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Der Israelit · 1899-12-28 · Heft 103 (28.12.1899) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 103 (28.12.1899)
Date
1899-12-28
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XL Jahrgang. Zweite Beilage zu M103 des „Israelit“. Leitender Artikel. W KllMrierstWs der Illüell. L. Der „Judenstaat", d. i. der jüdische Zukunftsstaat, wie er sich in den Köpfen begeisterter Journalisten-Zionisten ausmalt, hat in den jüngsten Jahren so viel von sich reden machen, daß dasVerlangen nach einer Darstellung des reellen, jüdischen Staates und seiner Verfassung in der Vergangenheit ungemein nahe liegt. Eine solche Darstellung in erschöpfender Weise ist uns nicht bekannt, und doch wäre sie heute mehr als je erwünscht, um einen bewährten Maßstab zur Würdigung unserer sich als Staatsmänner gerirenden Zukunftsmusikanten zu besitzen. Da führtuns nun ein erfreulicher Umstand eine solche Darstellung zu, die in vieler Hinsicht Beachtung und Förderung verdient. Es ist der erste fast 400 Seiten umfassende Band eines groß angelegten Werkes, das in jüd. Kreisen nur wenig bekannt ist. Sein Verfasser ist ein Christ; ein Umstand, der mit Rücksicht auf die eingangs erwähnten Gesichtspunkte unser Interesse an dem Werke noch erhöht. Während Juden für Utopien und selbstgezimmerte Luftschlöffer schwärmen und ihrer Phantasie für Gestaltung eines künftigen Judenstaates freien Lauf lassen, stoßen wir hier auf einen christlichen Denker, der als Ergebniß ernster Forschung uns die jüdische Staatsverfassung an derHand der biblischen Urkunden vorführt. Jeremias, der Mann, der das Elend geschaut mit dem Stabe seines Grimmes, u. seinen Schmerz darüber in seinen mächtig ergreifenden Klageliedern ausgehaucht hat, läßt diesen Schmerz in das sebnsüchtige Verlangen ausklingen, daß Gott unsere Zeit der Vergangenheit entsprechend neu gestalten möge. irm Auf den Ruinen Jerusalems und dem Brandschutte seines Tempels kennt der Prophet keinen anderen jüdischen Zukunftsstaat, als eine Verjüngung und Neubelebung des von Feindeshand zertrümmerten Vergangenheitsstaates. Und unsere modernen jüdischen Judenstaatler weisen den ihrem eigenen Heim entströmenden Quellen geringschätzig den Rücken und verschmähen jeden Trunk aus denselben, während ein christlicher Forscher zu ihnen hinabsteigt und die alte Urkraft constatirt, mit der sie noch heute unsere frischeste Gegenwart befruchten! Das ist auch ein Zeichen der Zeit, das angemerkt zu iverden verdient. Der volle Titel des nach verschiedenen Seiten hin hochinteressanten Buches lautet: „Die Staatsverfassung der Juden" auf Grund des alten Testamentes und namentlich der fünf Bücher Moses fortlaufender Beziehung auf die Gegenwart von Pastor Eduard Schall in Gotha.*) Der Verfasser ist nicht nur ein Kenner des alten Staates der Juden, sondern auch des modernen christlichen Staates. Den Letzteren hat er am eigenen Leibe kennen gelernt. Eine tief religiös angelegte Natur, hat der Verfasser durch seine socialen Bestrebungen, seinen lebhaften Drang nach Freiheit der Forschung, durch seine Kritik der Beziehungen des Staates zu der evangelischen Kirche, -das Mißfallen seiner Vorgesetzten erregt und ist nach 30 Jahre langer, treu und gewissenhaft erfüllter Pflicht seines Amtes als Pfarrer entlassen worden. Er hat deßhalb einen langwierigen Prozeß durch alle Instanzen geführt, der zu seinen Ungunsten entschieden wurde. Dadurch hat er nun Muße gefunden, ausschließlich seiner schriftstellerischen Thätigkeit sich zu widmen, die schon mit Rücksicht auf das uns hier beschäftigende Werk die thätigen Sympathien aller Freunde der Wahrheit und des Rechts verdient. Das Werk steht auf positiv christlich-evangelischem Standpunkte und weicht dadurch selbstredend in manchen Punkten wesentlich von dem unsrigen ab. Dazu kommt, daß die ganze Darstellung sich ausschließlich auf dem biblischem Schriftthum aufbaut, ohne jede Berücksichtigung der Schriften, in welche die jüdische Religion niedergelegt ist, ein Moment, das der ganzen Behandlung des Gegenstandes eine andere Färbung geben muß. Aber von diesen und einigen anderen unwesentlichen Ausstellungen abgesehen, wird auch der jüdische Lehrer dieses Buch mit großem Interesse und vielfachem Nutzen lesen. Uns hat noch mehr, als der eigentliche Gegenstand der Behandlung, die Art und Weise angesprochen, in welcher der Verfasser sich mit der Bibelkritik auf den ersten 90 Seiten seines Buches abfindet. Fehlt es doch auch bei uns nicht an Männern, die wegen des schädlichen Einflusses zittern, den sie von der radikalen Kritik unseres heiligen Schriftthums fürchten. Diesen empfehlen wir die kernige Art und Weise, den gesunden Menschenverstand und die scheinbar spielende und doch so gründliche Methode, mit welcher der Verfasser die Ergebnisse der radikalsten, modernen Vibelkritik ad absurd, führt. Besonders wohlthuend muthet einem die frische, entschiedene, schlichte und treffende Schreibweise an, in welcher hier alles verhandelt wird. — Der Verfasser sagt nicht zuviel, wenn er sich über seine Schreibweise selber folgendermaßen ausspricht: „Auch in Darstellung und Stiel soll sich mein Buch wesentlich von den meisten Behandlungen des *) Das Werk ist durch dcn Verfasser ftr 6 Mark zu beziehen. Es sind keine 2v0 Exemplare »lehr davon vor' anden. Durch ihr-n Absatz hofft der.Verfasser auch die anderen Bände folgen lassen zu können.

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