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Der Israelit · 1900-01-08 · Heft 3 (8.1.1900) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 3 (8.1.1900)
Date
1900-01-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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W^MWW WMIKUWDW 4L. Jahrgang. Der PP M » Ein Kenlrat-Hrgan für das orthodoXe Zudenthum. Begründet von Dr. ft^ntaim in Htain{. Montag, den 8 Januar 5668 (1900). Leitender Artikel. -€«< Rückblick. -«sZ- II. Mainz, den 7. Januar. Werfen wir nun unier dem in unseren einleitenden .Bemerkungen präcisirten Gesichtspunkte einen orientirenden Blick auf die Geschehnisse, welche die jüd. Gesammtheit während der verflossenen hundert Jahre unmittelbar berührten, so zerfallen dieselben in solche, welche unser äußeres Geschick in den verschiedenen Staaten betreffen und die Momente, welche unser innigstes Wesen, die Entwicklung und Erstarkung des Judenthums in den Geistern und Gemüthern seiner Bekenner zum Gegenstand haben. So verschiedenartig und getrennt beide Momente auch erscheinen, so innig sind die Wechselbeziehungen zwischen beiden, und der Nachweis ihrer innigen Verbindung ist die Aufgabe, die sich unser Rückblick gestellt. Fasten wir daher zunächst die politische und soziale Stellung der jüdischen Großväter ins Auge, wie sie vor hundert Jahren in der Zeit unserer Großväter war und vergleichen wir damit diejenige der Gegenwart, so mästen wir dankbaren Herzens zu dem Hüter Israels ausblicken, der unser Loos allenthalben lichter und freundlicher gestaltet hat. Wenn es unseren Großeltern vergönnt wäre, aus ihren Gräbern zu erstehen und den Umschwung der Zeit selber zu schauen, der sich seit hundert Jahren in dem Geschick ihrer Enkel vollzogen hat, sie würden Gott danken, der ihre Enkel eine solche Zeit erleben ließ. In dem größten Theile Europas galten vor hundert Jahren die Juden noch nicht als Menschen, die mit den anderen Angehörigen des Staates die gleichen Rechte haben. Erst kurz vor Beginn des Jahrhunderts waren in Frankreich die Menschenrechte und die großen Grundsätze der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen erklärt worden. Nur langsain und schwer entschloß man sich, die Consequenzen dieser Grundsätze auch auf uns Juden anzuwenden. In den meisten Staaten, besonders aber in Deutschland, bedurfte es schwerer Kämpfe, um auch den Juden das Recht als Mensch zuzuerkennen, dem dann erst auch die Zuerkennung der bürgerlichen Rechte folgte. Auf unseren Großeltern lastete auch die Schmach des Leibzolls, der von dem Juden eine Steuer für das Passiren eines Stadtthores verlangte. Das Recht, Grundbesitz zu erwerben, war ihnen versagt. Verschlossen waren ihnen Handwerk und Wissenschaft, verschlossen die Hallen der Kunst. Sie hatten weder aktives noch passives Wahlrecht, man sperrte sie in besondere Viertel u. Judengassen und gestattete ihnen nur unter chikanösen und lästigen Bedingungen das Verlassen der ihnen zugeiviesenen Rayons. An vielen Orten durften sie auf den Märkten erst einige Stunden später, als die christlichen Käufer und Verkäufer, kaufen und verkaufen, kurz, sie wurden in den meisten Beziehungen des privaten und öffentlichen Verkehrs als eine Art Menschen zweiter und dritter Klasse angesehen. Man wachte eifersüchtig darüber, daß sich die Juden nicht zu sehr vermehrten. Man knüpfte die Verheirathung des Sohnes an den Tod des Vaters, man beschränkte und erschwerte die Möglichkeit, ein bescheidenes Dasein zu fristen, mit zahllosen Cautelen, verbot dem Juden alles sonst Erlaubte, erlaubte ihm mit der Freigebung von Schacher und Wucher das sonst Verbotene, und schätzte in dem Juden nur das Geld, aus dessen Erwerb er daher mehr als jeder andere angewiesen war. Recht und Gesetz, die zum Schutz und Schirm für alle sonstigen Staatsangehörigen da waren, standen mit ihren wächsernen Paragraphen wie mit Fangarmen auf beiden Seiten des steilen Lebenspsades da, den man dem Juden noch offen gelassen hatte, um ihn dem Arme der

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