Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-01-08 · Heft 3 (8.1.1900) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 3 (8.1.1900)
Date
1900-01-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449053--49825-2500274
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

45 noch nicht ans allen Menschen Gerechte, Selbstlose und Uneigennützige gemacht hat? Hobber sagt einmal, wenn die Wahrheit des pytagoräischen Lehrsatzes in unser Geschäfts- und Genußleben so tief eingegriffen, wie sie tatsächlich davon entfernt ist, so würde sie auch nicht so allgemein angenommen sein u. aufs entschiedenste bestritten werden! Aber die Bekämpfung wäre dann keine Verkennung seiner Wahrheit, sondern umgekehrt seine Wahrhaftigkeit führte wegen ihrer lästigen Folgen zu ihrer Bekämpfung! Genau so liegt es bei unserem Fall und bei allen Fällen, die man zum Beweis für die rückläufige Bewegung unserer Zeit vorzubringen pflegt. Das Gegentheil ist der Fall. Wir würden undankbar gegen die zahlreichen Errungenschaften sein, die uns unser scheidendes Jahrhundert gebracht hat, wenn uns das Ende desselben klagend und unzufrieden fände. Wenn wir eben trotzdem für die kleineren Fehler und Mängel der Gegenwart empfindsamer geworden sind, als es unsere Großväter vor hundert Jahren gegen die größeren Schäden ihrer Zeit waren, so liegt die Begründung dafür, laute sie wie auch immer, nicht in der Unvollkommenheit unserer Zeit, sondern in der eigenen Mangelhaftigkeit. Diese gesteigerte Empfindsamkeit läßt sich je nach verschiedenen Seiten hin sehr wohl erklären. Vor hundert Jahren, als Gewalt und Unrecht, Feudalherrschaft und Unterdrückung der materiell Schwächeren, nicht nur den Juden gegenüber, sondern auch sonst vielfach en vogue war, empfand auch der Jude die ihm widerfahrene Vergewaltigung weniger hart, als in Zeiten, welche die Freiheit im Munde führen, um sie durch die ganze That des Lebens um so rücksichtsloser gerade den Juden gegenüber zu verleugnen. Das Bewußtsein, Schicksalsgenosse zu haben, war den Juden ein Trost, der heute immer seltener wird, weil Recht und Gesetz doch heute weniger verletzt werden. Wenn heute antisemitische Rohheit die jüdische Wange röthet, so schämt sich der Jude nicht nur für sich, sondern auch für die Zeit, mit welcher diese Rohheit sich in grellerem Widerspruch befindet, als zur Zeit seiner Großeltern. Ein noch anderer Grund für die höhere jüdische Empfindlichkeit heutzutage liegt auch allerdings auf einem anderen Gebiete. Der Jude vor hundert Jahren trug in der Brust die treue Anhänglichkeit für sein Judenthum, für das er litt, für das er allen Hohn und Spott einer ganzen Welt hinnahm. An ihm prallten alle Geschosse und der Gewalt ab, das Vertrauen auf seinen Gott, die Hoffnung auf die ihm verbriefte Zukunft, die Kenntniß seiner großen Vergangenheit, ließen ihn mit Gleichmuth alle Unbill der Gegenwart ertragen. Kein Schandmal eines gelben Flecken auf der Brust konnte diese Beseligung i n der jüdischen Brust auch nur erreichen. Dieses stille Glück wog alles äußere, sociale und politische Leid reichlich auf. Das ist heute vielfach anders geworden. Aber die rechte Würdigung dieses Moments gehört in den zweiten Theil unserer Betrachtung, der von der Kenntniß und Verwirklichung des Judenthums innerhalb der Judenheit handelt. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen. Deutschland. Berlin, 3. Jan. Wir erhalten folgende Zuschrift: Geehrter Herr Redacteur! Auf einige Ihrer hiesigen Collegen in der Zunft der Zeitungsschreiberei haben Sie durchaus keine Ursache, stolz zu sein, sie leisten manchmal Stückchen, von denen man nicht weiß, ob man sie auf die Rechnung ihrer Harmlosigkeit, oder ihres Mangels an Kenntniß der einfachsten Dinge setzen soll. Bekanntlich hat die rumänische Regierung kürzlich in Deutschland eine Anleihe placiert, an deren Suscription auch das Rothschild-Consortium Theil nahm. Rumänien befindet sich gegenwärtig in einer überaus schweren Geld- und Handelskrisis, unter der naturgemäß in erster Linie die rumänischen Kaufleute u. Handwerker leiden. Run besteht bekanntlich der größte Theil der rumänischen Kaufleute und Handwerker aus Juden und jeder Jude sollte sich deßhalb freuen, wenn die rumänische Volkswirthschaft vor ernstem Schaden bewahrt bleibt. Anders der hiesige Redacteur eines sogenannten jüdischen Blattes. Zornig wie ein homerischer Held mit lautem Geschrei und blutunterlaufenen Augen zetert und wettert er gegen den „sehr orthodoxen" Freihern Willy von Rothschild und versteigt sich zu der dreisten Behauptung, daß dieser Herr „eine Geistesrichtung genommen, die seine Thaten gewöhnlicher Beurtheilung entziehe. Es sei offenbar in der Umgebung des Freiherrn Niemand, der diesen darauf aufmerksam mache, daß sein geschäftliches Verhalten und seine starre Orthodoxie nicht im Einklang mit einander stehen." Wir wollen nun einmal ganz absehen davon, daß Baron Wilhelm von Rothschild in dem Rothschild- Consortium nur eine Stimme hat, die, selbst wenn sie gegen die Anleihe sich erhoben hätte, wahrscheinlich bei den vielen übrigen Stimmen kaum ausschlaggebend gewesen wäre, wir wollen nur auf die furchtbare Kurzsichtigkeit Hinweisen, die in einer Forderung der Creditentziehung für das ganze Land liegt, weil dessen Leitung judenfeindlich ist. Das ist ungefähr die Logik des Knaben, der den Leuten sagte, es geschehe seiner Mutter ganz recht, daß ihm die Hände verfrieren, sie hätte ihm eben Handschuhe kaufen sollen. Und nach dieser Logik hätte sich der Herr freuen müssen, - als Mrßland aus Rache für die Ausweisungen russischer Juden aus Preußen die Massacres von Balta und Kiew arrangirte. Der Antisemitismus Preußens wäre darnach glänzend gerächt gewesen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.