Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 2 (4.1.1900)
- Date
- 1900-01-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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21 naer" durchaus nicht vertuschen zu lasten — hat nun mehr die ganze Affaire ad acta gelegt. Weil man aber nach den bisherigen Erfahrungen getrost annehmen kann, daß die antisemitischen Schreihälse trotz des kläglichen Fiaskos, das sie erlitten, mit der Zeit wieder die Mähre vom „rituellen" Morde in der „Arva" zum Besten geben werden, wollen wir den behördlichen Abschluß dieser Affaire registriren. In „Nameßto" — eine an der Österreich. Grenze gelegene ungarische Marktgemeinde — lebte ein etwa 15jährigr Bauernbursche, elend und verwahrlost, und kein Mensch kümmerte sich um seine Existenz, um sein Fortkommen. Zumeist waren es noch jüdische Häuser, wo der Junge mit einem Almosen oder einem Stück Brod beschenkt wurde. Da er ohne Eltern und ohne jede Erziehung heranwuchs, machte ihn die Noth auch zum Diebe und wurde er dieserhalb mehrmals ins Gefängniß geworfen. Eines Morgens fand man ihn tod in einem offenem Kellerraume, den er regelmäßig als Schlupfwinkel benutzte. Die Aerzte konstatirten einen Selbstmord. Man erzählte auch, daß er tags zuvor, als man ihm gedroht, daß er zur Gendarmerie gebracht würde, selbst sagte, daß er sich tödten werde. Es kam zur Beerdigung, da wollte der katholische Pfarrer, mit Rücksicht auf den allgemein bekannten Selbstmord, die Leiche nicht einsegnen. Doch der Pfarrer denkt und der Untersuchungsrichter lenkt. Dieser erleuchtete Jurist bekam ein menschlich Fühlen und — ohne die Leiche gesehen zu haben — erklärte er dem Geistlichen, daß hier ein Selbstmord ausgeschlossen sei. Der Herr Pfarrer verstand den Wink und — er ließ die Kirchenglocken läuten. Drei Tage lang hat das Ge summe dieser Töne die Triebe und Leidenschaften aufgeregt. Die Bolksverführer haben in den Chorus miteingestimmt — die Agitation hat bereits Wurzel gefaßt. Es wurde nun ein pompöses Leichenbegängniß veranstaltet und da inzwischen auch der Allerseelentag herannahte, so beeilten sich die Hauptarrangeure, auch das Grab des allerjüngsten „Märtyrers" pietätsvoll zu bekränzen. Und der Untersuchungsrichter sorgte dafür, daß auch die „Justiz" ihres Amtes walte. Es wurden mehrere „Juden" eingezogen und ernstlich verhört. Man sprach von Zeugenpräparirungen und es fand sich auch eine Dienstmagd, die vor dem Untersuchungsrichter deponirte, daß sie durch das „Schlüsselloch" einer Thüre die rituelle Abschlachtung des Jungen mit eigenen Augen zugesehen. Eine in slavischer Sprache verfaßte Broschüre hat die bösen Leidenschaften des Volkes in der ganzen Gegend aufgewiegelt u. nur ein guter Gott verhinderte es, daß der verhetzte Pöbel seinen Gefühlen nicht nach böhmischem Muster Ausdruck verliehen. Als aber die Aufwiegelung der im Zeichen des Antisemitismus stehenden slavischen Landbevölkerung ihren Höhepunkt erreicht, da erschien ein neuer Untersuchungsrichter auf dem Plan, der die Mission hatte, mit scrupulöser Genauigkeit den „Fall" zu prüfen. Der vom königl. ungarischen Gerichtshof delegirte Anwalt durchforschte das „Beweismaterial", und fand daß die inscenirte Untersuchungsmethode geeignet wäre, ein lächerliches Schauspiel der Welt zu bieten. Bei allem Forschen und Grübeln war der Untersuchungsrichter nicht im Stande, ein belastendes Moment herauszubekommen und alle Anstrengungen der Agitatoren vermochten nicht, dem neuen Untersuchungsrichter etwas „Stichhaltiges" zu bieten, um auch nur den Schatten eines Verdachtes, auf kurze wenigstens, rege erhalten zu können. Mit der Hauptbelastungszeugin wurden Stichproben eingestellt; ihr scharfes Augenlicht versagte aber den Dienst. In Gegenwart des Untersuchungsrichters konnte sie durch das Schlüsselloch absolut nichts wahrnehmen. Kurzuin, die Acten wurden geschlossen und der „Arvaer" Blutprozeß gehört der Geschichte an. Wird nun aber auch festgestellt werden, von wo die Anregung zu diesen schmachvollen Vorgängen ansgegangen ist? — Und werden die Anstifter sich in diese Niederlage fügen? Unter den Dorfsweibern u. Männern kann es Verführte und naive Betrogene geben, ja es gibt deren sicherlich viele unter ihnen. Aber die intellektuellen und sonstigen Urheber dieser Verhetzung die theils im panslavistischen, theils im jesuitischen Fahrwasser segeln und seit Jahr und Tag wühlen — die sollte man doch nicht schonen. Mitten in dieser Dunkelheit leuchtete doch auch ein erquickender Sonnenstrahl. Der Zipser Bischof, von Szmresjanyi, hat an das Arvaer Decanat einen Hirtenbrief gerichtet und die Geistlichkeit aufgefordert, die Landbevölkerung darüber aufzuklären, daß die jüdische Wissenschaft keinerlei Anhaltspunkt für die Blutbeschuldigung biete, daß derartige Verdächtigungen falsch und Lüge sind. Wenn ein Mord vorgekommen ist, so hat dieser mit dem Judenthum und seiner Religion nichts gemein. Alles Blut ist den Juden verboten, das Blut des Viehes, der Thiere und der Vögel, um wieviel mehr das Menschenblut. Der edle Kirchenfürst warnt die Geistlichkeit, es ja zu verhindern, daß das Volk sich zu thätlichen Ausschreitungen verleiten lasse. Ganz besonders sollten es Diejenigen beherzigen, die mit frevelnder Hand den Feuerbrand in die Massen werfen, daß der einmal aufgewiegelte Pöbel nicht gerade an dem Punkte stehen bleibt, den die intelligenten Verführer bezeichne. Gewiß hat auch diese eindringliche Mahnung viel dazu beigetragen, daß die gewaltthätigen Instinkte diesmal keine größeren Verheerungen angerichtet haben. Wer weiß aber, ob die schmachvolle Hetze, die seit mehreren Jahren im Arvaer Komitate wüthet, nicht wieder unter einem anderen Vorwände zum Ausbruche kommt. Vorsichtshalber ist die Kronzeugin, die bisher bei Juden gewesen, in Diensten eines Pfarrhofes getreten. Es zog vorüber wie ein dunkler Schatten. Es ist zu Ende wie ein Verhängniß. Es hörte Auf, wie irgend eine Seuche, aber wieder mit dem vollen Siege der Wahrheit, denn „es schläft nicht und schlummert nicht der Hüter Israels".