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Der Israelit · 1900-01-04 · Heft 2 (4.1.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 2 (4.1.1900)
Date
1900-01-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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23 Noch diesen Worten schlüpfte das Mädchen durch die Friedhofspforte nach dein gegenüberliegenden Hause ihrer Eltern Der junge Mann weilte noch einige Augenblicke, als wollte er sich überzeugen, daß nirgends ein verdächtiges Geräusch sich vernehmen ließe. Aber in sein Ohr drangen nur die Töne des Nordwindes, der durch die Gassen dahinpsiff. Als er sich nun unbemerkt glaubte, eilte er raschen Schrittes aus dem Friedhofe, der Judengasse, der Altstadt zu. Kaum waren die Schritte des Davoneilenden verhallt, als aus dem Dunkel einer Steingruppe des Friedhofes eine Gestalt emportauchte und leise zur Stelle schlich, wo eben die Zusammenkunft der beiden Liebenden stattgefunden hatte. „Bei meiner Treu, die Entdeckung war nicht übel," brummte derSpäher vor sich hin, „nur dauerte die Geschichte bei dieser Hundekälte ein wenig lange. Aha, mein lieber Herr Benekamp, daher ziehen Eure geheime Wege, und Neb Lazar Abeles Töchterlein ist das Täubchen, um das Ihr girrt? Wahrhaftig, diese Entdeckung ist goldeswerth. Der gestrenge Herr Rath und die edle Frau von Löwcne-Macht werden die Augen aufreißen, wenn sie von den Abendvergnügungen des jungen Herrn erfahren. Mein Lohn wird hoffentlich nicht karg ausfallen. Bei dem „Goldenen Bären", einem stattlichen Hause in der Schwefelgaffe, in der Altstadt, wohnte derStadtrath Damelis Benekamp, ein ächter Patrizier vom Scheitel bis zur Sohle. Schon sein Vater, ein reicher Seifensieder, hatte Sitz und Stimme im Rathe der Stadt gehabt und er selbst war hochangesehen bei Rath und Bürgerschaft. Herr Benekamp war ein stolzer, hoffärtiger und herrischer Mann, der im Hause strenge an das Ausgesprochene festhielt, im Rathe und in seinem Amte als Gerichtsherr hing er mit unbeugsamer, eiserner Strenge an den Buchstaben des Gesetzes. Was Wunder daher auch, daß ein Jeder sich sorgfältig von der näheren Berührung mit demselben hütete und die Nähe eines Mannes mied, der nur gefürchtet, aber nicht geliebt sein wollte. Der Rath stand noch in rüstigem Mannesalter und war seit einigen Jahren Wittwer. Aus seiner Ehe hatte er nur einen einzigen Sohn, den er mehr mit richterlicher Strenge, denn mit väterlicher Liebe behandelte. Ottokar, so hieß der Jüngling, ähnelte weder an Geist, noch an Gemüth dem rauhen Vater. Er hatte von der ihm so früh entrissenen Mutter die Weichheit und die Milde der Empfindungen geerbt, die nur ein zartes, weibliches Gemüth dem empfänglichen kindlichen Herzen einzuflößen vermag, doch fehlte es ihm weder an klarem, scharfen Geiste, noch an gehöriger Energie des Willens und festem Charakter. Vor etwa drei Jahren war Ottokar in das väterliche Haus zurückgekehrt, da ihn der Rath zum Zwecke der Ausbildung mehrere Jahre an die hohen Schulen nach Deutschland und in das Geschäftshaus seines Onkels nach Amsterdam geschickt hatte. Kurz nach seiner Rückkehr trat in Folge der Characterverschiedenheit zwischen Vater und Sohn eine Spannung ein, die sich vergrößerte, als ihm vor Kurzem von Seite des Vaters mitgetheilt wurde, daß dieser für ihn die reiche, junge Wittwe Martha Macht von Löwen- Macht als Gattin bestimmt habe. Ottokar aber erklärte, nie und nimmer dieses männersüchtige Weib zu freien. Der Vater bestand auf seinem Willen und war überzeugt, daß Ottokar sich diesem über kurz oder lang fügen würde. So stand die Angelegenheit im Hause des reichen Venekamp. Am Morgen nach dem Zusammentreffen, welches wir zu Anfang dieser Erzählung beschrieben haben, wurde Herrn Danielis Bonekamp gemeldet, daß ein Mann ihm einen wichtigen Brief persönlich zu übergeben habe. Er befahl, diesen vorzulassen. Der Lauscher beim Stelldichein, ein blasser, magerer Mann in demüthigster Haltung, schlüpfte ins Zimmer. „Was wollt Ihr?" fragte barsch der Patrizier. Ohne zu antworten reichte dieser dem Rathe ein zierliches Schreiben. Dieser nahm es, trat zum Fenster, erbrach und las das Schreiben; dann wandte er sich zu dem Fremden u. redete ihn ruhig, mit der Würde eines Richters, an. „Ihr seid der Vertraute der hochedlen Frau von Löwen-Macht." „Ja wohl, Eure Gnaden," lautete die demüthige Antwort. „Heißet?" „Franz Kawka, Eure Gnaden, Herr Rath." „Ihr habt vor einigen Wochen die heilige Taufe empfangen," inquirirte er weiter. „Zur wahren Erkenntniß gelangt, warf ich das versl.Judenthum ab, um der alleinseligmachenden Kirche anzugehören!" anwortete augenverdrehend der Convertit Ohne auf die letzte Bemerkung geachtet zu haben, setzte der Rath fort. „Ihr habt mir wichtige Mittheilungen von meinem Sohn zu machen, schreibt die Freifrau, also kurz, erzählet!" „Verzeihet, gestrenger Herr Rath," entgegnete der Angeredete, indem er noch immer in ehrerbietiger Ferne neben der Thüre stehen blieb, „wenn ich Eure Gnaden Unangenehmes erzählen muß." „Macht es kurz!" fiel dieser ihm ins Wort. „Gestern Abend gelang es mir, Ohr- und Augenzeuge eines vertraulichen Gespräches zu sein, das Dero Herr Sohn mit einem Mädchen am Judenfriedhofe hielt." „Am Judenfriedhofe?" fragte gezwungen lächelnd der Rath, „ein schöner Ort zum Stelldichein, das war es doch?" setzte er forschend hinzu. „Euer Gnaden zu dienen." „Wer war die Dirne, kennt Ihr sie?" Kawka verbeugte sich und setzte fort, „es ist Sarah, ~ die Tochter des Lazar Abeles, ein sehr schönes Mädchen."

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