Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 3 (8.1.1900)
- Date
- 1900-01-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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44 Aber wir wollen nicht ungerecht sein, es ist nur der Haß gegen die „starre Orthodoxie" einer hochgestellten Persönlichkeit, die den Herrn, obgleich ehemals Redacteur eines bekannten Börsenblattes, soweit verblendete, daß er selbst in finanziellen Dingen zu einem so schiefen Urtheil gelangen konnte. Der Herr Redacteur wird nun behaupten, daß ich von Rothschild bezahlt und bestochen bin, er wird auch Ihnen einige Artigkeiten an den Kopf werfen und wird — seine Geschicklichkeit und langjährige Rounne darin erkenne ich hiermit voll an — dies in einer Form thun, durch die er nicht zu fassen sein wird. Nichtsdestoweniger werde ich mich in Zukunft nicht davon zurückhalten kaffen, gegen derartige Eulenspiegeleien, die geeignet sind, die öffentliche Meinung zu vergiften, energisch Front zu machen. Dr. Z. Würzburg. Der Vortrag des Herrn Dr. Kohut aus Berlin am 20. v. Mts. im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" über das Thema: „Friedrich der Große und Kaiser Joseph II. in ihren Beziehungen zu Juden und Judenthum" hatte einen glänzencen Erfolg. War man schon durch den Ruf, der Herrn Dr. Kohut als Schriftsteller voranging, auf eine gediegene Leistung vorbereitet, worauf das Erscheinen eines außergewöhnlich zahlreichen Publikums auch schließen ließ , so sah sich dasselbe in seinen Erwartungen noch übertrosfen. Schon die Persönlichkeit des Redners, geschmückt mit mehreren Ehrenzeichen für Kunst und Wiffenschaft, wirkte vortheilhaft. Und nun die fast li offünbige vollständig freigehaltene Rede; sie konnte als eine formvollendete, an edler Sprache, an Klarheit und logischer Ordnung, an Fülle des Stoffes und Lebendigkeit des Vortrages, als meisterhafte bezeichnet werden. Die Characterisierung der beiden größten Monarchen ihres Jahrhunderts und ihre Beziehungen zu Juden und Judenthum wurden so treu historisch gegeben, daß man daraus den gründlichen Geschichtsschreiber und Forscher erkennen mußte. Dabei zog er die allgemeine Weltlage und die politischen Verhältnisse jener Zeit mit in Betracht und erklärte dadurch so manche Erscheinung in dem Leben der beiden Fürsten und so manches geschichtliche Rätbsel. Vortrefflich verstand es der Redner, auch bekannte und nicht bekannte Anekdoten einzuflechten und durch scherzhafte Bemerkungen das Publikum zu erheitern. Mit einer Anspielung auf die nahe Jahres- und Säculumswende und einen hoffnungsvollen Fernblick schloß der Vortrag. Stürmisch waren die Beifallsbezeugungen und lebhaft der Ausdruck des Dankes durch die Vorstandschaft. Appingen, Z. Jan. Ein sehr großer Leichenzug bestehend aus jüdischen und christlichen Theilnehmern von hier und auswärts, bewegte sich am 10. v. M. durch die Straßen hiesiger Stadt auf den israelitischen Friedhof. Es galt der religiösen, biederen, fleißigen und sparsamen Hausfrau Babette E i ch st e t t e r , geb. Schlendorn, Ehefrau des Lehrers Eichstetter von hier, die letzte Ehre zu erweisen. Diese Frau, mit wahrhaftem und offenem Character, war stets bestrebt, dem Nächsten mit Rath und That beizustehen. Nicht nur den verschiedenen Wohlthätigkeitsvereinen angehörend, versah sie 21 Jahre lang die Billetausgabe im Haufe und zwar in unentgeldlicher Weise. Mit wie vielen Widerwärtigkeiten ein solches Amt, namentlich für die Frau, wenn der Mann in seinen Berufsgeschäften sich befindet, verknüpft ist, loeiß nur derjenige zu beurtheilen, der selbst schon in der gleichen Lage war. Mit Einwilligung der Verstorbenen wurde jahrzehntelang im einzigen Wohnzimmer der Familie jeden Samstag Nachmittag den Schülern der höheren Bürgerschule L'MN Unterricht ertheilt, weil es an Werktagen wegen karg zugemessener Zeit der Schüler nicht vollständig möglich war. Ihre Kinder erzog sie alle so, daß sie überall als religiös und brav gelten. Herr Bezirksrabbiner S ch l e ß i n g e r hielt eine tiefergreifende Trauerrede, 0 e st i r r. 11 u g a r Ni o it a c ch i e. Wien. Die Londoner „Jelvish Chronicle" veröffentlicht zloei Interviews, die sein Correspondent mit hervorragenden Geistlichen in Wien gehabt hat. Der erste Besuch des Interviewers galt dem Cardinal-Erzbisckof, der ihn jedoch nicht empfing und den Besucher an seinen Seeretär, den päpstlichen Kämmerer Dr. Joseph Pflüger weisen ließ. Der Interviewer legte diesem Geistlichen die beiden englischen katholischen Zeitungen vor, die sich gegen den Ritualmorv ausfprechen, und bat ihn, diese Anschauung auch in der Wiener Diärese bekannt zu machen. Dr. Pflüger lehnte aber ab, mir der Begründung, dein Erzbischof von Wien stünde kein osficielles Organ zur Verfügung. Auch fei der Fall in einer anderen Diärese passirt und gehe daher den Erzbischof von Wien nichts an, ja, es würde ein Eingriff in die Rechte des Bischofs sein, in dessen Diärese der Fall vorgekommen sei, rvenn sich der Wiener Eezbischof äußern würde. Auch dcr Frage nach der persönlichen Meinung des Erzbischofs wich Dr. Pflüger mit dem Bemerke;! aus, seines Wissens habe sich derselbe über diesen Punkt nie geäußert. Ueberhaupt wich der Geistliche jeder klaren Erklärung aus und der Interviewer erbte!t den Eindruck, daß von dieser Seite ein Auftreten für die Juden nicht zu erloarten sei. Nicht besser erging es dem Herrn bei dem zweiten Geistlichen, Probitpfarrer Dr. Gottfried Marschall, einem hochangesebenen Mitgliede des Wiener Clerus. Derselbe war persönlich von der äußersten Liebenswürdigkeit, erklärte aber dem Frager, daß gar nichts geschehen könnte, wenn nickt alle Bischöfe einig seien, aber die Juden sollten überhaupt keine Furcht haben, es werde ihnen nichts geschehen, die ganze Sache sei nur Zeitungsgeschwätz. Von dieser Ansicht ließ er sich auch nicht durch den Hinweis auf die Exeesse in Böhmen u. Mähren abbringen, denn er meinte hier die aufgeregte Stimmung zu beruhigen, habe bereits der Hirtenbrief des Bischof Kohn genügt. Dagegen zeigte er dem Besucher, als das Gespräch auf die päpstlichen Bullen kam, die eben in den