Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 101-102 (21.12.1899)
- Date
- 1899-12-21
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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4023 seine Fragen nach Entfernung der übrigen Schüler oder schriftlich vorzubringen, damit er nicht verspottet werde. — Ein Angeber tverde unter den Schülern nicht geduldet. Gute Kinder lasse man nicht mit ungeratenen zusammen unterrichten. Der Lehrer selbst gehöre ganz seinem heiligen Berufe an. Er lasse sich nicht durch Unterhaltungen und Besuche in seinem Unterrichte stören. Die in dem Buche citirten dumpf klingenden Laute des weltverzweifelnden Mysticismus, des tiefen Zauber- und Hexenglaubens sind nicht jüdischen Ursprungs, sondern ein Widerhall der in jener Zeit in anderen Kreisen vorkommenden Volksstimmen, wie dies auch der frühere Professor und spätere Oberconsistorialrath Prieger in seiner Geschichte der deutschen Mystik zeigt. Alles in Allem genommen, müssen wir mit einem bekannten jüdischen Gelehrten sagen: Erhabenes und Kleinliches, Schönes und Abstoßendes liegen hier nebeneinander und durcheinander. Edelsteine, die unvergänglichen Glanz ausstrahlen, sind unter Gerolle verschüttet, Goldkörner unter Schlacken und Sand verstreut, duftende Blüthen sprießen aus Schutt und Moder. das Bild frischen Lebens neben Tod und Verwesung. — Als wesentliches und bleibendes Verdienst müssen wir dem Werke zuerkennen: Nachhaltig und wirksam hat es zur sittlichen Vertiefung, zur Hervorhebung der gemüthlichen Seite der Religion beigetragen. Darum blieb es eine Erbauungslektüre auch späterer Generationen. Daraus erklärt sich auch, daß R. Jehudas Ideen durch seine zahlreichen Schüler, in erster Linie von R. Elieser ben Jehuda aus Worms, Verfasser des Sittenbuches fortentwickelt und weiter verbreitet wurden. Und so lebt der im Jahre 1217 dahingeschiedene R. Jehuda Hachasid in seinen Schülern und der Sage fort. Im Geiste uns nach der altdenkwürdigen Stadt Rorhenburg a. d. T. begebend, begegnen wir der ehrwürdigen, achtunggebietenden Erscheinung Rabbi Meier ben Baruch, abgekürzt eins der längere Zeit in dieser Stadt lebte, lehrte und wirkte. Dieser bedeutende und einflußreiche Lehrer in Israel wurde, wie bekannt, 1220 in Worms als Sprosse einer ehrbaren und frommen Familie, in der das Thorastudium eifrige Pflege fand, geboren. Nach Empfang der ersten Bildung in seiner Vaterstadt begab er sich zur Weiterbildung nach Würzburg, später nach verschiedenen Orten Frankreichs. Nach beendeter Studienzeit zu Amt und Würden gelangt, wirkte er als Rabbiner und Richter in Augsburg, Konstanz, Mainz, Nürnberg. Rothenburg a. d. T., Worms und Würzburg; wie lange und zu welcher Zeit an jedem der genannten Orte, ist nicht bekannt. Er dürfte jedoch wohl am längsten in Rothenburg a. d. T. thätig gewesen sein, weshalb er auch gewöhnlich nach dieser Stadt bezeichnet wird. Seitens verschiedener Forscher wird behauptet, er sei vom Kaiser Rudolph v. Habsburg zum Oberrabbiner der deutschen Juden ernannt worden; Andere meinen, die jüdischen Gemeinden Deutschlands und Frankreichs hätten ihn zu ihrem Oberhaupte erwählt. Jedenfalls wurde er in allen damals bekannten jüdischen Kreisen als höchste rabbinische Autorität anerkannt, denn alle großen Gemeinden, wie Augsburg, Bamberg, Cöln, Coblenz, Erfurt, Magdeburg, Mainz, Merseburg, Nürnberg, Regensburg, Wien, Würzburg, ja sogar solche Frankreichs und Palästinas wandten sich in Rechtssachen und Religionsangelegenheiten an ihn, wobei sie ihn bei der Einleitung ihrer Fragen mit den reichsten und üppigsten Ehrenbezeichnungen begrüßten. In Würdigung seiner hochangesehenen und einflußreichen Stellung erfreute er sich einer angenehmen und gesunden Amtswohnung, und er selbst berichtet von einer besonderen Winter- und einer höher gelegenen Sommerwohnung mit luftigen und lichten Speise- und Lehrräumen ausgestattet, nebst einer größeren Anzahl für die Schüler bestimmten Wohnzimmer, so daß er 24 rmno anbringen lassen mußte. In erster Reihe verdankte er seinen weitverbreiteten Ruf und seinen mächtigen Einfluß seiner seltenen Begabung, seinem umfangreichen talmudischen Wissen und seinem hervorragenden Lehrgeschick, sowie auch dem richtigen Versiändniß für die Verhältnisse und Bedürfnisse seiner Zeit, der hingebenden, aufopfernden Liebe für seinen Glauben und seine Glaubnesbrüder und nicht zuletzt seinem lauteren, selbständigen Charakter, seiner schlichten Frömmigkeit und Sittenreinheil und seiner unermüdlichen Schaffensfreude. Man nannte ihn ausbreitendes Licht, wohl synonym mit seinem Namen 1' kd gleichbedeutend mit „der Erleuchtete". Ein jüd. Gelehrter in Ungarn sagt in sinniger Weise in der Einleitung der von ihm 1891 herausgegebenen Sammlung der bis dahin noch nicht edirtenGutachten Meiers mit einer auf den Mischnahlehrer in psivji angewandten Frage: Warum wird sein Name der Erleuchtete genannt? Weil er die Augen der Weisen in religionsgesetzlichen Angelegenheiten erhellte und erleuchtete. Mit Anwendung auf unseren bayerischen Gelehrten sagt der Herausgeber: Wir können dies mit Fug und Recht von v'inv sagen, denn auch er war eine aufgehende und leuchtende Sonne, ihre Strahlen weit verbreitend und das Licht der Gotteslehre über die ganze Erde ausströmend. Wenn auch nicht, wie die spanischen jüdischen Gelehrten mit Philosophie und Wissenschaften sich befassend, hat er doch in einer Zeit der durch Vorherrschen der Mystik eingetretenen geistigen Versumpfung ein bleibendes Verdienst sich dadurch erworben, daß er bei seinen Zeitgenossen ein gründliches, verständnißvolles Talmudstudium anbahnte und durch Wort und Schrift verbreitete; daß er ferner, einzig und allein auf den Boden der alten jüdischen Gesetzesquellen sich stellend, nur nach diesen die ganze Lebensführung seiner Glaubensgenossen ordnete und regelte; ein Leuchtthurm, zu dem sie emporschauten, und der sie vor religiöse, n und politischem Schiffbruch bewahrte. Eigenthümlich ist es daher, daß Grätz — „schnell