Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 101-102 (21.12.1899)
- Date
- 1899-12-21
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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3035 Doch im Bewußtsein seiner Unschuld protestirte der Rabbi gegen das mit der Regierung getroffene Uebereinkommen, auch wollte er in seiner Bescheidenheit nicht, daß seine ohnehin so schwer geprüften Brüder ein so großes Opfer für ihn brächten, da nach seiner Meinung seine Person hierfür zu unbedeutend sei. Auch könnten die geldgierigen Machthaber dadurch bestärkt werden, weitere Erpressungen zu üben, indem sie noch andere gelehrte Männer in Haft nähmen. So blieb der Greis 7 Jahre in Haft. Als dann so viele Jahre verstrichen waren, ohne die erhoffte Befreiung gebracht zu haben, hatte das düstere Kerkerleben seinen Lebensmuth gebrochen, eine tiefe Schwermuth schwächte seine bis dahin fast unverwüstliche Geisteskraft. Am 19. Jjar 1293 erlöste ihn der Tod aus aller Roth und Kümmerniß. Durch Verbot seiner Bestattung suchte sich die Negierung für das entgangene Lösegeld schadlos zu halten. So blieben seine Gebeine bis 1307 im Kerker, bis Süßkind Wimpfen von Frankfurt fast sein ganzes Vermögen opferte, um bei Kaiser Albrecht l. die Auslieferung der Leiche zu erwirken. Am 4. Adar, d. i. 13. Februar, 1307 wurde R. Meier in Worms bestattet. Der edle Süßkind Wimpfen knüpfte an sein hochherziges Werk nur die eine Bedingung, nach seinem Ableben an der Seite des großen R. Meier die letzte Ruhestätte zu finden. Auf dem altehrwürdigen Friedhof in Worms ruhen Beide neben einander; die Inschriften ihrer Grabsteine zeugen noch heute von der cdelsinnigen Frömmigkeit und der reinen Pietät, die der wackere Süßkind Wimpfen an dem großen Lehrer Israels R. Meier bethätigt hat. R. Meier lebt fort durch die große Reihe seiner Schüler, von denen besonders R. Ascher ben Jochiel in Toledo, R. Mordechai den Hillel in Nürnberg nenenswerth erscheinen. Alsbald nach seinem Tode schritten die Schüler zur Sammlung seiner Rechtsentscheide, die später in Cremona, Prag und Lemberg gedruckt wurden. Die geordnetste und umfangreichste Sammlung ist entschieden die Bloch'sche. In der Einleitung weist der Verfasser auf eine Inschrift hin, die sich in der Merzbacher'schen Bibliothek in München befindet, und gedenkt ehrend des Verdienstes des leider so früh Heimgegangenen, in München wohnhaft gewesenen R. M. Rabbinowicz Vat -qt der schon vor 40 Jahren an einer Sammlung der Responsen R. Meier's gearbeitet hat. Jetzt noch dienen diese Entscheidungen zur Richtschnur in religiösen Streitfragen, und das göttliche Licht, das der unvergängliche große Gelehrte Rabbi Meier von Rothenburg nor mehr als sechs Jahrhunderten entzündet und verbreitet, es hat die Schicksalsnacht so vieler, späterer Generationen erhellt, und es strahlt noch heute den Epigonen, die in dankbarer, ehrfurchtsvoller Erinnerung «'ein Andenken segnen und Hochhalten. Und so läßt sich auf R. Meier das Dichterwort anwenden: „Es wirkt mit Macht der edle Mann Jahrhunderte aus seines Gleichen, Denn was ein guter Mensch erreichen kann, Ist nicht im engen Raum des Lebens zu erreichen. Drum lebt er auch nach seinem Tode fort Und ist so wirksam, als er lebt. Die gute That, das schöne Wort, Es strebt unsterblich, wie es sterblich lebt." Das 16. Jahrhundert in seiner zweiten Hälfte brachte in deutschen Landen den Humanismus und die Renaisance, die Rückkehr zu Wissenschaft und Kunst des Alterthums, die aus die ältesten Culturvölker, zu Hellenen und Juden hinleitet. Der Verlauf dieser Culturepoche zeigte, daß die beiden entgegengesetzten Weltanschauungen, das vom sittlichen Ernst getragene, dem Ewigen, Idealen und Göttlichen zustrebende Judenthum mit dem dem Augenblick und seinen Gaben, der Schönheit der Formen und der Sprache zugewandten Hellenenthum in ihrer Vereinigung die menschlichen Culturbestrebungen auf's Neue erweckten, leiteten und förderten. Dem Ebenmaß und Formenschönheit lehrenden Griechenthum, dem Wahrheit und Weisheit predigenden jüdischen Schriftthum wandte man sich gleichzeitig zu. Geistliche und weltliche Fürsten dünkten sich nicht zu hoch, Schätze alter Kunst und Wissenschaften sich von denen erschließen zu lassen, die nach Stamm und Stand tief unter ihnen standen und scheuten sich nicht, bei jüdischen Lehrern die hebräische Sprache zu studiren und sich von ihnen in die Geheimnisse der Kabbalah einführen zu lassen. Zu diesen hochgeschätzten und einflußreichen Lehrern der hebräischen Sprache gehörte Elia Levite, der sich Elia Bachur nannte, auch unter dem Namen Elia Aschkenasi, d. h. der Deutsche, auch "ip-itan ber Sprachforscher genannt, geboren aml. Adar 1469 zu Neustadt a d. Aisch (bei Nürnberg), als der jüngste von neun Söhnen. Bei seinem gelehrten, angesehenen Vater genoß er frühzeitig anregenden und gründlichen Unterricht in der hebräischen Sprache. Er widmete sich fortan vorwiegend dem hebräischen Sprachstudium und brachte diese Wissenschaft in der dem Humanismus günstigen Zeit zu Ansehen und Ehre. Wissensdurst und Schaffenslust lenkten seine Schritte nach dem klassischen Boden Italiens, wo er den größten Theil seines Lebens verbrachte. Zuerst in Padua lehrend, begab er sich dann nach Venedig und 1612 nach Rom, wo er das Vertrauen des Kardinals Egidio de Viterbo erwarb und demselben im Hebräischen und in der Kabbalah Unterricht ertheilte. Dieser Kirchenfürst sorgte für den Lebensunterhalt Elia Levite's und führte ihn in die Kenntniß der griechischen Sprache und anderer Wissenschaften ein. Dem Einfluß und der Anregung Egidio's sind mehrere sprachwißenschaftliche Werke Elia Levite's zu verdanken, der den Kirchensürsten als einen weisen und gelehrten Mann, als einen verständigen Forscher der biblischen Bücher und einen Kenner der kabbalistischen Geheimlehre schildert u. ihm mehrere seiner Werke widmet. Nach 14jähriger angestrengter, fruchtbringender Arbeit mußte Levite infolge der Eroberung Roms diese Stadt und seinen Freund verlassen. Bei der Plünderung der Stadt gingen seine wissenschaftliche Werke, soweit nicht schon im Druck erschienen, verloren und er mußte auf Drängen seiner