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Der Israelit · 1899-11-27 · Heft 94 (27.11.1899) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 94 (27.11.1899)
Date
1899-11-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1959 ihrer jüdischen Pflicht abfanden, thaten das nicht um ihren Gemeinden mit dem Beispiel des Abfalls voranzugehen. Sie folgten den Gemeinden mehr als üe ihnen vorangingen, um keinen Gegensatz zwischen den Führern und Geführten aufkommen zu lassen. Sie traten dem Leichtsinn der Gemeinden und Einzelnen nicht mit der erforderlichen Schärfe und Entschiedenheit entgegen, nicht weil sie ihn etwa billigten, sondern um des lieben Friedens willen, wie die stehende Redensart lautet. So wenig man dieses religiöse Manchesterthum auch billigen kann, so ist die ihm zu Grunde liegende Gesinnung doch wie Tag und Nacht von der prinzipiellen Gehässigkeit zu unterscheiden, welche viele deutsche Wortführer der Judenheit charakterisirt. Der Unterschied liegt auf der Hand. Wer das Judenthum aus Prinzip vernichtet, den werden äußere Umstände nicht im Stande sein von seinem Prinzip abzubringen. Wer aber tief im Herzen die alte Achtung und Anerkennung seines Judenthums sich bewahrt und nur im Kampf des Tages sich von ihm losgesagt hat, weil er findet, daß sein Judenthum ihm störend und lästig bei seinem Streben nach Ehren, Carriöre und Besitz ist, den sind Zeiten, wie die gegenwärtigen wohl von seinem verhängnißvollen Jrrthum zu heilen geeignet. Diese zeigen doch, daß die letzte Spur jüdischer Eigenart genügt, um alle Errungenschaften in Frage zu stellen, für welche ungezählte Tausende ohne Bedenken bereit waren, ihr Judenthum preiszugeben. War das der Grund, der sie ihrem Judenthum entfremdet hat, so spricht heute alles dafür, sich ihm wieder zuzuwenden. Deßhalb vrrdient die begonnene Wendung zum Besseren, die sich in Frankreich zu vollziehen im Begriffe ist, weit über die französischen Landesgrenzen hinaus das höchste Interesse der jüdischen öffentlichen Meinung. Aber die Wendung muß eine offene, entschiedene Rückkehr zur Thora sein, wie wir sie allgemein andeulen, und wie wir sie nun in Kürze detaillirt präcisiren wollen. (Schluß folgtJ Zeit«ngs«achrtchte<r und Eorrefpondenze«. Deutschland. Kiel, 21. Nov. In unserer nordischen Universitätsstadt hat sich kürzlich ein Verein für jüdische Geschichte und Literatur gebildet, in welchem Dr. Rosenak, Rabb. der Synagogen-Gemeinde Bremen den ersten Vortrag über „Jüdische Geschichte und Literatur" hielt. In seffelnder Weise zeigte der gewandte Redner die verschiedenen Epochen jüdischen Kulturlebens und wußte seine Zuhörer durch verschiedene Darbietungen der Erzeugniffe unserer Literatur aus der Blüthezeit der spanischen Periode in Spannung zu Hallen. Reicher Beifall wurde dem Redner am Schluffe seines Vortrages zu Theil. Von den zahlreichen Anwesenden traten sofort 55 Personen dem Vereine bei. In der darauffolgenden Konstituirung wurden die Statuten fast debattelos angenommen und die Herren: Dr, med. Jakob als Vorsitzender, Lehrer L. Katz als Stellvertreter Brauereidirektor Katz als Beisitzer, Kaufmann Mayer als Schriftführer und Banquier H es als Schatzmeister gewählt. — Auch in anderer Beziehung hat Kiel einen Fortschritt zu verzeichnen. Während früher einem Jehudi nicht möglich war hier Aufenthalt zu nehmen, kann man jetzt dort rituell speisen. Die Schechita untersteht dem Oberrabbinat Altona. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien. (Der Judenplatz im Gemeinderat h e.) Im Gemeinderathe wurde ein Antrag eingebracht, der es wirklich verdient, wortwörtlich mitgetheilt zu werden. Herr Johann Pichler, ein Stadtvater, mit dem uns der zweite, also derJntelligenz- Wahlkörper des Neubau beglückt hat, ist sein — verzeihen Sie das harte Wort — „geistiger" Vater. Der Antrag lautet: „Der Gemeinderath wolle im Jntereffe der Würde und des Fortschrittes der Reichs- Haupt- und Residenzstadt, sowie im Interesse de» absolut deutschen und christlichen Charakters unserer lieben Vaterstadt Wien, als der vornehmsten Stadt des Reiches, sowie endlich zur Hebung der äußeren Repräsentation des hohen Ministeriums des Innern beschließen: Der diesen Platz verunzierende Name „Judenplatz" sei aus vorstehenden Gründen in einen christlichen und verdienstvollen Namen, welchem Wien zu größerem Danke verpflichtet sein soll, zu ändern, und zwar etwa in den Namen „Luegerplatz". — Wien, für dessen „Würde und Fortschritt", „deutschen und christlichen Charakter" derart gesorgt werden soll, das Ministerium des Innern, dessen „äußere Repräsentation" gehoben wird, in erster Linie aber alle Freunde echten unverfälschten HumorS sind dem prächtigen Pichler tausend Dank schuldig. Der Mann weiß, wie man die Sache anzupacken hat. Nachdem er die Juden nicht nach Schneider'scher Manier regulieren kann, geht er dem Judenplatz an den Namen. Herr Pichler ist, so verdächtig ihn da» bei den Parteihäuptern machen wird, kein Antisemit strengster Observanz. Er scheint vielmehr an die AssimilirungS-Möglichkeit zu glauben, wenigstens was den Judenplatz betrifft, den er umtaufen will. Er vergißt, daß laut Pärteidogma, entgegen den Anschauungen der christlichen Religiott die Taufe eines Juden nutz- und bedeutungslos ist.

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