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Der Israelit · 1899-12-21 · Heft 101-102 (21.12.1899) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 101-102 (21.12.1899)
Date
1899-12-21
Page
– (sequence 27)
Language
German
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3021 Gebeten aufgenommenes -vcn tp, das Lied von der göttlichen Herrlichleit, mit m'oi otj» beginnend. Zur wahren Andacht gehört Verständniß des Gebetesdenn dasselbe hat nur Werth, wenn das Gemüth es erfaßt; welchen Nutzen hat aber ein solches, wenn das Herz nicht weiß, was der Mund spricht? Mehr als die vorgescbriebenen Fasttage sich aufzuerlegen, betrachtet R. Jehuda als sündhaft, besonders seitens der Lehrer und Arbeiter, die hierdurch in der genügenden Erfüllung ihrer Berufsvflickten gehindert werden. In den damaligen Zeitverhältnissen lag freilich die Neigung zur Askese, zum Lebensüberdruß, trotzdem lehrt das Werk R. Jehudas: Der Fromme soll nicht sagen, ich will weder Wein noch Fleisch genießen, will schöne Wohnung und anständige Kleider meiden, will wie die Mönche einen groben Anzug tragen. Dies ist ein schlechter Weg, und sündhaft ist es, ihn zu gehen. In einer großen Anzahl anderer Aussprüche finden sich weise Regeln für den Umgang mit dem Nebenmenschen und die lauterste Lehre der Nächstenliebe. Wenn Herder sagt: Religion ist die höchste Humanität des Menschen, so hat schon lang vorher das D'-ocm <d eine solche Religion gepredigt. So heißt es in demselben: Die Achtung unserem Nebenmenschen gegenüber komme schon in der Gesprächsform zum Ausdruck. Man sage nicht moi et vous, ich und du, sondern vous et moi, du und ich. Lauterkeit der Gesinnung, Milde und Wahrheit in Beurtheilung des Nächsten wird nachdrücklichst gelehrt in folgenden Sätzen: Nimm keine Verlönmdung willig auf, suche vielmehr dem abzurathen, der bei dir über einen Dritten sich beschwert. Sprichst du von Jemandem, so erzähle von ihm nur Gutes. — Sprich nicht, ich werde Böses vergelten. — Hoffe auf Gott, er wird Dir helfen. Sei still, wenn man Dich schmäht und dulde auch nicht, daß Deine Schüler und Hausgenossen mit Schimpfen und Schlägen dem begegnen, der Dich beleidigt. Neid und Haß thue ab von Dir. Beneide den Größeren nicht und verachte ebenso wenig den Geringeren. Ist ein Reicher und ein Armer krank, Du siehst die Leute den Reichen besuchen, so gehe Du zu dem Armen, selbst wenn er kein Gelehrter ist. Schätze es nicht, wenn man Dich nur um Deines Reichthums willen und nicht Deiner Weisheit und Tugend wegen ehrt. Wohlthätigkeit werde in besonnener Weise geübt. Die edelste Gabe ist die, welche man einem als wohlverdienten Lohn Zukommen läßt, indem man dem Armen ein Geschäft oder eine Arbeit überträgt, selbst wenn man ihrer nicht bedarf. — Ehrlichkeit und Redlichkeit komme in Handel und Wandel zum Ausdruck. Wer auf Zins leiht, Geld beschneidet, Maaß und Gewicht fälscht oder sonst auf eine Art betrügt, wird zu Grunde gehen; er, seine Kinder und Alle, die mit ihm in Zusammenhang stehen, werden an den Bettelstab kommen. Der Kaufmann sage nicht, um seine Waare anzubringen, so und so viel hätte ich schon dafür bekommen, oder ich habe selbst so und so viel dafür gegeben, wenn es nicht wahr ist. Auch bei Heirathen und in der Ehe walte Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit. Man vermittle keine Ehe zwischen einem jungen Mädchen und einem alten Manne. Man empfehle keine Heirath, die man selbst nicht eingehen möchte. Man verschweige bei einer Heirath nicht einmal die Leibesfehler der eigenen Kinder. Kränkt Dich Deine Frau, so bitte Gott nicht, daß er Dir eine andere gebe, sondern daß er diese in Liebe Dir zuwende. Derselbe Geist der Milde durchweht die Bestimmungen und Mahnungen, die sich aus Behandlung von Untergebenen und Dienstboten beziehen. Der Mensch behandele seine Untergebenen so, wie er behandelt zu werden wünschte, wenn er selbst in fremder Gewalt stünde. Man beschäme seine Knechte und Mägde nicht und sei nicht undankbar gegen sie; haben sie ihre Arbeit gethan, so tadele sie nicht in unnöthiger Weise. Auch die Warnung vor Grausamkeit gegen die vernunftlosen Geschöpfe wird in dem Buche nicht vergessen. Besondere Aufmerksamkeit verdient der den Verkehr mH Andersgläubigen behandlnde Theil des Buches. Die Juden Bayerns hatten zu jener Zeit Verfolgung, Hohn und Spott, Noth und Tod zu erdulden. Manche Anordnung muß daher als ein Ausdruck der gebotenen Borstcht, der Aengstlichkeit und des Mißtrauens der Juden gegenüber ihrer Umgebung erscheinen. Folgende Episode giebt ein Bild von den furchtbaren Zuständen jener Zeit: Einst erging der verhängnißvolle Befehl, die Juden haben ihren Glauben zu verlassen, sich taufen zu lassen und zum Christenthnm überzutreten. Einige Adelige versprachen nun den flüchtigen Juden, Mitleid für sie heuchelnd, ihnen Schutz gewähren zu wollen. Die Juden glaubten ihren Worten, wurden aber erschlagen. Deßhalb heißt e8: Ein Jude soll mit einem Nichtjuden nicht allein sein. Ferner: Ein Jude darf kein Kreuz tragen, auch nicht, um sich unkenntlich zu machen, wie ein Geistlicher sich kleiden. Sie sollen an ihren Häusern oder Kleidern auch kein Kreuz tragen, wenn Heereszüge (Kreuzfahrer) kommen, auch keine Glatze nach Art der Geistlichen tragen, um für Christen aehalten zu werden. Hat aber eine Frau einen Angriff auf ihre Ehre zu befürchten, so darf sie Manneskleider oder einen künstlichen Bark anlegen. — Die von Mätyrerblut befleckten Wände eines Hauses dürfen nicht übertüncht werden, damit das unbedeckte Blut zu Gott aufschreien möge. Diese wenigen Worte sagen mehr, als eine große Abhandlung über die Geschichte dieser finsteren und schauervollen Tage. Die Ueberläufer, die Fahnenflüchtigen waren als Verleugner ihrer väterlichen Religion von jeher die größte Gefahr für ihre früheren Glaubensgenossen; allzu wabr zeigte sich das Wort des redegewaltigsten aller Propheten: imp “jeo „Deine Zerstörer und Verderber gehen aus Deiner eigenen Mitte hervor". So war es auch in den Tagen R. Je-

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