Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 2 (4.1.1900)
- Date
- 1900-01-04
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449052--49815-2500263- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
34 helfen, so unzweideutige Zeichen ihres Mißfallens, daß in ihr auf eine Stütze der kirchlichen Interessen nicht länger gerechnet werden konnte. Es wäre selbst natürlicher für die Geistlichkeit gewesen, in der Nationalversammlung auf Unterstützung ihrer Ansprüche zu hoffen. Denn hatte man hier ihren Antrag auch abgelehnt, so war doch in der That die Motivirung dieser Entscheidung die ehrerbietigste gegen den katholischen Glauben gewesen 60), und als gleich darauf die finanzielle Seite des Verhältnisses von Kirche und Staat festgestellt wurde, da war es wieder nur der katholische Cultus, dem man die Bestreitung der Bedürfnisse von Staatswegen zusicherte G1). Die Versammlung hatte in denselben Tagen fernere Gelegenheit, von ihren Gesinnungen Zeugniß zu geben. Für die Abendsitzung des 15. April war als Gegenstand der Berathung die Angelegenheit der Juden in Elsaß und Lothringen festgesetzt, die staatliche Stellung, welche sie^ünftig einnehmen sollten, und die ihnen durch die bisherigen Beschlüsse noch nicht war angewiesen worden. Einige einleitende Mittheilungen hatte man erledigt, und der Uebergang zur wichtigern Verhandlung sollte stattfinden; da verlangten plötzlich mehrere Mitglieder, daß zunächst der Bericht angehört werde, den eine Commission zu erstatten habe. Nach einiger Debatte wurde diese Anmuthung doch zurückgewiesen; aber nun erhob sich offene Opposition gegen das, was zur Berathung stand. Zuerst ist es wieder der Abbe Maury, der in schmähenden Worten und höhnender Weise wider die Ansprüche der deutschen Juden auftritt. Ihm gesellt sich sofort Rewbell zu, und nachdem er seinen Antrag auf weitere Vertagung der Frage mit dem formellen Grunde gerechtfertigt hat, daß ein so wichtiger Gegenstand nicht in einer Nebensttzung dürfe entschieden werden, so kommt man noch auf das oft gebrauchte Argument zurück, die Juden hätten von der Wuth des aufgebrachten Volkes Alles zu fürchten, wenn ein Gesetz ihnen die Emancipation 60) Die vom Larochefoucault vorgeschlagene und von der Versammlung angenommene Tagesordnung lautete: L’assembl6e nationale consid^rant qu’elle n’a m ne peut avoir aucnn pouvoir & exercer sur les conscieuces et sur le» opinions religieuses; que la mnjestd de la religion et le respect profond qui lui est dü ne permettent pas devienne l’object d’une deliberation; consid&rant qne lattachement de l’assemblee au culte catholique, apostolique et romain ne saurais etre en doute dans le moment mfeme, oi\ ce culte seul Ta etre mis par eile ä la premiere classe de dßpenses publique et oü par un mouvement unanime eile a prouvd son respect da la seule maniöre qui pouvait convenir au caractere de l’assemblfe nationale,- a d£cr£te et döcröte, qu’elle ne peut ni ne doit d61ibercr sur la mo» tion propos£e qu’elle va rependre l’ordre du jour concernant les biene ecclesiastiques. 61) Wie in der Tagesordnung versprochen war, wurde am 14. April beschlossen: vansl'stat de depenses pupliques de chaque annöe il sera porte une somme süffisante pour fournir aux frais du culte de la religion catholique apostolique et romaine. (Im ursprünglichen Entwurf standen allerdings die letzten Worte de la . . . romaine nicht; sie wurden dann aber auch von der sinken gebilligt)! gewähre. Dem gegenüber werden aber auch von der liberalen und judenfreundlichen Seite Stimmen laut; in scharfem Widerspruch mit den Vorrednern hebt man die Gefahr hervor, die einem unterdrückten Stamme drohte, wenn bei der Reform aller Verhältnisse die constituirenden Gewalten sich seiner zu erinnern verschmähten; war dagegen behauptet worden, die Juden seien bei jedem ihnen günstigen Beschlüsse der Gesetzgeber Ausbrüchen des öffentlichen Unwillens ausgesetzt, so werden Aeußerungen jüdischer Vertrauensmänner angeführt, die eine ganz andere Ansicht von der Autorität der Nationalversammlung bekunden, als ein Theil ihrer eigenen Mitglieder zu hegen scheint, und eine bessere Meinung über das französische Volk, als die Worte von einigen seiner Vertreter; aus diesen Gesichtspunkten verlangt man, daß der steten Verschiebung der Frage von Sitzung zu Sitzung endlich ein Ziel gesetzt tnerbe62). Die Versammlung aber hält dafür, mit ihrer Entscheidung noch zu warten; sie überweist die Angelegenheit ihrem Verfassungsausschuß, darüber Bericht zu erstatten. So bleibt das Ungewisse in der Stellung der Mehrzahl der französischen Juden noch bestehen, und in der nächsten Zeit werden wiederholt einzelne neu erlassene Gesetze ausdrücklich dahin beschränkt, daß die in ihnen enthaltenen Bestimmungen zu Gunsten der Juden, deren Schicksal noch unentschieden, nicht sollten in Anspruch genommen werden. Das geschah vor Allem bei dem Einwanderungsgesetz, das die Normen angab, nach denen Fremde das volle französische Bürgerrecht erhalten könnten; ein formeller Zusatz verbot, daß es auch auf ausländische Juden angewandt oder für die Rechte der heimischen ausgedeutet werde63). Literarische Umschau. „Paris, Braunschweig, Arad. Ein Gährungsproceß im Schooße der jüd. Reform, von'. Anfang bis gegen Ende des 19. I a h r h u n d e r t s" ist der Titel einer bei Ed. Singer in Stuhlweißenburg 1899 erschienenen Broschüre. In dieser Broschüre ist aber vor der Hand nur der 1. Theil, nämlich „das Pariser Synhedrion über Mischehen zwischen Juden und Nichtjuden historisch dargestellt", behandelt. Als vor etwa 3 Jahren diese Arbeit unter einem Pseudonym im „Israelit" ver- 62) Auch das „Journal de Paris“ bemerkt zur Sitzung om 16. Avril über die Frage der Juden: On ne sait, quelle fatalite attachee ä cette affaire la faifc reavoyer de söance eu sei; nee. 63) Am 1. Mai wurde zu dem Taas vorher beschlossenen Naturalifatronsgesetz der Zusatz genehmigt: sans pröjuger sur la question des Juifs qui a ete et qui reste ajournee. Einige Monate später fügte man dem Gesetz über das Richteramt, worin über die Akatholiken im Allgemeinen Besonderes bestimmt war, die Beschränkung an: L’asembl£e nationale n’entend encore rien pr6juger par rapport aux Juifs snr l’£fat desquelle eile s’est r6serv6e de pronecer.