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Der Israelit · 1900-01-11 · Heft 4 (11.1.1900) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 4 (11.1.1900)
Date
1900-01-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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56 WWWW rechte seiner Brüder mit Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit den Kampf gegen die Gewalt aufnahm und ihn glorreich zu Ende führte. In Hamburg erstand Gabriel R i e s s e r und nahm den Handschuh auf, den die Unduldsamkeit der damaligen Zeit durch Verhöhnung des jüdischen Stammes dem Recht und der Menschlichkeit hingeworfen hatte. Der Uebermuth der vom Taumel der Deutschthümelei Ergriffenen kannte dort keine Grenzen. Daß die Juden, welche während der Franzosenherrschaft irgend eine Stellung, welches bescheidene Aemtchen auch immer erlangt hatten, es nach der Besiegung Napoleons wieder fortgenommen bekamen, das war noch das wenigste. Man suchte geradezu nach Gelegenheiten, die Juden durch Einschränkung und Entziehung ihrer spärlichen Rechte noch schütz- und rechtsloser zu machen. So haben z. B. Senat und Bürgerschaft damals angeordnet, daß sämmtliche Märkte und Messen auf Sabbat und die jüdischen Feiertage verlegt wurden, um die Juden auszuschließen. Ein treffliches Wort, das sich noch aus jener Zeit im Volksmunde erhalten hat, charakterisirt die damalige Lage der Dinge anschaulicher, als die weitläufigste Darstellung vermöchte. Ein angesehenes Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft fragte im Laufe des Gespräches einen Hamburger Juden, woher es eigentlich komme, daß die Juden an ihren Feiertagen meistens schönes Wetter hätten, während die christlichen Feiertage so vielfach verregneten. „Das kann ich Ihnen ganz genau sagen," antwortete der Gefragte. „Das kommt davon her, daß Senat und Bürgerschaft von Hamburg nichts über das Wetter zu sagen haben. Hätten Sie etwas darüber zu bestimmen, sie würden es ganz gewiß umgekehrt machen." Wir leben Gott sei Dank heute in einer Zeit, die diese Zustände kaum mehr begreift und sie fast unglaublich findet. Es ist deshalb nothwendig, recht angelegentlich daran zu erinnern. Viele halten unsere soziale und politische Gleichstellung, in der sie geboren und herangewachsen sind, für so etwas Selbstverständliches, daß jede Erschütterung dieses Zustandes sie schmerzlich überrascht. Sie würden unsere mit Gottes Hilfe erlangten Errungenschaften weniger selbstverständlich und ihre Antastung weniger bitter finden, wenn sie sich eben vergegenwärtigten, daß unsere soziale und politische Stellung eine Errungenschaft, d. h. ein Gut ist, das schwer errungen und Mächten abgerungen wurde, die noch heute ihre Niederlage nicht verschmerzen und daher den Versuch nicht unterdrücken, ihre verlorene Position wieder zurück zu erlangen. Die Emanzipation, welche das Jahrhundert uns gebracht, ist überhaupt ein Gut von relativem Werth, und die Frage, ob die Vortheile die Nachtheile überwiegen oder umgekehrt, ist noch nicht geschlossen. Es tlommt dabei ganz darauf an, vöü welchem Gesichtspunkt aus man die Frage ins Auge faßt. Es hat einmal eine Zeit gegeben, und sie liegt noch gar nicht lange hinter uns, in der in unseren eigenen Reihen jeder versehmt worden wäre, der die Emanzipation nicht freudig begrüßt und der nur die Behauptung gewagt hätte, sie hätte, wie jede menschliche Veranstaltung, neben ihren Lichtseiten auch ihre Schatten. Heute, am Abschluß des Jahrhunderts, denken selbst eifrige Verfechter der Emanzipation etwas nüchterner darüber. Was Einsichtige schon sofort erkannr haben, wird jetzt vielfach durch die Thatsache Vielen so handgreiflich nahegelegt, daß man sich nicht länger dagegen sperren kann. Wenn im Laufe des Jahrhunderts erleuchtete Fürsten, Regierungen und Volksvertretungen ihre gerechten, humanen Intentionen and) den Juden zu Gute kommen lassen wollten, und diese edlen Regungen auch wirklich Gesetz und Recht wurden, so reprasentiren doch alle diese Instanzen den eigentlichen Volkswillen zu ungenügend, um das im Kampf um's Recht Errungene nun auch für alle Zeit dauerno gesichert zu haben. Die Erleuchteten, Edlen und Vorurtheilslosen sind doch allenthalben die Minorität, und es kann daher kaum Wunder nehmen, wenn der große Troß derjenigen, die dieser erleuchteten, freiheitlichen Gesinnungen noch bar sind, von Zeit zu Zeit ihre Repressalien ergreifen. Man kann daher, ohne ein Parodoron zu wagen, sagen, der unleugbare Fortschritt der Emanzipation ist die mittelbare Veranlassung des Neides, der Scheelsucht, der Gehässigkeit und Gewaltthätigkeit, deren Summa man kurzweg „A ntisemit i s m u s nennt. Zur Würdigung dieser dem letzten Viertel des scheidenden Jahrhunderts angehörenden Erscheinung ist daher eine richtige Werthschätzung der Emanzipation unerläßlich, die den Gegenstand weder zu hoch noch zu gering achtet. Man kann ein Freund, ein eifriger Verfechter der Segnungen der Elektrizität, des Dampfes und der Emanzipation der Juden sein und sich doch gestehen, daß alle diese zweifellosen Fortschritte auch ihre ernsten Bedenken haben. In den Zeiten unserer Großeltern arbeitete eine um den Tisch gruppirte ganze Familie beim Scheine einer Oellampe oder eines einzigen Talglichtes. Unser durch das Helle electrische Licht verwöhntes Auge würde bei jener Beleuchtung nicht mehr schreiben und lesen können. Unsere Sehkraft ist infolge dessen bedeuteno schwächer geworden. In der Zeit, die noch keine Eisenbahnen und Dampfschiffe kannte, und in der die Gelegenheit zum Reisen nicht so leicht und so billig als heute sich gestaltete, war jeder wohl oder übel genöthtgt, selber den Fuß zu rühren, selber von Ort zu Ort zu gehen, und erfreute sich so von selbst aller Vortheile, welche körperliche Bewegung für Erhaltung und Förderung der Gesundheit hat. Diese Vortheile haben durch die Benützung der Eisenbahn nicht nur aufgehört, sondern die schlinunen Folgen einer sitzenden Lebensweise basten heute auch demjenigen an, der auf die Reise gebt und verurtbeilt ist, in dumpfen Waggon sitzend, vorwärts zu kommen. Das sind ganz unleugbare Nachtheile der Elektrizi-

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