Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 101-102 (21.12.1899)
- Date
- 1899-12-21
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2449047--49742-2500187- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
3096 zahlreichen Schüler die abhanden gekommenen Schriften nochmals ausarbeiien , womit er jedoch erst beginnen tonnte, nachdem es ihm nach langem, unstäten Umherziehen 1629 endlich gelungen war. sich in Venedig niederzulassen. Trotz vielen Mißgeschicks, trotz großer Nahrungssorgen, hatte er sich wunderbarer Weise doch Arbeitslust und Geistessrische erhalten, und arbeiten mußte er immer, entweder an wissenschaftlichen Werten oder durch Unterricht. Die Übersetzungen seiner Schriften verbreiteten bald seinen Ruf als Lehrer, so daß hochgestellte Männer aus den verschiedensten Ländern kamen, um seinen Unterricht zu genießen. Einer derselben. George de Selve. Bischof von Lavaur, französischer Gesandter in Venedig, bewirkte bei König Franz J. von Frankreich, daß Levite eine Professur für hebräische Sprachwissenschaft an der Universität in Paris angebotcn erhielt, was dieser jedoch dankend ablchnte, da damals in Frankreich keine Juden wohnen durften und er nicht allein als solcher dort wohnen wollte. Er nahm, einer Einladung folgend, bei Prediger Paulus Fagius aus Jsny im Württemberg. Allgäu, eine Stelle als Korrektor in dessen hebräischen Druckerei an. Dort arbeitete er emsig, verfaßte verschiedene neue Fachschriften und unterstützte außerdem seinen Herrn und Freund emsig bei Herausgabe einiger hebräischer Werke. Die Sehnsucht nach Italien und seiner dort weilenden Gattin zog ihn dann wieder nach dem ihm zur zweiten Heimath gewordenen Venedig. Trotz hohen Greisenalters wirkte er auch hier wieder als Corr^ctor, durch Erklärung und Uebersetzung biblischer Bücher, bis er am 28. Januar 1649 sein arbeits-! volles, schaffensreiches Leben beschloß. Ein ganz her- : vorragender Schüler Levite's war Sebastian Münster,; Professor an den Universitäten Heidelberg und Basel, der wäbrend der Reformationszeit vom Franziskanerorden zum Protestantismus übertrnt. Als Schüler des edlen, muthigen und judenfreundlichen Humanisten Johannes Reuchlin lernte Sebastian Münster die hebräische Grammatik Levite's (Habachur genannt) kennen u. knüpfte infolgedessen Beziehungen mit Levite an und ist voll des Lobes und der Verehrung für denselben. In einer Vorrede zu einer sprachwissenschaftlichen Arbeit sagt Münster: Als ich das Werk nrm erhielt, guter Gott, wie entzückte mich das! Welchen Schatz habe ich, bisher ein Thor, nunmehr gewonnen! Und so studire ich dieses Buch, und während ich es übersetze, finde ich überall Neues, ich werde wieder Schüler, der ich doch eben das Lehramt in Heidelberg übernommen habe." Sebastian Münster war es auch, der durch Uebersetzung der bedeutenften Werke Levite's in's Lateinische diesem selbst weiteste Verbreitung verschaffte; das hebr. Sprachstudium in Gelehrtenkreisen förderte und dadurch seinen und seines Lehrers Ruf zu hoher und allgemeiner Anerkennung brachte. Ein weiterer Schüler Levite's ist Johann v. Campen. Professor der hebräischen Sprache in Loewen, der an der Hand der grammatikalischen Werke Levite's selbst eine hebräische Sprachlehre verfaßte, zwecks wissenschaftlicher Vervollkommnung nach Venedig reiste und dort mit Levite in Verbindung und in regen Verkehr trat. Er schätzte Levite alsbald als tüchtigen Lehrer, sowie als ächten Gelehrten, der eine der Christenheit nothwendige Wissenschaft klar und vollkommen lehre. Von der ungewöhnlich hohen Achtung und von dem glänzenden Ruf, den Levite durch sein rastloses Wirken im Dienste jüdischer Wissenschaft zu erringen wußte, legt wohl auch die Thatsache beredtes Zeugniß ab, daß selbst Professor Dr. Johann von Eck aus Ingolstadt, ein streitbarer Gegner Luthers und verbissener Judenfeind, während seines Aufenthaltes in Rom sich von Levite Unterricht ertheilen ließ. Neben dem durch Klarheit und Uebersichtlichkeit ausgezeichneten grammatikalischen Werke Habachur erregte das bedeutendste Werk Levite's "iivvni^ov (Ueberlieserung der Ueberlieferung) berechtigtes Aufsehen; hier weist Levite nach, daß die hebr. Vocal- und Trennungszeichen erst nach Abschluß des Talmuds entstanden. Ueber diese Ansicht entstand später heftiger Streit unter den Fachgelehrten und innerhalb der Kirche, wobei die Anhänger Levite's obsiegten. Levite's caldäisches Lexicon vnwv will zur Beschäftigung mit der caldäischen Sprache anregen und anleiten; sein Wörterbuch ■atpn wird nach dem Beinamen des Propheten Elia u. wegen des 712 betragenden Zahlenwerthes dieses Wortes so genannt; darin werden 712 rabbinische Worte unter Verwendung des Griechischen, Lateinischen und Italienischen erklärt. Roch zu erwähnen sind Levite's deutscke Uebersetzung der Psalmen Luthcr's und einer romantischen Ritterdichtung Bovo. Dem sympathischen Wesen, dem mustergiltigen Charakter Levite's stellt sein Schüler, der Prediger Paulus Fagius das Zeugniß ausgezeichneter Erziehung und hervorragender Menschlichkeit aus. Als ächter Humanist sei er bescheiden und einfach, freundlich und zuvorkommend. Er belehrt Christen und lernt von ihnen. Dabei verleugnet er keinen Augenblick seine Religion u. seine Glaubensbrüder. Lediglich Geschichtsfälschung ist es, wenn ein judenfeindlicher, neapolitanischer Bischof behauptete, Levite habe sich taufen lassen. Der leider zu früh dahingeschiedene Professor Dr. Kaufmann weist in der von Hofmann und Dr. Berliner herausgegcbenen Monatschrift ebenso gründlich als sachlich nach, daß diese Behauptung in's Reich der Fabel und Lüge gehört. Aus dem Geschilderten geht wohl hervor, daß die drei vorgeführten Männer aus den vergangenen Tagen der bayerischen Judenheit durch ihr Wirken und Wesen dem Namen Israels Ehre bereiteten und zur Erkenntniß und Ausbreitung der göttlichen Größe ruhmvoll u. für dauernde Zeiten beigetragen haben. Der Geist der Gottesfurcht und Menschlichkeit, der Geist der Wahrheit und Weisheit wird durch solche Männer neu beschwingt. neu belebt und gekräftigt. >d- Brrantworttiche Xedaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des »Israelit-, Schottstraße Nr. 2. Mainz. Druck und Verlag der A-h. «irthsschen -ofbuchdruckerei-«etien-Gefeüschast in Mainz.