Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-01-04 · Heft 2 (4.1.1900) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 2 (4.1.1900)
Date
1900-01-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449052--49800-2500248
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

in die Pflanzen- und Thierwelt, in das Mineral und die Gestirne, deren Dasein, Entwickelung und Welten sich nach seinem Willen vollzieht. — Die Naturnotwendigkeit ist nichts anderes, als der Vollzug des vom Weltbildner gewollten Wirkens seiner Geschöpfe. Wir gewabren indessen einen Abstand innerhalb der verschiedenen Geschöpfarten. Die Pflanze erhebt sich über das Mineral, das Thier über die Pflanze, — über Alle aber der Mensch. Denn ihm allein ist vom Schöpfer die Fähigkeit der sittlichen Freiheit verliehen. Wenn auch sein Leib den gleichen Gesetzen unterthan ist wie das Thierwesen, — er besitzt die Kraft des freien Handelns, welches sich nicht nach ihm innewohnenden Gesetzen vollziehen muß. Denn das Gesetz des Schöpfers für des Menschen Thun ist nicht i n ihn gelegt, sondern a n ihn gesprochen; er s o l l aus freiem Entschlüsse nach diesen Gesetzen sein Wirken vollbringen, er k a n n aber auch ihm den Gehorsam verweigern. Der frei waltende Gott hat in dem Menschen das einzige frei waltende Geschöpf geschaffen und es zum Herrn über die Erdentvelt bestellt. — In der von dieser Lehre dargebotenen Weltanschauung löst sich jeder Zwiespalt auf. In ihr ist der wahre Realismus, — d. i. die rechte Würdigung und das rechte Verständniß für die thatsächliche Wirklichkeit, — und der wahre Idealismus, — d. i. die nicht von der bloßen sinnlichen Erscheinung haften bleibende Erkenntniß, — zu der einzig wahren und rechten Welt- und Lebensanschauung vereinigt. Eine jede Naturkraft ist nichts anders, als das nach dem Willen des Schöpfers im Geschöpfe waltende Gesetz. Der menschliche Geist, die Seele, aber ist gleichsam ein Odem des göttlichen Wesens selbst, von ihm mit der Fähigkeit der sittlichen Freiheit ausgestattet. Somit ist er, der menschliche Geist, Herr über den Leib, dessen sinnliche Reize und Fähigkeiten er im freien, sittlichen Willensvermögen nach dem ihm gebotenen Gottesgesetze verwenden soll. So wird durch die in den Dienst des Geistes gehobene Materie und den an der Materie frei wirkenden Geist jegliche Disparität schwinden, und jene entzückende Harmonie erzeugt, in welcher das zwiespältige Menschenwesen in seiner Gott ähnlichen hoheitsvollen Einheit sich kundgibt. Dieser wahre Realismus, dieser wahre Idealismus — beide Begriffe decken sich vollkommen — ist die Philosophie des I u d e n t h u m s , das darum nicht eine bloße Glaubens- und Gotteslehre, sondern vor Allem Gesetz ist. Es ist nicht Religion in dem Sinne einer Lehre von Gott und den göttlichen Dingen, von der Vorstellung, welche der Mensch sich von transscondentalen Begriffen bildet, sondern die Lehre Gottes von den irdischen, ganz speziell menschlichen, Dingen, es ist das Gesetz für die Menschenthat Darunn geleitet es den Menschen nicht in das Gebiet traumum-l wobener Mysterien, darum läßt es sich weder ein Genüge sein an der Uebung gewisser Formen, noch an der Aussprache gewisser Gedanken, weder an der Erweckung unbestimmter andächtiger Empfindungen, noch an dem sehnsuchtsvollen Ausblick in das Jenseits, — darum verlangt es fast für jeden Gedanken den bewußtvollen That-Ausdruck, darum erkennt es neben einer jenseitigen Glückseligkeit als höchstens vom Menschen zu erstrebendes und zu erreichendes Ideal die Gewinnung der heitern Lebensfreude in dem reinen Genüsse der irdischen Güter und Wonnen. So begreift es sich denn auch, was so vielfach nicht verstanden wird, daß dieses im w a h r e n R e a l i s - m u s und wahren Idealismus wurzelnde Judenthum gerade um seines hohen Zieles willen in jede Fuge des Menschenwesens und der Menschenthat den befruchtenden Keim seiner Vorschriften zu legen bemüht ist. Sein Ziel ist: die Umwandlung des ganzen irdischen Daseins in Heil, Segen und Wonne. Wie Gott in der Natur die Kräfte nach bestimmten Gesetzen walten läßt, um dem Boden die Empfänglichkeit für die Aufnahme des Keims, dem Keime die Fähigkeit zur Entfaltung des Fruchtknotens, dem Fruchtknoten die Bedingung zur Fruchtentwickelung, der Frucht die Möglichkeit zur Vollendung der Ausbildung ihrer Säfte in Nahrung, Duft und Farbenpracht zu verleihen, also will Er für sein edelstes Geschöpf, den Menschen, die beste zweckentsprechendste Vorbereitung getroffen wissen, damit die von ihm erwartete freie Entfaltung seines Wirkens unter den günstigsten Bedingungen sich -vollziehen könne, daß die Materie mit allen ihren Reizen sich willig dem Geiste fügen und den Anforderungen der Sittlichkeit, des Rechts und der Liebe ohne allzuschweren Kampf Nachkommen wolle. Darum die Fürsorge des Gesetzes für alle Beziehungen des Menschenwesens, das von ihm in seiner vollen wahren Wirklichkeit gewürdigt wird; — und darum nicht nur Anforderungen an den Geist und die Gesinnung gerichtet, sondern auch an den Leib, den es mit seiner Sinnlichkeit durch bestimmte Regeln und Vorschriften heiligen und befähigen will für den einheitlichen hohen Menschenberuf, für welchen die Seele mit dem Körper, der Geist mit der Materie zu einem Wesen verwoben ist. Nicht Ertödtung der Sinnlichkeit — Weihe und Heiligung auch des sinnlichsten Genusses, das ist die Frucht des den wahren Realismus und Idealismus darstellenden Judenthums. Es geht darum, wie einer der größten Weisen und Lehrer ausführt, „an den Heerd, wo die künftigen Kräfte des Menschen erzeugt werden, auf den Acker, in die Hürde, in die Küche, in den Kreis des geschlechtlichen Lebens und spricht: Soll aus dem Acker der Segen und in der Gesellschaft der Friede und das Heil erblühen, so darf nicht der Zufall und die Willkür die Saat der Pflanzen und Thiere und — der Menschen streuen. „Achtet auf meine Gesetzes!Mischet'^nicht äne Gattungen; die ich geschieden! Nehmet nur Nahrung, die ich für euch ausgewählt! Aber vor allem haltet'die Keimkräfte eures kommenden Geschlechtes heilig und rein! Säet nur Menschen in Verbindungen, die ich euch gebilligt, und in Zeiten und Zuständen, die ich euch be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.