Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 101-102 (21.12.1899)
- Date
- 1899-12-21
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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§osa hudas. Er mahnt daher zur Vorsicht gegenüber Abtrünnigen und warnt vor Verkehr mit Getauften. Einst äußerte ein getaufter Jude, er wolle wieder Jude werden, und um gefahrlos als solcher fortan leben zu können, bei Christen, die ihm Glauben schenken, Geld entlehnen und damit entfliehen. Die Gelehrten, denen er seinen Plan enthüllte, waren getheilter Meinung. Der Eine sagte: Willst Du wieder Jude werden, so darfst Du Niemanden, auch keinen Christen, betrügen. Ein Anderer meinte: Habe er sich nur in der Noth taufen lassen, so dürfe er sich, um wieder Jude zu werden, das Geld von Christen borgen und damit entfliehen; das sei besser, als dauernd Sabbath und Speisegesetze zu übertreten. Würde er entdeckt und getödtet, so sei der Tod die Sühne für sein Vergehen. Ein Dritter rief warnend: Belehret ihn nicht und rathet ihm nicht! Rathen wir ihm zum Bösen, so wird er sagen, von den Juden sei er berathen worden und uns so in Gefahr bringen. Wirklich verrieth dieser Ueberläufer das Gespräch den Christen und diese wurden nur durch eine große Summe Geldes davon abgehalten, unter den Juden ein Blutbad anzurichten. Eine Folge hiervon war wohl die Anordnung: Man soll einen Abtrünnigen nicht durch Geld wieder zu gewinnen suchen, es sei besser, er bleibe getauft, als daß er Anderen zum Verführer würde. Wie in trüben, kalten Wintertagen die aufgehende Sonne Nebel und Dunkel scheucht, Erstarrung, Frost und Kälte bannt und Licht und Wärme strahlt, so geht auch aus dem Buche Sefer Hachasidim selbst in dieser Zeit, wo Unmenschlichkeit in so betrübender Weise Orgien feierte, trotz des wohlbegreiflichen Rachegefühls der Juden, das auf alle Menschen sich erstreckende Gebot der Liebe und Gerechtigkeit, dieser Grundpfeiler des biblischen und talmudischen Judenthums, in strahlender und leuchtender Wärme aus. „Von Frommen, die Gutes gethan, sie seien Juden oder nicht, sage man: Sie seien zum Guten gedacht. — Ist ein Christ im Begriff, Unrecht zu begehen, so suche man ihn zurechtzuweisen und vom Bösen abzuhalten, wie auch Jona einst nach Ninive gesandt wurde, damit die Bewohner dieser L-tadt Buße thun sollen. Man sei gegen Christen ebenso ehrlich als gegen Juden; besser, Du lebst von Almosen, als daß Du christliches Geld Dir aneignest und entfliehest, weil dadurch der göttliche Namen entweiht würde, indem die Christen sagen möchten, die Juden seien Diebe und Betrüger. Fragt ein Christ, welcher an dem und dem Ort ansässige Jude ehrlich und welcher ein Betrüger sei, so sage man ihm gewissenhaft, vor welchem er sich hüten soll. Dem von einem Juden in seinem Leben bedrohten Christen springe man bei, nöthigenfalls muß man den jüdischen Mörder tödten. In hervorragender Weise finden sich in dem Buche auch Stellen, die Erziehung und Unterricht betreffen. Ein anerkannter christlicher Pädagoge der Neuzeit spricht die Ansicht aus: „Die Israeliten seien das einzige wahrhaft pädagogische Volk des semitischen Stammes. Wenn irgend ein Volk auf dem Erdenrund, so haben die Israeliten bewiesen, welche Macht in einer konsequenten Erziehung liegt. Denn nur aus der systematischen Fortpflanzung des Judenthums von Geschlecht zu Geschlecht ist die beispiellose Zähigkeit und Dauerkraft desselben zu erklären. Aber nicht die Starrheit des Chinesenthums, sondern die individuelle Selbstständigkeit und Entwickelungsfreiheit ist das Lebens¬ und Erziehungsprinzip der Israeliten. Ihre Geschichte ist daher im Großen und Ganzen eine Geschichte des Fortschrittes, nicht des Rückganges, nicht des tödtllchen Siechthumes, sondern der steten Verjüngung." Wie kam der moderne Schulmann zu dieser erhabenen Anschauung über das Judenthum? Sicher leiteten ihn hierbei die ewigen Wahrheiten der Bibel, die in derselben so oft wiederholten ernsten Mahnungen zur religiösen Erziehung und zur treuen Unterweisung der Jugend. Ein Einblick in die spätere Geschichte unseres Volkes, im Verkehr mit Juden gemachte Beobachtungen bestärkten ihn wohl noch in seinen Anschauungen. Hätte er aber auch noch Gelegenheit gefunden, die auf Jugenderziehung und Schulbildung bezüglichen Lehren des Talmud, des Maimonides und unseres nn'ern icd kennen zu lernen, fürwahr, er wäre zum Staunen und zur Bewunderung ob der darin zum Ausdruck gebrachten Werthschätzung und des darin bekundeten feinen Verständnisses des Bildungs- und Erziehungswesens hingerissen worden! Einen breiten Raum nehmen in dem Werke die auf erziehliche und unterrichtliche Behandlung der Kinder Bezug habenden Bemerkungen und Anweisungen ein. Ein paar Beispiele: Man gewöhne Kinder zeitig daran, daß sie nicht Alles angreifen. Ein Kind, das noch nicht wissen kann, weshalb man es züchtigt, schreie man nicht an, wenn es sich unanständig benimmt. Das von den Eltern im Hause den Kindern täglich gegebene Vorbild ist bekanntlich von größtem Einfluß auf Charakter und Gemüth der Kinder. Rosegger sagt mit Recht: „Erziehen ist nichts Anderes, als ein gutes Beispiel geben". Dieser Gedanke kommt in dem Werke Sefer Hachasidim bereits zum Ausdruck: Ein Vater sage seinen Kindern: So hat mein Vater gethan, so thue auch ich, damit sie ebenso zu thun sich gewöhnen, da die Kinder gewöhnlich den Eltern nachahmen. Mit dem Beispiel gehe die Gewöhnung Hand in Hand; zu diesem Behufe sind Hang und Neigung der Kinder zu belauschen. Wer reich ist und Kinder hat, die seine Ermahnungen nicht befolgen, der bringe sie in die Lage, sich durch ihrer Hände Arbeit das Brod verdienen zu müssen, so werden sie auf gute Wege kommen. Bei der Wahl des Berufes achte der Vater genau auf die Neigungen des Sohnes. — Neben der Erziehung wird die hohe Bedeutung des Unterrichts und des Lehrers gewürdigt. Der Vater soll seine Kinder nicht selbst unterrichten, sondern ihnen einen Lehrer halten. Dieser ertheile ihnen keine zu schwer auszuführende Aufgaben. Er achte darauf, daß das Kind Alles, was es lernt, auch verstehe. Einem stotternden Kinde empfehle der Lehrer,