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Der Israelit · 1900-01-02 · Heft 1 (2.1.1900) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 1 (2.1.1900)
Date
1900-01-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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2 That geeignet, das vor uns liegende Jahr zu einem Merkstein und Wendepunkt an der Grenzscheide zweier Jahrhunderte zu machen. So sicher die Furcht vor der Pest die Pest wirklich erzeugen kann, so sicher die Gedanken des Tages oft den Traum der Nacht zur Folge haben, so sicher kann die Idee von dem Abschluß eines Jahrhundert und dem Beginn eines neuen, die Spannung der Geister und die Aufregung der Gemüther in der That, das Neue und Unerwartete erzeugen, das man bewußt und unbewußt an das Ende einer alten Aera und den Anfang einer neuen knüpft. Wenn die Menschen wirklich glauben, daß ein altes Jahrhundert zu Grabe steigt nnd ein neues Jahrhundert seinen Anfang nimmt, so genügt dieser Glaube um eine neue Aera zu schaffen und die Hoffnungen und Befürchtungen zu verwirklichen, welche sich an den Ablauf des alten und den Aufgang des neuen Jahrhunderts knüpfen. Wenn alle sicher an den Untergang der Welt an einem bestimmten Tage glauben und sie ziehen die Consequenzen dieses Glaubens, indem sie z. B. rasch ihr Hab und Gut verschleudern, das sonst dem Untergang verfallen und daher gänzlich werthlos wird, oder sie erheben sich heute über Gesetz und Recht, weil der morgige Zusamme«fturz ihnen ohnedies sicher steht, so kann die Welt aus den Fugen gerathen, auch wenn sie tha sächlich nicht untergehl in dem Sinn, wie es allgemein angenommen wird. Füglich werden die Menschen nicht von der Zeit, sondern die Zeit wird von den Menschen beeinflußt. „Was ihr den Geist der Zeiten nennt, das ist der Herren eigner Geist." Bei der hohen Schätzung der Zeit, des Zeitgeistes und alles Zeitlichen, wie sie heute gang und gäbe ist, ist der Cultus, den unsere Generation mit der Zeit treibt, nur allzubegreiflich. Das Charakteristikum unserer Zeit ist, daß sie keine Zeit hat; und sie hat keine Zeit, weil sie den Glauben an die Ewigkeit und überhaupt an alles dasjenige verloren hat, was über dem Zeitlichen hinausragt. Die Tage und Jahre eilen in Damps und Blitz dahin und die Lebensdauer ist kürzer und die Zeit daher werthvoller geworden. Die dahin eilende Zeit in ihrem rasenden Laufe zu hemmen, ist der Sinn und Zweck der vielen Feste, welche die dahin rauschende Zeit an ihren Fittichen packen und f c ft hallen möchten. Ein Jahrzehnt, ein viertel, ein halbes Jahrhundert ist in dieser athemlosen Hast eine ganze Errungenschaft, die durch Feierlichkeiten und Jubiläen ausgezeichnet wird. Und nun erst ein ganzes Jahrhundert! Ob es ein Jahr zu früh oder M fpät gefeiert wird,, kommt bei diesem KitMtusffir nicht in Frage. Man seiest f£ M allen Ansprüchen zu genügen womöglich, zweiinal; einmal als fin de si£cl<* in diesem und als Anbruch des zwanzigsten Jahrhunderts im nächsten Jahre. Dieses ganze Aufhebens mit dem Kommen und Gehen der Zeit, der Jahre und selbst der Jahrhunderte und Jahrtausende ist der jüdischen Anschauung fremd. Es ist uns aus unserer ganzen Geschichte kein Fall bekannt, daß man irgendwo und irgendwie den Eintritt eines neuen Jahrhunderts und selbst Jahrtausends durch eine Feier ausgezeichnet hätte. Selbst den Tag des Jahreswechsels, mit dem ein neues Jahr beginnt, suchen wir vergeblich in unserer Thora. Ohne unsere mündliche Ueberlieserung wüßten wir nicht einmal, daß der 1. Tischri Rosch Haschonoh ist. Aus der schriftlich überlieferten Thora kennen wir diesen Tag nur als den Truahtag, aber nicht als Beginn des neuen Jahres. So ernst und feierlich dieser Tag auch von der jüdischen Gesammtheit begangen wird, so verdankt er seine Bedeutsamkeit doch nicht dem Umstande, daß mit ihm ein neues Jahr beginnt, sondern, daß er der Tag des Gottes-Gerichts ist, dessen Ausgang über das Wohl und Wehe von Völkern und einzelnen Individuen in der nächsten Zukunft entscheidet. Aber die Bedeutsamkeit dieses Moments ist so wenig von dem TageIals solchem abhängig, daß unsere Weisen darauf Hinweisen, wie der denkende Mensch jeden Tag Rosch Haschono hat, d. h. jeden Tag dem Gerichte Gottes untersteht. •,npen wrb 'x:tr cv bzz. p-r: tnx. Sie sprechen noch drastischer den bereits oben angedeuteten Gedanken aus, daß selbst die von Gott eingesetzten Feftzeiten an die Bestimmung und Einsetzung der Menschen geknüpft sind, daß die Feste gefeiert werden, nicht nach dem planetarischen Gang der Himmelskörper, deren Bewegung doch das eigentliche Maaß der Zeit ist, sondern je danach wie Menschen sie anberaumen, welcher menschliche Jrrthum, welche Unkenntniß oder Absichtlichkeit auch diese Frxirung beeinfluffen möge. Hw« sns ,cnx rra np cmx ixipn itrx h njne r6x .p-no i^SK DDX1 pjMP ib’BX DflX , f WIO Mag daher die Zeit ihren mächtigen Einfluß noch so nachhaltig in dem Leben von Einzelnen und ganzen Völkern geltend machen, höher als die Zeit steht für das Judenthum und seinen Bekennern, Gott, wjw bz rrc v» in dessen allmächtiger Hand auch der Gang aller Zeiten ruht. Es ist der ow rwo tr»TH nx r^ntr, der jede Zeit und ihre Verhältnisse nach seinem mächtigen Willen gestaltet. Während niemand sonst sich dem Einfluß der Zeit entziehen kann, ist die Gottesstiftung des Judenthums bestimmt die Juden zu beeinflussen, nicht aber sich von ihr beeinflussen zu lassen. Deshalb hat Gott das Judenthum und mit ihm seine Bekenner in Gegensatz zu jeder Zeit gesetzt , hat den ersten Juden mit dem Rufe,:' 'xit; MH, über,Zu;f. KMmels- Mper 'gehoben/ oeren Äang den MaMab Der Zeit bedeutet und hat ihm und seinen Enkeln für diesen Kamps mit der Zeit sein Gottesbündniß zugesagt.

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