Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 101-102 (21.12.1899)
- Date
- 1899-12-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XI* Jahrgang. Erste Lei!, ja M101 Z-102 des „Israelit". Literarischer Bericht. 1. Ka«zelreden von Rabbiner Dr. David Feuchtwan fl. 1. Theil. (Franks, a. M. 1899. I. Kauffmann.) 4. %bal9ot, rketracbtungen über die Hastaras vom ganzen Jahre von Rabbiner Jo ses Nobel. (Franksurt a. M 1899. I. Kauffmann> 8. Ich weiß nicht, ob es allen Reeensenten so geht, mich wenigstens ergreift ein gelinder Schauder, wenn mir Predigten auf den Büchertisch gelegt werden. Da kommt ja das Jahr über einem so viel kanterbuntes Zeug vor die Augen, daß man fast verzweifeln möchte über die schriftstellerische Fruchtbarkeit unserer Prediger und Volkslehrer. Wer ein mol eine Predigt vom Stapel gelöst n, wer irgend einen Mäc.m seines engeren Kreises, den lebenden oder den lodten, bepredigt hat, fühlt sich berufen, seine Gesühlsergüsse der Welt milzutheilen, ohne sich zu fragen, ob sie für den ihr ganz weltfremden Menschen, der ja alles Lob verdienen mag, ein besonderes Interesse hat oder auch nur haben kann. Da kommt dann wieder ein anderer, der das Bedürfruß fühlt, mit einem Bändchen Vorträge, die in irgend einem weltentlegenen Winkel gewiß die Zuhörer erbaut hoben, die Welt zu beglücken; es wäre ja jammerschade, wenn dieses Licht unter den Scheffel gestellt werden und nicht in die weite Welt hineinleuchten sollte. Aber was Hilsts? Man mag noch so oft entiäuscht, oder vielmehr in seinem Voruriheil bestärkt worden sein — ist man gewissenhaft, so wird man sich der Pflicht nicht entschlagen können, in die Blätter, die einem zufliegen, einen prüfenden Blick zu werfen, Wortschwall und Phrase über sich ergehen zu lasten, um schließlich — zwei bis drei Seiten genügen zumeist — das Buch zuzuklappen und beiseite zu legen; denn besprechen wird man es nicht, was soll man den armen Verfasser, der es doch jedenfalls gut gemeint, noch kränken? Um so erfreulicher ist es aber und um so lieber greift man zur Feder, wenn man in seinem Vorurtheil sich getäuscht sieht, wenn man ein Buch homiletischen Inhalts auf den Tisch gelegt bekommt, bei dessen Lektüre man sich nicht mit einigen wenigen Seiten genügen läßt, sondern in dem man lieft und immer weiter liest, das man aus einen Zug zu Ende lesen rnöchte, wegen seines gediegenen Inhalts, der in einer schönen Form dargeboten wird. Zu diesen willkommenen Gaben gehören die an der Spitze genannten Werke von Feuchtwang und Nobel. Die „Kanzelreden", enthalten SO Predigten, welche zum großen Theil die ^este behandeln, aber I auch einige Gelegenheitsreden, wie die zum fünfzigjährigen Regierungsjubiläum des Kaisers Franz! Josef I., und die aus den Tod der Kaiserin Elisa- | beth u a. auffv.'isen. Allen ist jener herzliche und warme Ton eigen, der so eindrucksvoll zuin Herzen spricht, sie halten sich jedoch bei allem Schwunghaften fern von Phrasenschwall und Wortgetön. In ganz vorzüglicher und geistvoller Weise versteht es der Vers., den Midrasch, dessen Blülhen uns hier in reichem Maße geboten werden, zu verwenden, zu erklären und zu deuten, und gerade dies macht die Rede so gehaltvoll und zu einer anregenden und belehrenden Lektüre. Ich wüßte unter diesen dreißig Reden nicht eine vor der andern besonders hervorzuhcb-n, jede hat ihren eigenthümlichen Reiz, doch will ich nicht verfehlen, aus den aus sechs Reden bestehenden Cyklus „das Ziel" aufmerksam zu machen, der in geistreicher Weise die Frage nach dem Ziel von Israels Aufgabe und Wanderung behandelt. Wie die „Kanzelreden", enthält auch der „Thabor" Vorträge, die aber in der Ausführung sich von jenen unterscheiden. Dem Kanzelredner steht eine größere Freiheit zu, er wählt sich sein Thema, dafür ist ihm aber die schwierigere Ausgabe gestellt, die Ausführung nach Form und Inhalt zu finden. Bei den Betrachtungen über die Hfftcuas ist der Weg gewissen, der Inhalt liegt vor, aber diesen Inhalt mit dem des betreffenden Wochenabschnitts zu verbinden, ist bei der oft nur flüchtigen Berührung nichts Leichtes, und geraoe dies hat der Vers, sich zum Ziel gesetzt, und diese Aufgabe hat er trefflich gelöst. So haben wir hier abgerundete Vorträge, die einmal die Beziehungen der Hastara zur jeweiligen Sidra Nachweisen, den Inhalt der Hastara uns verständnißvoll erläutern und, da der Midrasch, worin der Vers, eine ausgebreitete Kenntniß verräth, oft zur Erklärung dunkler Stellen und zur Verlebendiaung des Inhalts herangezogkn ist, eine Fülle von Midraschim, deren geistvolle Deutung uns einen wahren Hochgenuß bereitet. Beide Werke möchte ich nicht nur denen empfehlen, die sie selbst zu Vorträgen und Belehrung anderer anwenden wollen, sondern ganz besonders unfern Vätern und Müttern für eins belehrende und erhebende Hauslektüre im Familienkreise.