Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 99 (14.12.1899)
- Date
- 1899-12-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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me Stammgenoffen herbeigeführt, von der sich ihre Wiedergeburt datirt. Die Bibel, namentlich der Pentateuch, das Alles in Allem der Juden (?), war ihnen, obwohl ihn sehr viele auswendig kannten, so fremd geworden, wie nur je ein unverständliches Buch. Die rabbinischen und kabbalistischen Ausleger hatten den einfachen biblischen Worisinn so entstellt, daß sie alles darin erblickten, nur nicht das Richtige und Wahre seines Inhalts." (Wenn das richtig wäre, was wir in dieser generalisirenden Allgemeinheit bestreiten, so wäre nicht abzusehen, wieso dieser Mißstand durch den Mangel einer deutschen Bibelübersetzung veranlaßt und durch ihr Vorhandensein beseitigt werden konnte Richtig ist, daß die Beschäftigung mit anaap min nicht die hingebende Pflege fand als die Erlernung und Behandlung der ns ‘wap mm, wie sie in Mischnah, Midrasch und Talmud niedergelegt ist. Das war eine gewiß bedauerliche Verirrung, die aber nicht durch den Mangel einer deutschen Uebersetzung verschuldet war und die auch heute noch in vielen Kreisen herrscht, obwohl mehr als hundert Jahre seit Erscheinen der Mendelssohnschen Uebersetzung dahin gegangen sind. Eine Erklärung dieser Erscheinung und eine Zusammenstellung ihrer Ursachen würde dies in unwiderleglicher Weise darthun; sie gehört aber nicht in den Rahmen dieser Betrachtung n.) „Im zarten Kindesalter brachten die polnischen Schulmeister — andere gab eS nicht — mit der Zuchtruthe und mit zornigen Geberden der jüdischen Jugend bei, die ungereimtesten Verkehrtheiten in diesem heiligen Buche zu erblicken, verdolmetschten es in ihrer häßlichen Mischsprache und verquikren den Text so eng mit ihrer Uebersetzung, daß es schien, als wenn Moses im Kauderwelsch der polnischen Juden gesprochen hätte." (Zuchtruthe und zornige Geberden sind und waren niemals ein Privilegium jüdischer Lehrer. Sie kommen und kamen auch in außerjüdifchen Kreisen vor, die sich schon längst einer deutschen Bibelübersetzung erfreuten. Daß die sociale und politische Abgeschlossenheit der Juden ungünstig auf ihren sprachlichen Ausdruck wirkte, ist selbstverständlich, ebenso daß eine correcte deutsche Uebersetzung die Correklheit des deutschen Ausdruckes -günstig beeinflußte' Die hier getadelte Verquickung des Textes mit der Uebersetzung der Lehrer war in der Thal nichts anderes als die innige Verbindung der hervorragensten Thora-Erklärer wie die Commentare von Hm ,s'2vn ,v'2Pii mit dem Wortlaute der Thora. Diese Verbindung halten wir für höchst ersprießlich und geradezu unerläßlich, ob sie im Jargon oder in gutem Deutsch gelehrt wird. Daß diese „Verquickung" heute nicht mehr stattfindet, ist ein so bedauerlicher Mangel, daß er durch keine noch so vollendete deutsche Uebersetzung ausgeglichen oder auch nur berührt werden kann! Danach find auch die nun folgenden Sätze zu beurtheilen.) „Die Vernachlässigung alles profanen Wissens, die mit jedem Jahrhundert zunahm, brachte es dahin, daß jede Albernheit und Abgeschmacktheit, ja selbst jedeLästerung in die Schriftverse hineingedeuielt wurden. So war gerade das, was ein Labsal für die Seele hätte sein sollen, in ein Gift verwandelt. Am tiefsten empfand Mendelssohn diese Verkennung und Entstellung des Bibelwortcs, er, der zur lichten Erkenntmß gekommen war, daß die heilige Schrift nicht das enthalte, „was Jul>en und Christen darin zu finden glaubten" und daß eine einfache, geschmackvolle Uebersetzung ein wichtiger Schritt zur Hebung der Cultur unter den Juden werden dürfte. Aber in seiner Bescheidenheit und Scheu, öffentlich aufzutreten, fiel es ihm nicht ein, diese Erziehungsmittel für seine Stammesgenoffen anzuwenden. Nur für seine Kinder arbeitete er eine Uebersetzung des Pentateuch aus, um ihnen eine gediegene Erziehung zu geben und ihnen das Gotteswort in unentstellter Form zuzuführen, unbekümmert darum (wie er sich äußerte) „ob sie noch ferner gezwungen sein würden, in Sachsen-Gotha bei jeder Durchreise ihren jüdischen Kopf mit einem Würfelspiel zu verzollen oder irgend einem kleinen Satrapen das Märchen von den drei Ringen zu erzählen." Erst auf Drängen eines Mannes, deffen Wort Gewicht^bei MendelssohnAhatte, entschloß er sich, seine Uebersetzung des Pentateuch in deutscher Sprache (mit jüdisch-deutschen Lettern) für jüdische Lehrer zu veröffentlichen U Es kostete ihn aber Ueberwindung seinen Namen dabei zu nennen. Er kannte sein jüdisches Publikum zu gut, um nicht zu wissen, daß die Uebersetzung, wie vorzüglich sie auch immer ausfallen mochte, wenig Beifall finden würde, wenn sie nicht mit einer hebräischen Erklärung verbrämt sein würde. Was galt > damals i für den verderbten Geschmack jüdischer Leser ein Buch ohne Commentar? Seit undenklichen Zeiten, seitdem die Commentarien undSupercommentarien aufkamen, waren diese viel mehr beliebt,"als der schönste Text. Mendelssohn gewann daher einen unterrichteten Polen, Salomon Dubno (geb. 1734 ge st. 1813) . der eine rühmliche Ausnahme'unter seinen 7Landsleuten, hebräische Grammatik gründlich verstand, die Ausarbeitung eines fortlaufenden Commentars zu übernehmen. (Wir heben dielungemein charakteristische, kleinliche Auffassung des Motives hervor, das Mendelssohn für die Beigabe eines Commentars zu seiner Uebersetzung untergeschoben wird. Obwohl Mendelssohn in der Vorrede zu seiner Uebersetzung dieses Motiv in klarer, nichts zu erinnern übrig lassender