Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 3 (8.1.1900)
- Date
- 1900-01-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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42 sogenannten Gerechtigkeit zu überliefern, wenn der Jude um Haaresbreite davon abwich. Das sind einzelne Züge von den buntscheckigen Ausgeburten des Judenhasses, der das Recht zu leben, zu athmen, dem Juden zu einem besonderen Privilegium stempelte, der durch Steuern und Abgaben, durch Demüthigung und Entwürdigung aller Art erkauft werden mußte. Dazu kamen von Zeit zu Zeit als besondere Zugaben Verfolgungen, Plünderungen, Ausweisungen, Beschränkungen des Wohnrechts, und Nörgeleien aller Art. In einem Land besteuerte man jedes Sabbatlicht, in einem andern jedes Pfund Fleisch, das der Jude kaufte, der eine Ort versagte den Juden jedes Betreten seines Bannkreises, der andere beschränkte den Aufenthalt auf einige Stunden im Tage und der dritte gestattete ihn gegen bestimmte der Commune oder der Geistlichkeit zu leistende Abgaben. Man könnte Vogen mit Aufzählung dieser paragraphirten Gewaltacte füllen, die man Judengesetze nannte, und die Zahl der Dienstboten, die Tracht der Kleider und ähnliche wichtige Dinge zum Gegenstand ihrer Fürsorge für die Juden hatten. Die Kinder unserer erleuchteten Gegenwart haben das in unserer raschlebigen Zeit längst vergessen, haben es vielleicht nie gewußt, und haben durch diese Unkenntniß ihrer eigenen jüngsten Geschichte ganz den Maßstab zur Würdigung des ungeahnten Umschwungs verloren, den das scheidende Jahrhundert uns Juden gebracht hat. Wer konnte auch die gesellschaftliche und politische Ausnahmsstellung des jüdischen Volkes zwischen heute und vor hundert Jahren mit einander vergleichen, ohne Gott dafür zu danken, daß er uns diese Zeit erleben ließ, daß er uns aufrecht erhalten hat und uns an sie heranreichen läßt. Wer über das Rischus unserer Zeit sich in Klagen ergeht, wer bei jedem judenfeindlichen Zeitungsartikel in Harnisch geräth, und gar angesichts einer Judendebatte in einem unserer zahlreichen Parlamente sich geberdet, als lebten wir in der schlechtesten aller Zeiten u. Welten, der verräth sich immer als ein schlechter Kenner unserer, ja man kann sagen, jeder Geschichte. Ihr unbestechliches Urtheil zeugt so laut und so entschieden für die Besserstellung des großen Theiles der gesammten Judenheit, daß kein noch so griesgrämiger Pessimismus diese Thatsache aus der Welt schassen kann. Nicht, als ob uns nicht noch Manches, noch Wesentliches zu wünschen übrig bliebe. Aber so viel fehlt uns nicht mehr, als uns die jüngsten hundert Jahre gebracht haben. Noch hundert Jahre solchen Fortschrittes, wie ihn die abgelaufenen brachten, und unser höchstes Ideal ist erreicht, trotz aller rückläufiger Bestrebungen und gehässiger Zeitströmungen. Lassen wir nur einmal unsere noch unerfüllten Wünsche, die Mängel und Schäden unserer Zeit, im Lichte der jü. dischen Geschichte in den jüngsten hundert Jahren Revue passiren, und sie erweisen sich als Ausnahmen, welche die Regel bestätigen, sie erscheinen so klein und kleinlich im Vergleich mit dem, was wir Gottes Gnade bereits verdanken, daß es thöricht, ja daß es lächerlich ist, sich in unzufriedenen Klagen zu ergehen. Greifen wir aus den Gebresten unserer Zeit irgend ein beliebiges heraus, wählen wir dasjenige, das vielleicht mit dem meisten Schein von Recht sich fühlbar macht, die Verkennung und Verdächtigung, die das Judenthum und seine Bekenner fort und fort in breiten Schichten der Bevölkerung erfahren. Es gibt in unserem Jahrhundert noch große .Kreise, die glauben oder zu glauben vorgeben, es gäbe einen jüdischen Ritualmord! Das ist gewiß betrübend; aber ob dieses Faktum deßbalb den Schluß auf einen Rückgang der allgemeinen Cultur und Gesittung gestattet, wie vielfach angenommen wird, das dürfte doch mehr als fraglich sein. Wir glauben, daß die Reihen derjenigen, die an solchen Spuck glauben, sich seit hundert Jahren doch sehr gelichtet haben und daß die Kreise, welche den Glauben an dieses Märchen entrüstet ablveisen, quantitativ und qualitativ Oebeutenb gewachsen sind. Aber —- wendet man ein —es gibt doch immer noch Leute mehr als genug, die in ihrer Verkennung des Judenthums dasselbe einer solchen Blasphemie fähig halten. Gewiß. Aber sind wir Juden denn die einzigen, die unter solcher Verkennung leiden? Macht sich dieselbe Verkennung nicht in noch viel schärferer Weise auch unter den Bekennern des Christenthums geltend? Diese Verkennung hat vor dritthalb Jahrhunderten zu einem dreißigjährigen, mörderischen Bruderkriege geführt, dessen Konsequenzen trotz des Westphälischen Friedens noch heute sortdauern. Der Katholik verkennt noch heute den Protestanten und der Protestant den Katholiken, und sie stehen sich doch ungemein näher und ihre Differenzpunkte sind doch um vieles geringfügiger, als dasjenige, was den Juden vom Nichtjuden scheidet, llnd doch besteht der glühende Haß zwischen beiden Richtungen eines und desselben Bekenntnisses in einer Weise fort, die dem wüthigsten Judenhaß nicht nachsteht und nur die materielle Macht auf beiden Seiten ist es, die es gerathen erscheinen läßt, diesen Haß nicht tvieder zu einem blutigen Kriege ausarten zu lassen. Und da sollten wir Juden uns beklagen, tvenn die Bekenner des Christenthums von der Verkennung, die sie unter sich bekunden, einen Theil auch aus uns Juden übertragen? Wohl haben wir Juden keine Augsburgische Confession, die uns gegen die Folgen dieser Verkennung schützt, aber wenn die Zeit in der bisherigen Weise forschreitet, dürfen wir auch ohne dieses Mittel hoffen, den Fluch dieser Verkennung noch zu überwinden. Dazu kommt, daß in den meisten Fällen diese Verkennung thatsächlich gar keine ist, daß nicht die Unkenntniß, oder falsche Kenntniß des Judenthums, die Triebfedern der Ausschreitungen gegen Juden und Judenthum sind. Diese Verkennung ist eine erheuchelte, die wahren Triebfedern sind Neid, Scheelsucht u. Habsucht. Wollen wir die Zeit wirklich anklagen, wenn sie