Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 100 (18.12.1899)
- Date
- 1899-12-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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208; Rückgang dos humanen Geistes der Nation zur engherzigsten Unduldsamkeit das Traurigste. Die Emancipation der Juden zu Anfang und bis zur Mitte dieses Jahrhunderts bedeutete einen Kultursortschritt. Nach dem Gesetz wurden die Staatsbürger mosaischer Konfession gleichberechtigt den Staatsbürgern anderer Konfessionen. In Kleider- und Haartracht, in der Sprache, in gesellschaftlichen Sitten und Gewohnheiten waren da, wo das frühere Schutzverhältniß bis in das vorige Jahrhundert zurückging, die Unterschiede meist völlig verwischt. Die Kinder der Juden besuchten mit denen der Christen dieselben Schulen und Universitäten, wurden zu den gleichen Examen zugelassen, durch dieselben akademischen Ehren ausgezeichnet, als Aerzte und Advokaten vom Publikum ohne jede Rücksichtnahme auf die Konfession beansprucht. In den Gerichts- und Regierungskollegien saßen Juden neben Christen. Ich selbst habe eine große Zahl jüdischer Referendare praktisch auszubilden Gelegenheit gehabt und kann ihnen das Zeugniß geben, daß sie sich nicht nur durch leichte Auffassung, gute Kenntnisse und unermüdlichen Fleiß, sondern auch durch Bescheidenheit im Verkehr mit den Vorgesetzten auszeichneten. Juden dienten im Heer, auch als Einjährig-Frei- Willige wurden im Kriege zu Offizieren befördert und mit dem Eisernen Kreuz geschmückt. Juden hatten mit christlichen Häusern Umgang und umgekehrt, ohne daß man daraus irgend etwas Besonderes machte Es ließ sich annehmen, daß die Lebensgewohnheiten beider Theile, wenn man die Dinge sich ruhig entwickeln ließ, sehr bald auch in tiefere Volksschichten hinab ausgeglichen erscheinen würden. Da brach plötzlich eine Judenhetze los, wie sie ähnlich nur die dunkelsten Zeiten des Mittelalters gesehen hatten. Die Verschiedenheit der Rasse wurde vorgekehrt, den Juden das Recht abgestrrtten, sich als Deutsche fühlen zu dürfen. Man gab ihnen Wucher, Neigung zum Betrug schuld, behauptete, daß sie sich vor körperlicher Arbeit scheuten, suchte aus dem Talmud Stellen hervor, die ihre Feindschaft und Rachsucht gegen Andersgläubige beweisen sollten, zum Theil aus dem Zusammenhang gerissen, zum Theil falsch ausgelegt oder geradezu gefälscht waren, und entblödete sich nicht einmal, die alten Märchen von der Hostienschändung und dem Ritualmord aufzufrischen. Es bildete sich eine förmliche Partei der Antisemiten, deren Streben es war, die Juden gesellschaftlich und womöglich auch geschäftlich zu isoliren, ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft zu verleiden und zu verkümmern, sie ins Ausland abzuschieben. Auch, wo man sich nicht offen zum Antisemitismus bekannte, ließ man sich doch von der Strömung fortreißen. Jüdische Schüler wurden nicht nur von christlichen Mitschülern, sondern selbst von Lehrern verhöhnt und verspottet, auf den Universitäten schlossen nicht nur die Corps, sondern auch die Burschenschaften jüdische Studenten von den Verbindungen aus. Die Einjahrig- Freiwilligen ließ man zum Offiziers-Examen nicht mehr zu, Juden sollten nicht mehr Richter sein können, weil sie nicht Christen vereidigen dürften, man erschwerte ihnen das Notariat. Selbst die zum Christenthum übergetretenen Juden wurden nicht voll geachtet. Die Folge dieser maßlosen Anfeindung war selbstverständlich, daß die Juden sich ebenfalls wieder enger aneinanoerschlossen, um gemeinsam ihre Vertheidigung zu führen, was übrigens mit Geschick und großer Selbstbeherrschung geschah, und daß sogar der Zionismus unter ihnen wieder zu Kräften zu kommen bestrebt war. Aber höchst bedauerlich war die Wirkung nach einer anderen Seite hin. Waren die Juden schon früher dazu gedrängt worden, sich auf das Handels- und Geldgeschäft, auf den Beruf des Arztes und Advokaten zu beschränken, so sahen sie sich jetzt die Wege zu den Staatsämtern und nun gar zum Militär völlig verlegt, zu den Schulämtern noch mehr erschwert, und es war daher nur natürlich, daß ihre Intelligenz sich nach Seiten Bahn brach, die sich noch zu geistiger Betbätigung öffneten. So strömten sie der Presse zu, wurden Schriftsteller und Journalisten in viel größerer Zahl, als wie sie das Bevölkerungsverhältniß bedingte, erwarben und gründeten Zeitungen, bemächtigten sich der Kritik und mißbrauchten wohl auch gelegentlich ihren Einfluß und ihre Macht. Ebenso unverhältnißmäßig schoben sie sich in gewisse Kunstgebiete ein, indem sie sich namentlich musikalisch ausbildeten, Theater leiteten und sich als Schauspieler versuchten. Es ist inh nicht mehr zweifelhaft, daß hier der natürliche Ausgleich erfolgen würde, sobald die Gleichberechtigung der Staatsbürger aller Konfessionen aufhören würde, nur auf dem Papier zu stehen. Nur hat das Geschrei über die Judenpresse und über das Judentheater keinen vernünftigen Halt, so sehr mancherlei Auswüchse des Spekulationsgeistes auch zu beklagen sein mögen." Berlin. Am Sonntag, 3. Dez., feierte der Esra- Berein zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina und Syrien sein diesjähriges Chanukkafest in den Sälen von Arnim's Hotel, Unter den Linden. Tie Feier war sehr gut besucht, so daß sich die Raume als zu klein erwiesen und viele Gäste fortgehen mußten, ohne Eintritt finden zu können. Gegen 10 Uhr war das Gedränge geradezu lebensgefährlich geworden, und der Eintritt mußte den neuen Ankömmlingen versagt werden. Die Feier wurde durch ein Musikstück, die Ouvertüre zu den „Maccabäern", eingeleitet, das von Herrn Musikdirektor Schmerl vorgetragen wurde. Dann kam eine stimmungsvolle Deklamation eines wundervollen, leider viel zu wenig gekannten Grdichtes. Frl. Vlanca Katz trug das Gedicht „Abschied" von Jehudah Halevy, in dem der Dichter seinen Abschied von Spanien auf der Reise nach dem heiligen Lande schildert, in ausgezeichneter Weise vor, und dann folgten in bunter Reihe Deklamationen und Gesänge. Ulster den Vortragenden seien die Damen Fräulein K r a s n e und Fräulein Kaufmann, unter den Herren Herr Löwenthal als Dekla-