Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1900)
- Date
- 1900-01-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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7 Worten, Legenden aus dem Leben der Patriarchen, dann von den Wundern, die Gott, gelobt sei er, den Kindern Israels geschehen ließ. Wie schön wußte dieser ehrfurchtgebietende Greis das Alles zu beschreiben, in jedem Satze Gott zu preisen. Damals fielen diese Worte wie erfrischender Thau in mein jugendlich frommes Herz. Später, als ich älter und von den modernen Wissenschaften und Ansichten etwas gestreift wurde, wagte ich manchesmal bei solchen Gesprächen, eine Zweifel bekundende Frage; da kam aber der gute Alte ins Feuer und suchte mit Anwendung aller Eloquenz, mich zu überzeugen, „daß bei Gott-nichts unmöglich sei," daß heute noch, wie einst. Wunder geschehen, aber die Menschen seien kurzsüchtig und nicht mehr gottesfürchtig genug, um dieses zu fühlen und zu erkennen, sie suchen in allem noch so Wunderbaren stets nur Natürliches zu finden. Aber das alles sei unrichtig, und an den Haaren herbeigezogen. Er selbst kenne Ereigniffe aus dem Leben seiner Vorfahren, die geradezu Wunder genannt werden müssen und beweisen, daß jedes Wort, was in unserer heiligen Thora geschrieben steht, und was unsere Chachomim sichronom librocho (die Weisen seligen Angedenkens) gesagt haben, auf Wahrheit beruht. Vieles sich auch noch heutigen Tages widerhole. Und so erzählte er mir bei jeder passenden Gelegenheit Geschichten, die sich in derFamilie oder in der Gasse ereignet hatten und diese sind es, die ich heute auf's neu »us dem Munde meines längst verstorbenen Großvaters zu hören vermeine. Als Merkzeichen der Erinnerung an das Prager Ghetto, wo die Menschen so unglücklich und doch so glücklich waren, wo diese Helden ihrer Ueberzeugung so namenlos dulden mußten und wo wahre Nächstenliebe und patriarchalisches Familienleben, zwei der edelsten Pflanzen des Orients aus occidentalen Boden versetzt, zu starken Stämmen gediehen, deren reiche Wurzel so tief im Judenthum eingewachsen sind, daß sie noch lange Zeit dem kalten Hauche nordischer Cultur widerstehen und labende Früchte tragen werden. Als Reliefs zum Andenken an jene heilige Stätte, wo unsere Voreltern sechs Jahrhunderte gelebt haben, und die jetzt verschwinden und einem modernen Stadttheile Platz machen, theile ich sie dem geehrten Leser mit. Sollten sie ein wenig Kurzweil verursachen, oder gar manchem frommen Gemüthe das werden, was sie einst mir sein sollten, so gilt der Ruhm Deinem Andenken, und es gleiche jede dieser Erzählungen einem Jahrzeitslichtlein, das ich pietätsvoll Dir anzünde, ununvergeßlicher Lehrer meiner Jugend! Der seit 1793 die Josephsstadt benannte Theil der Stadt Prag, war seit dem 12. Jahrhundert den Prager Juden als Ghetto angewiesen. Sechs Jahrhundertlang verlebten sie in diesem engen, schmutzigen Theile ein stetes Mä»ty«erthüm; sseder^Stein war Zeuge de? blutigen, unmenschlichen Verfolgungen, die diese Armen erdulden mußten. Nun werden diese Blutzeugen entfernt, die Stätte so vieler Duldung, so vieler Thränen wird gegenwärtig zerstört; ein neuer, moderner Stadtteil wird an dieser Stelle errichtet und nur der alte Judenfriedhof mit seinen verwitterten, ungeregelten, bemoosten Steinmassen, an welchen die Jahrhunderte machtlos vorüber gingen, bleiben noch als Relif, als wehmüthiger Ausdruck eines leidenvollen Lebens, als treuer Zeuge der verschollenen Ereignisse, erhalten. An diesem Orte beginnt unsere Erzählung. Es war im Dezember 1693. Der Winter hatte dem Spätherbst täppisch ins Amt gegriffen; denn während alles knisterte und knarrte von der früh eingebrochenen, ungestümen Kälte,hatten die entlaubten Bäume des Friedhofes weiße Wollelöckchen angesetzt und weiße Eisblumen sind angewachsen am Gesteine. An einem dunklen, unfreundlichen Abend eilte ein Mann durch die Pinkasgasse. Ein schneidender, kalter Nordwind pfiff daher und wirbelte den Schnee auf. der in Massen auf dem Friedhofe lag. In den Gassen war es öde und still und nur spärlich schimmerten die Lichtlcin aus den Fenstern der Häuser. Der späte Wanderer zog seinen Mantel dichter um sich, eilte durch die Sackgasse, welche bei der halb verfallenen Mauer des Fried-. Hofes mündete, öffnete dort die halbverfaulte und nur halb geschlossene Thüre, welche in den Friedhof führte. Erschreckt durch das knarrende Geräusch der rostigen Angeln, blieb er einige Minuten unbeweglich stehen, horchte, ob sich irgend ein Geräusch hören ließ. Doch alles blieb still und einsam, wie zuvor. Der Mann ging nun einige Schritte weiter, bis zur Rückseite der Pinkassynagoge, hier blieb er stehen, öffnete seinen Maütel und schüttelte den Schnee von demselben, dann lehnte er sich gedankenvoll an die Synagogenmauer. Auf der anderen Seite, wo die Grabsteine in dunkler Nacht lagen, schien es, als husche eine Gestalt den Irrweg hinan. Nur wenige Minuten waren vergangen, als durch < dieselbe Thüre eine weibliche Gestalt vorsichtig zu derselben Stelle schritt, wo der Wanderer stand. > „Sind Sie es, Herr?" sprach eine liebliche, weichj zitternde Stimme. „Ach! es ist gewiß ein Unrecht, daß! ich so spät am Abend meine arme, sieche Mutter verlasse ' und zu Ihnen hierher komme. Und wenn gar ein neu- : gieriger Nachbar oder ein heimlicher Lauscher mich hier j> erblickte, ich wäre des Todes!" \ „Sei unbesorgt, mein süßes Kind," beruhigte der r Mann die Aengstliche. „Man sagt zwar, die Nacht sei * keines Menschen Freund, und doch ist dieser Ausspruch! nicht wahr, denn gerade die dunkle, schweigsame Nacht ij ist der beste, zuverlässigste Freund der Liebenden, und s dieser Ort, ist er nicht wie geschaffen zum lieblichen < Stelldichein, hier sieht uns Keiner, und Niemand hört i Dein liebes Plaudern." j „Sie können noch scherzen. Herr." sprach ängstlich ( und vorwurfsvoll das Mädchen, „Dahrend bantzes Web \ mein' iSMs'HetzrMchbebt?*-. q ‘e,M < „Seit unserer letzten Zusammenkunft habe ich ' kein Auge geschloffen, keine ruhige Stunde gehabt und