Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 4 (11.1.1900)
- Date
- 1900-01-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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4i. Jahrgang. Der Asraelit. Ein Kentrak-Hrgan für das orlhodoXe IudenLhum. Begründet von Dr. Ifrfjmratm in Mlrrirr? Donnersta'g, den tt. Januar ^»660 (1990). Leitender Artikel. Rückblick. in. Mainz, den 10. Januar. Die bürgerliche und politische Gleichstellung der Juden mit den übrigen Staatsbürgern hat sich im verfloffenen Jahrhundert nur schwer und langsam vollzogen. Ueberall stand sie lange Jahre auf dem Papier, bevor sie greifbare Formen annahm und im Leben auch praktisch verwirklicht wurde. Diese praktische Ausführung der in den Verfassungen anerkannten Gleichberechtigung (Emanzipation) läßt auch heute noch in den verschiedenen Staaten mehr oder weniger zu wünschen übrig. Rußland ist der einzige Staat Europas, der die Gleichstellung der Juden auch auf dem Papier bis zum heutigen Tage noch nicht hat. Frankreich, das seine Juden schon am Ende des vorigen Jahrhunderts emancipirte, war der erste europäische Staat, der die Juden den anderen Bürgern durch die Verfassung gleichstellte. Aber es bedurfte noch Jahrzehnte, um dieser Verfassungsbestimmung auch thatsächlich gerecht zu werden. Die factische Emancipation der französischen Juden erfolgte erst Anfangs der Dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts. Der Staat, welcher unter allen die Juden zuletzt als Menschen und Bürger anerkannte, war die Schweiz,' diese Anerkennung erfolgte dort erst im Jahre 1867. Da zeigt sich die Eigenthümlichkeit, daß die kleinen Republiken alle Zeit die größte Gehässigkeit gegen Juden und Judenthum bekundeten. In Lübeck erfolgte noch in diesem Jahrhundert eine regelrechte Judenausweisung! Der Plackereien und Nörgeleien gar nicht zu gedenken, welche die Juden besonders in dem zweiten Decennium dieses Jahrhunderts, nach Vertreibung der Franzosen aus Deutschland, am meisten in den Hansestädten ausgesetzt waren. Der Franzosenhaß, der damals an der Tagesordnung war und zum eisernen Bestand des?ri Deutschthümelei ausgearteten Patriotismus gehörte, führte konsequent zum leidenschaftlichen Judenhaß. Weil die Franzosen den Juden die Menschenrechte gebracht hatten, nahmen sie ihnen die deutschen Staaten wieder nach Niederwerfung der Franzosen. Man glaubte sich an den vertriebenen Franzosen nicht empfindlicher rächen zu können, als wenn man sein Müthchen an den von ihnen emanzipirten Juden kühlte, die den Franzosen für die ihnen gebrachte Erleichterung ihres harten Schicksals ein dankbares Andenken bewahrten. Aus dieser feindseligen Gesinnung entwickelten sich die Hep- Hep-Zeiten, deren bedauerliche Auswüchse zu den häßlichsten Erscheinungen der ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts zählen. Aber alle diese Hindernisie konnten den großen Gedanken der Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen und seine Anwendung auch auf die Juden für die Dauer nicht unterdrücken. Ewig denkwürdig werden die erbitterten Kämpfe bleiben, die in den verschiedenen Parlamenten für und gegen die Emanzipation der Juden gekämpft wurden. Es war ein heißes Ringen des humanen freiheitlichen Gedankens der Gleichheit aller Menschen gegen verrottetes Vorurtheil und verjährtes Unrecht. Wenn im Laufe der Jahrzehnte die Macht der Wahrheit und Menschlichkeit immer mehr und mehr siegte, so bilden diese Siege die herrlichsten Trophäen im Inventar dieses Jahrhunderts. Auch hier bewährte sich die göttliche Fügung, die aus dem Krankheitsstoff selber die Heilung, aus der Wunde selber die Mittel zu ihrem Verbände nimmt. Auch hier war es der Druck, der den Gegendruck erzeugt, da, wo die Reaktion am rücksichtslosesten auftrat, ließ die Vorsehung den Kämpfer erstehen, der für die verhöhnten Menschen-