Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 103 (28.12.1899)
- Date
- 1899-12-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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3044. Stoffes unterscheiden, nicht, als ob ich mir irgend ein Lob ertheilen wollte, sondern weil ich die Sprache der meisten gelehrten Bücher auf das bitterste tadele. Welch ein Unterschied, besteht doch zwischen der Sprache Luthers und der der heutigen Gelehrten. Es ist, als ob man dort auf gerader, sicherer Straße in herrlicher Luft von Gottes Sonne beschienen, seinen Weg zöge, und hier, und leider gar zu oft, als ob man verurtheilt sei, auf einer schmalen, dunklen und dumpfigen Straße zu wandeln, und die Helle, schöne Sonne aus den Augen verlöre, weil die gelehrte Sprache mit unendlichen Citaten, Anmerkungen und Einschachtelungen verunstaltet und jeden fröhlichen Blick unmöglich macht. — — Kurz, ich werde mich befleißigen, hoffentlich nicht auf Kosten der Gründlichkeit und Wahrheit, den sogenannten gelehrten Stil, dessen Perioden wie ein abscheulicher Bandwurm durch halbe Seiten hinlaufen, zu vermeiden. — Klar und verständlich, lebendig und zu Herzen dringend möchte ich die Darstellung gestalten." Das ist dem Verfasser in der That gelungen. Er spricht frisch von der Leber weg, vom Herzen zum Herzen, und das ist leider heutzutage im allgemeinen, speciell aber in der einschlägigen Litteratur des vorliegenden Gegenstandes, etwas ungewöhnlich Neues, daß schon mit Rücksicht darauf dem Verfasser entgegenzutreten ist, wenn er bescheidener Weise fortfährt: „Ich beabsichtige nicht, auf diesem Gebiete irgend etwas Neues zu liefern, wie ich denn überzeugt bin, daß, abgesehen von den technischen Wissenschaften und der Naturkunde, es überhaupt fast unmöglich ist, irgend etwas Neues zu ersinnen oder dergleichen darzuftellen. Die alten Schächte ausgraben, sie rein und sauber erhalten, in ihnen tiefer bohren, daß sie auch für uns noch klares Wasser geben, das ist die eigentliche Aufgabe der Wissenschaft. So werde ich denn versuchen, ein möglichst klares Bild der israelitischen Gesellschaftsordnung zu zeichnen, und sie, wo es thunlich scheint, mit der gegenwärtigen zu vergleichen." Diese Vergleiche bilden die Glanzpunkte dieses Buches, sie ziehen sich durch alle Theile desselben. Es sind Schlaglichter, die er von der Höhe der biblischen Auffassung über Zweck und Wesen des Staates in die Tiefen unserer socialen und politischen Zustände wirft und die letzeren oft grell beleuchtet. Die Darstellung will das öffentliche Leben nach seinen zwei Seiten zeichnen, nämlich erstens die ganze Staatsversassung im engeren Sinne und ihren Character, und zweitens die Religion und deren Pflege und Uebung. Es wird die Unmöglichkeit ausdrücklich betont, überall genau diese beiden Abschnitte zu scheiden, weil überhaupt Staatsverfassung und Religion eng verknüpft sind, hier aber beide geradezu in eins zusammenfließen. Denn die jüdische Staatsverfassung war wesentlich Theokratie (Gottesherrschaft). Diese Theokratie durchdringt so sehr das ganze öffentliche und private jüdische Leben, daß auch nichts darin von Religion losgelöst werden könnte. So ist jedes Unrecht Sünde gegen Gott und ohne Verlegung seiner Heiligkeit gibt es kein Unrecht und keine Sünde. Hält man nur diesen einen Gesichtspunkt fest, so gewahrt man bereits die ganze jähe Kluft, welche zwischen der jüdischen Staatsverfassung und dem luftigen Kartenhaus klafft, welches den modernen Judenstaat darstellt. In letzterem ist die Religion Privatsache, Nebensache, die höchstens erlaubt und geduldet wird, nirgends aber in das frisch pulsirende Leben irgendwie eingreift. Dort dagegen ist Religion der Untergrund, auf dem sich die ganze Staatsverfassung erhebt, sie ist die Seele, welche den ganzen Volkskörper durchdringt und ohne welche kein Leben und keine Entfaltung überhaupt denkbar ist. Wie wenig diese Theokratie mit einer Hierachie zu verwechseln ist, hat der Verfasser Seite 95 in lichtvoller Weise dargethan. Aber von dem specifisch jüdischen Standpunkte abgesehen, interessirt uns an dem Gegenstand der Behandlung sowie an der Behandlung die allgemeinen Gesichtspunkte, von welchen jeder Zeitgenosse eine Darstellung der alten jüdischen Staatsverfassung beurtheilt. Wenn auch, wie hier wiederholt betont wird, es rein unmöglich und widersinnig wäre, eine Ordnung, die vor Jahrtausenden für ein fernwohnendes, kleines Völkchen bestimmt war, auf ein unter ganz anderen Verhältnissen lebendes Volk unserer Zeit übertragen zu wollen, so schließt das doch nicht aus, daß die Gegenwart viel aus solch alter Vorzeit lernen kann. Dazu kommt noch die hohe geschichtliche Bedeutung, welche die Bibel in der Gegenwart nicht bloß vom kirchlichen, sondern auch vom staatsrechtlichen Standpunkte aus hat. Unsere gegenwärtige Gesellschaftsordnung stützt sich in vielen, ja unzähligen Punkten auf das alte Testament, und es ist noch gar nicht lange her, daß das alte Testament und namentlich die fünf Bücher Mosis noch die Grundlage der ganzen Rechtssprechung z. B. in Schweden und Norwegen bildeten. Die Gesetze über die Todesstrafe, über den wöchentlichen Ruhetag, über Diebstahl,Ehescheidung, Ehehindernisse in den Verwandtschaftsgraden gehen in allen Culturstaaten bis heute in ihren ersten Ursprüngen zumeist auf die mosaischen Bestimmungen zurück. Vor allem aber ist die heilige Weihe zu beachten, die diese Gesetze wenigstens für Juden und Christen dadurch haben, daß sie im Namen Gottes gegeben sind und dadurch den Stempel göttlichen Ursprunges an sich tragen. Ferner der hohe archäologische Werth solch alter Gesetze, so daß ihre möglichst genaue Darstellung ein ganz allgemeines Jnterresse bei allen Ständen, Theologen und Juristen, Nationalokonomen und Industrie- Herren fordern kann. Man kann der Frage gar nicht mehr ausweichen, welche der Verfasser (S. 82f.) aufwirft, warum das Volk über diese Materie so wenig unterrichtet ist, obwohl die Bibel im wahren Sinne des Wortes ein Volksbuch geworden ist? Warum, frägt er, muß unsere Jugend auf dem Gym-