Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 101-102 (21.12.1899)
- Date
- 1899-12-21
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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«. De». 1889] MlkLri-k. Mrrlkgs m Kr. SOS m. SOL. i*«.«. für dass^ Orthodoxe «NudenthumÄ Wayern's Juden in vergangenen Hagen. Bericht über einen Vortrag, gehalten von Lehrer Heinrich Frei im Litteratur-Verein zu München am 6. Dezember 1899. Die Geschichte ist die beste Lehrmeisterin! Wer die Gegenwart richtig verstehen will, dem dürfen die Begebenheiten der ferne zurückliegenden Zeiten nicht fremd sein. Die Thaten, die Erlebnisse der Väter, sie sind bestimmend und vorbildlich für die Geschicke der Kinder und Entel. Wer die Entwickelungsformen, den Werdegang der Nationen und Völker begreifen will, der muß seine Blicke zurücklenken auf die Wiege derselben, der muß die Geister und die Kräfte kennen lernen. welche die Bausteine zusammentrugen zu den Kultur-Emporien, auf welchen die Lebenskraft, die Existenzfähigkeit und die Zukunft eines Volkes beruht. Die Art und Weise, wie die Verhältnisse und Umstände, unter denen eine Nation entstand, welches ihr Entwickelungsprozeß in den ersten Stadien gewesen, dies Alles ist von wesentlicher Bedeutung für die Geschicke der spätesten Generationen eines solchen Volkes. Das jüdische Volk, seine Geschicke und seine Schicksale, sie sind klassische Zeugen, sie sind lebendige Beweise für die Wahrheit dieses Satzes; bedürfen wir auch eines Beispieles, so lenken wir unsere Blicke zurück auf das einst allmächtige Rom. Das ehedem weltgebietende, alles bezwingende Rom, wie ist es entstanden, und was ist später aus ihm geworden? Die Sage erzählt uns, daß ein von seiner Mutter ausgesetztes, dem Tode preisgegebenes Zwillingspaar, Romulus und Remus, von einer Wölfin gesäugt und am Leben erhalten, die Stadt Rom gründeten. Die Milch einer Wölfin haben also nach dieser Sage diejenigen eingesogen, denen die Stadt und das spätere Weltreich Rom ihre Entstehung verdanken. Die Wölfin, ihr Wirken zeigte sich darin, daß eine der ersten, mit der Geschichte Roms zusammenhängenden Thaten ein Brudermord gewesen. Die Wölfin Rom! Durch Jahrhunderte schloß der Janus- Tempel seine Pforten nicht, Jahrhunderte hindurch überzog die Weltbeherrscherin Rom die Völker und Länder zweier Erdtheile mit der Brandfackel des Krieges und der Zerstörung, Jahrhunderte setzte Rom seinen Fuß auf den Nacken so vieler Reiche der Erde und ließ seine gepanzerte Faust sie fühlen, alles beherrschend, alles unter sich niederzwingend. Und heute? Verblichen ist sein Ruhm, zerstört seine Macht, versunken seine Herrlichkeit. Wie so viele Nationen der früheren Geschichte, ist das stolze, einst so hochragende Rom verschwunden aus der Reihe der Völker, während das jüdische Volk trotz beispielloser Verfolgungen, trotz in der Geschichte der Jahrtausende einzig dastehender Martyrien noch heute, einem wandernden Wunver gleich, durch die Weltgeschichte schreitet. Wie ist solches zu erklären? Die Geschichte unseres Volkes erzählt es uns. welchen Kräften der jüdische Stamm seine nimmer versiegende Lebenskraft verdankt, sie lehrt uns auch die Begebenheiten unserer Tage in jenem Lichte betrachten, welches sie unserem Verständnisse näher bringt. Bei dem Ringen und Hasten, bei dem Drangen und Stoßen, welches der Kampf um den Erwerb, das Mühen um die Existenz mit sich bringt, kurzum, bei den großen und hochgespannten Anforderungen, welche die Gegenwart an jeden Einzelnen stellt, besteht allgemein nicht viel Neigung, sich mit der Vergangenheit zu befassen und in den Geschehnissen früherer Zeiten zu forschen. Es bedarf hierzu immer erst der kräftigen