz: „Mein Schicksal hat sich nicht gemildert, es ist härter als früher zu ertragen. Wohl ist mir das neue, eigene Haus eine große Erleichterung gegen meinen bisherigen Zustand. Aber andererseits muß ich mir sagen: So lange mein Vater mich in der bisherigen Lage schmachten ließ, durfte ich jeden Tag hoffen, wieder zurückgerufen zu werden. Wenn aber mein Vater mir ein besonderes Haus in diesem Dorfe baut, so beweist mir das, wie weit mein Vater noch von der Absicht entfernt ist, mich nach Hause zu nehmen." Wir brauchen die Nutzanwendung dieses Gleichnisses hier nicht des weiteren auszuführen, da sie jedem Leser ungemein nahe liegt; wie wir selber der vom Vater der Menschheit in die Verbannung gewiesene Sohn sind. In der Unerträglichkeit unserer früheren Lage lag die Bürgschaft ihrer einstigen Aufhebung. Wenn aber Gott die Geister und Gemüther der Fürsten und Völker bestimmte, sich zu dem gefesselten Bruderstamme hinabzubeugen, um ihm die Fessel von Hand u. Fuß zu nehmen und ihn sich selber gleichzustellen, so spricht diese günstige Wendung unseres Geschickes dafür, daß die Stunde unserer Wiedervereinigung und Heimkehr noch ferne ist, so ferne, daß unsere verbesserte materielle Lage uns für diese trübe Aussicht kaum zu entschädigen vermag. In unsere Sprache übersetzt, würden wir den Kern dieses Gleichnisses dahin präcisiren: die Folge der Emanzipation ist die Assimilation, ist das Streben, in unserer Umgebung aufzugehen und so unsere Eigenart zu verlieren, deren treue Erhaltung uns allein die verheißene Zukunft sichert. (Fortsetzung folgt.) ZettirrrgSrrachrichte« «rrd Correspondenze« Deutschland* Frankfurt a. M., 8. Jan. Im hiesigen Verein Mekor Chajim, der seine regelmäßigen Schiurim auch in diesem Jahre durch einige Vorträge aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte zu ergänzen beabsichtigt, sprach gestern Abend Herr Prof. Dr. S u l z b ach über „Rabbi Akiba und seine Zeit." . - . Der bewährte Redner schilderte' in seiner Eirrleitung die politischen Zeitverhältnisse vor dem Auftreten Rabbi Akibas, welche den Untergang heA - jssdAMn Staates herbeifiichrten und streift^ kurz dztz^urHtoaren Verfolgungen, welche unsere Väter unter den damaligen römischen Kaisern zu erdulden hatten. Dieser Zeit drückt Rabbi Akiba den Stempel auf; er wurde sowohl