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Der Israelit · 1899-11-27 · Heft 94 (27.11.1899) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 94 (27.11.1899)
Date
1899-11-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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mmmm 1950 im Talmud aufgeworfen und von unseren Weisen verschieden beantwortet. Es wird nämlich ebenfalls im Traktat Sabbat Fol. 53 d. von einem Mann erzählt, dem die Frau mit Hinterlassung eines neugebornen Sohnes gestorben war. Die Armuth des verwittweten Vaters gestaltete ihm nicht, seinem Kinde eine Amme zu Hallen. Diesem geschah ein Wunder, daß sich ihm die Brust, wie sonst die Mutt erbruft öffnete, so daß er sein Kind selber stillen konnte. „Wie groß muß dieser Mann gewesen sein" bemerkte Rab Joseph dazu, „daß ihm ein solches Wunder geschah." „Wie gering muß dieser Mann gewesen sein", erwiederte ihm Abaja, „daß seinetwegen der seit der Weltschöpfung bestehende Lauf der Dinge geändert werden mußte." Daß Gott diesen Mann nicht auf gewöhnliche Weise die Mittel finden läßt, sein Kind zu erhalten und die Gesetze der Natur seinetwegen durchbrechen muß, darin findet Abaja ein geringeres Wunder, als er es darin erblickte, wenn der arme Mann auf normale Weise die Mittel gefunden hätte, seines Kindes Leben zu fristen. Man mag sich nun für die eine oder andere Ansicht entscheiden, beim Chanukahwunder waren beide Wunderarten vertreten, dasj-nige, das innerhalb der gewöhnlichen, natürlichen Schranken sich vollzieht und dasjenige, das diese Bahnen verläßt und gegen den natürlichen Lauf der Dinge sich verwirklicht. Dieser Umstand dürste auch die ganze Bedeutsamkeit erklären, welche unsere Weisen dem Chanukahfeste beilegen und es zum Gedächtniß an die ihm zu Grunde liegenden wunderbaren, geschichtlichen Vorgänge eingesetzt haben, denn man mag die Bedeutsamkeit dieser Wunder immerhin in ihrem ganzen Umfange würdigen, so bedarf das Herausgreifen gerade dieser Vorgänge und die Einrichtung eines besonderen, achttägigen Festes, doch noch der Begründung, bei einem Volke, deffen Ursprung, deffen Erhaltung, deffen bloße Existenz bis zu dieser Stunde eine Kette fortgesetzter Wunder bildet. Wunderbar war das erste Entstehen des jüdischen Volkes, das seinen Stammbaum auf ein Ellernpaar zurückführt, welches auf normale und natürliche Weise nicht einmal in der Lage war sich sortzupstanzen, das erst in hohem Alter Vater und Mutter eines Sohnes wurde, der so das Gelächter der Welt bildete, daß er ihr Lachen in seinem Namen Jizchak verewigte. Die Familie, der dieses Volk entstammt, kommt dann auf wunderbare Weise nach Aegypten, dem angesehensten Kultusstaat des Alterthums, vermehrte sich daselbst auf eine aller Berechnungen spottende wunderbare Art, es gelangt in seinem vornehmsten SprvMng zu den höchsten Ebren und Würden und sinkt dann durch List und Neid seiner Umgebung in die tiefste Tiefe menschlichen Elends. Gott tritt dann für die in seinem Volke verhöhnten Menschenrechte durch Zeichen und Wunder ein, die alle Geleise der Natur verlaffen. Dieses Volk zieht in die Freiheit, das Meer wird ihm zum Durchgang nach der Wüste, die vier Jahrzehnte hindurch für es zum Eden wird. In der dürren Wüste begleitet es der Quell nie versiegenden Trunkes, vom Himmel fällt ihm das Brot, vor ihm zieht Gottes Wolken- und Feuersäule, ja der Himmel küßt die Erde und Gott selber steigt zu seinem Volke hernieder, um ihm das Gesetz seines Lebens zu reichen. Vor diesem Volke fallen beim Eintritt in das Land seiner Verheißung die Mauern vor dem Hall der Posaunen, unterbrechen Sonne und Mond ihren Lauf und es stürzen mächtige Könige und ihre Staaten. Für die meisten dieser Wunder, die doch das Chanukah-Wunder an Bedeutsamkeit und Großartigkeit weit zu überragen scheinen, ist uns kein Gedächtniß gestiftet, kein Fest hält ihr Andenken fest, von den meisten wisien wir nicht einmal den Tag, an dem sie sich vollzogen. Was ist die Eigenart des Chanukawunders, die unsere großen Weisen bestimmte sein Gedächtniß zum Gemeingut der ganzen Diaspora zu machen und es durch ein Fest zu verewigen? Es ist das Zusammentreffen der beiden Wunderwaltungen derjenigen, die sich auf natürliche Weise, in den Kämpfen der Hasmonäer vollzieht und derjenigen, die gegen die Gesetze der Natur in die Erscheinung tritt, wie es bei dem Wunder mit dein aufgefundcnen Oelkcüglein sich vollzog. Die große Masse mag die letztere Wundergattung noch für gröber als die erstere halten. Für den tiefer Blickenden ist dies nicht der Fall. Daß Gott, der die ganze Natur geschaffen, idr auch Stillstand gebieten kann, ist in Wirklichkeit kein Wunder. Das Gegentheil wäre wunderbar. Wenn das von Gott geschaffene Meer dem Volke Gattes den Weg zum Sinai wirklich verlegen könnte, so würden wir vor einenl unlösbarem Räthsel stehen. Deßsalb ist sein Zurücktreten in der That nichts als eine natürliche Constguenz der Allmacht seines Schöpfers. Viel wunderbarer ist es, daß die Natur ihr Geleise nicht verläßt, aber mit ihren allgemein bekannten Gesetzen, mit ihrem gewohnten Laufe die Zwecke und Ziele fördert, die Gates Welt und Menschen erziehende Fürsorge gefördert wissen will. Für die große Maffe, der dieser tiefere Blick abgeht, die Gottes Wallung nicht im gewöhnlichen Laufe der Dinge erblickt, waren die Wunder nöthig, die Gott als Herrn und Meister in Natur und Geschichte bekunden. Nachdem die Art von Wunder diese ihren Zweck erfüllt haben, sind sie zurückgetreten und die Zeit für diejenigen Wunder ist gekommen, die sich trotz aller Schrecken der Naturgesetze und innerhalb derselben vollziehen.

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