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Der Israelit · 1899-12-21 · Heft 101-102 (21.12.1899) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 101-102 (21.12.1899)
Date
1899-12-21
Page
– (sequence 26)
Language
German
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3020 Initiative einer hierfür geeigenschafteten Persönlichkeit, um das Interesse weiter Kreise wachzurufen. Angesichts solcher Sachlage ist es doppelt verdienstvoll, wenn ein vielbeschäftigter Mann, der als Lehrer und Bildner der Jugend beruflich sehr in Anspruch genommen ist, Zeit und Muße zu finden weiß, um in den Schacht der Wissensschätze früherer Jahrhunderte einzudringen und aus dem ewig frischen Born der Geistesarbeit unserer alten Meister zu schöpfen. Herr Lehrer Heinrich Frei unterzog sich dieser schwierigen, höchst oankenswerthen Aufgabe in einem Borlrage „Bayerns Juden in vergangenen Tagen", gehalten im Literatur- Berein München am 6. Dezember 1899 in mustergültiger, lichtvoller Weise. Um ein Volt zu einem Träger der Kulturmission für die Dauer der Zeiten zu machen, dazu gehören u. A. drei wichtige Faktoren: Eine systematisch, harmonisch ausgebaute Sirtenlehre, welche die Menschen im Bewußtsein ihrer Pflichten gegen Gott wie gegen den Rächsten, sowie zur Rechtschaffenheit und Redlichkeit in Handel und Wandel erzieht. Es gehört dazu eine Verbreitung und Vertiefung der Gesetzeskenntniß, sowie eine sorgsame und eifrige Pflege und Wahrung des nationalen Sprachschatzes. Darum widmete Herr Lehrer Frei die Besprechung des Abends dem glänzenden Dreigestirn, welches in mittelalterlicher Zeit am Himmel der Diaspora in Bayern leuchtete und dem wir auf geistigem Gebiete so viel Edles und Unvergängliches zu verdanken haben. Es sind das die Männer: Rabbi Jehuda Hachasid, der große Ethiker, Rabbi Meir von Rothenburg. der große Gesetzeskundige und Gesetzeslehrer, endlich Elia Levite, der große Sprachforscher unv Grammatiker. Hören wir nunmehr den Redner selbst, beziehungsweise, soweit es der Raum gestattet, die wichtigsten und markantesten Stellen aus seinem hochinteressanten, mit seltenem Fleiß durchgearbeiteten Vortrag. Die Wiege Rabbi Jehuda's Hachasid, auch Sir Leon genannt, stand in Speier. Hier lernte er die deutsche und französische Sprache, Bibel und Talmud, sowie auch die mystischen Lehren und Anschauungen, die während der Kreuzzüge im Volke Boden faßten. Da die Lage der Juden Regensburgs zu jener Zeit als günstig galt im Gegensatz zu den für die Juden traurigen Verhältnissen im Rheinlande, entschloß sich der schaffensfreudige Mann zur Uebersiedelung nach Regensburg. Seine hohe Begabung, sein umfangreiches, tiefgehendes Wissen, seine von wahrem Edelsinne, von seltener Frömmigkeit zeugende Lebensführung verschafften ihm bald allgemeine Anerkennung, sowie einen weitverbreiteten Ruf als Lehrer. Zahlreiche Schüler aus den verschiedensten Theilen Deutschlands, Oesterreichs und Frankreichs schaarten sich um ihn. In hervorragender und mannigfaltiger Weise enfaltete er schriftstellerische Thätigkeit. Die Reisenotizen des Petachjah aus Regensburg wurden von ihm unter dem Namen?nnr>v siid verbreitet. Von seinen Werken sind noch zu nennen Gematriot und M22N Das bedeutendste und inhaltreichste ist sein Buch o'-ronn 7L- Buch der Frommen, entstanden aus Zusammenstellung seiner zu verschiedenen Zeiten gemachten Aeußerungen und Aufzeichnungen. Es wurde nach seinem Tode ungeordnet und unvollendet, was sich eben vorfand, von seinem Scyuler R. Elieser ben Jehuda aus Worms veröffentlicht, entbehrt daher des logischen Aufbaus und inneren Zusammenhangs. Nichtsdestoweniger erweckt das Buch unser Interesse, weil es uns die äußeren Verhältnisse und inneren Zustände, die Denk- und Lebensart, den Bildungsgrad und die Bestrebungen der damaligen Judenheit veranschaulicht und uns so ein treues Bild aus der Zeit seiner Entstehung hinterläßt. Der ethische Gehalt, die ideale Lebensauffassung und die Macht der sittlichen Ueberzeugung verleihen dem Buche einen hohen, universellen Werth. Sein Grundton ist Liebe zu Gott und zur gesummten Menschheit. Die Pflichten des Menschen gegen Gott und gegen seinen Nebenmenschen im allgenieinen, des Juden gegen Andersgläubige im Besonderen, die Pflichten der Kinder gegen Eltern und umgekehrt, das Verhalten des Herrn gegen Vierter, das Ijäiizüdje, öffentliche und geschäftliche Leben, die Schonung der Thiere, kurz alle Beziehungen des Lebens und Glaubens finden in diesem Buche ihre Regelung. Lanz nennt es daher die Bibel der reinsten Sittlichkeit des deutschen Judenthums, auch in Bezug auf dessen Verhalten zum Christenthum. Ein Blick in das Buch zeigt uns: Schon obenan steht Gottesfurcht und Gottesverehrung' Gottesfurcht ist der Anfang aller Weisheit, die sichere Führerin auf unserer Lebensbahn, die Quelle wahren und glücklichen Lebens. Ehrfurcht gegen Gott zeige sich schon äußerlich in Heilighaltung seines Namens, man gebrauche denselben daher mit der Umschreibung notre Sire, und füge den Lobspruch soit benedit oder fort loue hinzu. Beim Gottesdienste zeige sich die Ehrfurcht in hohem Grade, man plaudere nicht im Gotteshause und benehme sich nicht leichtfertig. denn wir stehen hier vor unserm Könige, dem Herrn der Welt. Seht (heißt es im entm nsd) in allen Ländern fallen die andersgläubigen Könige auf die Knie oder stehen in Ehrfurcht, in Angst und Beben, ihre Hände erhoben zu ihren Göttern. Um wieviel mehr müssen wir in Zagen und Ehrfurcht vor dem hocherhabenen Gotte stehen. Man bete daher erst nach gewonnener innerer Sammlung, mit Demuth im Herzen, mit Ruhe, ohne Uebereilung. Zur Hebung der Andacht wird Gesang empfohlen, für Bittgebete eine getragene, liebliche, herzerregende Sangesweise, für Lob und Preis dagegen der frische, frohe und lebendige Gesang. Die Piutim sollen nicht den Haupttheil der Andacht bilden, sondern die eigentlichen, überlieferten Gebete. Die von spanisch-jüdischen Dichtern verfaßten Gebete will R. Jehuda beim Gottesdienst nicht verwendet wissen, weil darin das Versmaß nichtjüdischer Dichter nachgeahmi sei. Dafür bietet er uns selbst herrliche Gebete, in welchen der Mensch sein bedrücktes Herz ausschüttet. Am bekanntesten ist sein in unseren

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