Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 103 (28.12.1899)
- Date
- 1899-12-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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3028 auf allen Gebieten des Erwerbslebens. Und doch, wir haben durchaus leinen Grund, in dem scheidenden Jahrhundert die Verwirklichung unserer hohen Ideale von Menfchenthum und Menschenwürde verkörpert zu sehen. Blicken wir nur um uns und die Scham der Einpörung muf? uns in die Stirn steigen. Das Mittelalter mit seinem Aberglauben und seinem ganzen furchtbaren Fanatismus scheint dem Grabe entstiegen, tvenn ivir in einer Zeit der Bildung und „Aufklärung" es erleben muffen, das alte Märchen vom Christenblut wieder auftauchen zu sehen. Zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben und so lange die Welt besteht, wird es Menschen geben, welche mit beschränktem Gesichtskreis und mangelndem Denkvermögen Wahrheit und Dichtung nicht zu unterscheiden vermögen. Doch was kann das für ein Jahrhundert sein, das „gelehrte" Männer hervorbringt, welche dem Ritualmord das Wort reden? — Ein anderes Bild. — Dreifuß! Alle Verbrechen. die von Menschen an Menschen verübt wurden, sind durch diesen Faustschlag ins Gesicht der Humanität, in den Schatten gestellt. Wenn das zur Neige gehende Jahrhundert eine ununterbrochene Folge glänzender Ruhmesthaten zum Wohle der gesammten Menschheit wäre, — das an dem „jüdischen Capitän" verübte Verbrechen müßte diesem Jahrhundert den Stempel der Schande und der Barbarei aufdrücken. Werfen wir einen Blick auf all die Länder des Weltalls, wo Juden in größerer Zahl leben, so muß freudig anerkannt werden, daß fast in allen Staaten unsere Glaubensbrüder immerhin ein erträgliches Leben führen. In Deutschland, wo sie an allen Kämpfen für die Freiheit des Vaterlandes gern und freudig theilgenommen und wo ihnen auch völlige Gleichstellung mit ihren andersgläubigen Mitbürgern gesetzlich gewährleistet ist, hat der Antisemitismus der Gaffe zwar ausgespielt, dafür wühlt er jedoch im Geheimen in den höheren Schichten der Gesellschaft. Nach wie vor bleibt dem Juden die Staats- und Militär-Carriere verschloffen, gar nicht zu reden von den Fällen, welche täglich zur Evidenz erweisen, wie man hier zu Lande das Wort „Gleichberechtigung" auffaßt. Jedoch das Judenthum hat schon viel schlimmere Tage gesehen. Erfreuen wir uns doch des Schutzes eines hochgesinnten Herrschers, der in gerechter Würdigung der geistigen Erbschaft seines großen Vaters all seinen Unterthanen, ohne Unterschied des Bekenntniffes, seinen Schutz angedeihen läßt. Auch in Rußland sind die Verhältnisse um Vieles besser geworden, seit Nicolaus II. den Thron feiner Väter bestiegen hat. Sind doch schon viele der von Alexander HI. den Juden auferlegien Geu. Verbote theils aufgehoben, theils wesentlich gemildert worden. Nur Schritt für Schritt kann hier unseren Glaubensgenossen die Besserung kommen und kommen wird sie. Der Czar hat der Welt gezeigt, daß er ein Herrscher ist, der der Menschheit die Palme des Friedens bringen will, — sollte er da wohl seiner vielen jüdischen Unterthanen vergessen? Tieftraurig liegen die Verhältnisse in Oesterreich. Zerrissen und zerklüftet durch blind wüthende Parteitämpse, ist dieses bejammernswerthe Land an den Rand des Abgrundes gebracht. Welche der Parteien auch in der habsburgischen Monorchie die Oberhand gewinnen wird, stets unb immer werden es die Juden sein, welche die Kosten und Schadloshaltung der llnterlegeneu zu tragen haben. Der Judenhaß wüthet in einer Weise, die zu offener Revolution gegen Staat und Regierung führen muß. Wir haben gesehen, wie die böhmischen Juden von Haus und Hof gejagt nnirden, wie der Pöbel über ihr Hab und Gut hergefallen und die Wohlhabensten zu Bettlern gemacht hat. Fast immer mehr gewinnt es den 'Anschein, als ob Oesterreich-Ungarn bald zu den Staaten zählen Ivird, welche zu existiren aufgehört haben. Vielleicht wäre eine Katastrophe schon erfolgt, wenn nicht noch der von all seinen Unterthanen ohne Unterschied des Bekenntnisses und der Parteirichtung geliebte Kaiser Franz Joseph an der Spitze der Regierung stehen würde; jedoch auch kl wird der Zeit seinen Tribut zahlen müssen. Langsam, sehr langsam beginnt auch für das arme Galizien mit seinem furchtbaren Judenelend das Licht einer menschenwürdigeren Zukunft zu leuchten. — Die französischen Juden, welche bis vor ungefähr fünf Jahren im Besitze aller Rechte vollgiltiger Staatsbürger gewesen, sind durch den Fall Dreyfuß von der Höhe ihres Sicherheitsgefühls in die tiefsten Tiefen eines blindwiithenden Vernichtungskampfes gestürzt worden. Wie jedoch das Temperament des Franzosen urplötzlich durch den geringfügigsten Anlaß in Flammen versetzt werden kann, so ist auch anzunehmen, daß, wenn der Fall Dreifus und der noch schwe bende Hochverrathsprozeß die Gemiither nicht mehr in Athem halten wird, die judenfeindliche Strömung sich allmählich >vieder verlaufen wird und unsere Glaubensgenossen besseren Zeiten entgegengehen. Wenden wir das Auge nach Westen, so erhellt sich unser Blick. Das britische Reich unb die amerikanische Union beglücken ihre jüdischen Bürger durch vollste Freiheit auf jedem Gebiet. Friedlich, geachtet von ihren Mitbürgern, fließt das Leben der englischen und amerikanischen Juden dahin; treu dürfen sie ihrem Vaterlande dienen. Im Frieden setzen sie ihre ganze Kraft zum Wohle des Ganzen ein und im Kriege stehen sie in den Reihen ihrer kämpfenden Mitbürger. Manche Kugel hat im letzten amerikanischen Kriege jüdische Soldaten fortgerafft und auch das in Afrika stehende englische Heer weist eine ganze Anzahl jüdischer Mitkämpfer auf und doch soll der Jude am Ende des Jahrhunderts trotz aller, das Gegentheil erweisenden Thatsachen ein Schwächling, feig u. für den Kriegsdienst unbrauchbar sein. — So zeigt uns das Ende des Jahrhunderts, daß die Lage der Juden im Allgemeinen zwar keine ungünstige zu nennen ist, daß die alten Vorurtheile jedoch nach wie vor besteben. Erfreulicherweise zeigt es sich aber auch ferner,daß die Grundzüge des Judenthums: Wohlthätigkeitssinn, Familienliebe, und seine heilige Mission: die Ausbreitung der reinen Goitesidee unter alle Völker