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Der Israelit · 1899-11-23 · Heft 93 (23.11.1899) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 93 (23.11.1899)
Date
1899-11-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1927 von einander, immer entlegenere Gegenden mußten die über alle Welt Versprengten aufsuchen, immer weitere Länderstrecken trennten die Gemeinden der Diaspora von dem theuren palästinensischen Mutterlande. Die Gcfahr lag nahe, daß im Drange der Zeiten die Zerstreuten das Gesetz des Ew'gen, das außer der Thora und den übrigen biblischen Büchern bisher nur mündlich von Lehrer auf Schüler verpflanzt wurde, verderbenbringender Vergessenheit anheimfalle. Um dies zu verhindern, sammelte der fürstliche R. I e h u d a, ein Mann, gleich groß an Geist und Gemütb, ebenso gelehrt wie heilig, ebenso bedeutend wie bescheiden, alle Gefitzesüberlieferungen prüfte sie auf ihre Richtigkeit nach Wort und Inhalt und schrieb sie mit Angabe der Ueberlieferer in den sechs Ordnungen der Mlfchna. eines übersichtlich und systematisch gegliederten Gesetzeswerkes nieder. Den genialen Schöpfer der M schnasammlung verglich Bar Kappara m einer Lerchenkiage mit der Bundeslave, snrr heißt Lichtbewadrerin von im Licht. Knopp unv klar liegt in dem Worte sein unsterbliches Verdienst: Er hat, wie die Bunveslave die schriftliche Thora, durch ft ine Mischna das Licht der münolichen L vre gerettet. Die erste große Geistesblüthe des zerstreuten Volkes ersteht in der Mitte des elften Jahrhunderts. Ihr Schauplatz ist Spanien und Norvafrika. Sie gipfelt in Maimonides. Die tausendfältigen Debatten, welche in der Gemara überliefert wurden, bedurften für die gesetzliche Praxis einer lichtvollen Sichtung, es mußte die religiöse Norm aus ihnen herausgeschält und die einzelnen Satzungen nach sachlichen unv logischen Gesichtspunkten gruppet werden. Nur so konnte man die religiöse Einheit des Glaubenslebens, welche durch die verschiedenartigsten halachischen Ausdeutungen und Entscheidungen zu leiden drohte, wahren. Maimonides, der alle Seiten des Juvenlhums harmonisch in sich vereinte und schon in feiner „Leuchte" („Sirag") genannten Erklärung der M.schna den B weis feiner erstaunlichen Geistesklarheit gegeben hatte, bewährte in seinem gewaltigen Rltualkovex Mischne Thora oder Jad Chasaka aufs glänzendste die wunderbare Gabe, Licht und Ordnung in die Massen der talmudischen Satzungen zu bringen. Aber nicht nur das Erbe der Vergangenheit hat der zweite Moses den Zeitgenossen in leuchtender Klarheit übergeben. Sem religions-philosophisches Werk More Nebuchim scheuchte auch eine Fülle von finsteren Jrrthümern aus den Herzen, die sich im Laufe der dunklen Jahrhunderte bei den verfolgten Juden eingenistet hatten und bahnte eine Versöhnung von Glauben und Wissen, von Religion und Philosophie an, nach der sich damals die Geister lebhaft sehnten. Das wesentliche Verdienst des großen Forschers bleibt aber die mündliche Lehre durch sein systematisches Halachawerk taghell beleuchtet zu haben. Die Gegner — und welcher große Mann bleibt ohne Kampf? — rügten es, daß Maimonides in seinen Werken nur die Halacharesultate, nicht aber ihre talmudischen Quellen mittheilte. Als Ergänzung zu Maimonides erscheint daher der französtsche Bibel- und Talmuderklärer R a s ch i, dessen lichtsprühenden Commentare hundert Jahre vor dem großen Spanier — von Maimonides waren Raschis Schriften übrigen» wenig gekannt — das Dunkel der einzelnen Bibel- und Talmudskllen in erstaunlicher Genialität erhellten. Der Rabbi von TroyeS — mit seinem Streben, über das ganze Thoragebiet in schriftlicher und mündlicher Lehre Licht zu verbreiten — war durch da» ganze Mittelalter hindurch der beliebteste jüdische Volkslehrer. Wie sein Talmudkommenlar „Kontras" durch Schärfe und Klarheit sich die Geister eroberte, so gewann sich sein Bibelkommentar durch die ihn verklärende Innigkeit und Wärme die Herzen. Was einst nach einer frommen Legende eine Htmmelsst mme in TroyeS dem Vater Raschis gewölffagt hatte, hatte sich erfüllt. Es wurde dem Vater ein Sohn geboren, „der wie ein Edelstein leuchtete." Einhtllig huldigte ihm die Nachwelt, indem sie ihm den Ehrennamen „Parschan. ata" „GefitzeSerklärer" beilegte, und von der Beliebtheit semec Commentare legt die Thatsache Zeugniß ab, daß selbst die vom rabbinischen Judenthum abgefallenen Karäer sie benutzten. Ist Maimonides der Philosoph, Raschi der Schriftei klarer des jüdischen Volkes, so ist Juda Ha lew: der Dichter schlechthin. Dieser ebenso tiefsinnige, wie gemülhvolle Rat onalpoet de» jüdischen Mittelalters war von der V. rsehung berufen, in philosophischer Beziehung die Ergänzung zu Maimonides zu bilden. Ist bei Maimonides der Verstand die nüchterne scholastische Betrachtung religiöser Probleme vorwaltend, so erfaßt Juda Halewi die religiösen Wahrheiten de» JudenthumS mit dem Herzen und der Empfindung und weiß diese Glaubenslehren seiner Religion in tiefgründigen Gedankengängen sich und anderen zur Klarheit zu bringen, ohne sich der arabischen und griechischen Philosophie als Hilfsmittel zu bedienen, sondern die Thora und ihre Phänomene aus der Thora deutend und erklärend. Sind seine Lieder und Sänge tausend Sternlein, die die dunkle Leidensnacht des mittelalterlichen Israel erhellen, so ist sein Kusari — dieses großartige philosophische Epos in Prosa — eine Sonne von unmittelbarer religiöser Leuchtkraft und alles belebender Wärme. Der heilsame Einfluß dieses Buches auf das Glaubensleben unseres Volkes war kein geringerer als der des Maimonides auf halachifchem und Raschis auf exegetischem Gebiete. Israel ist ihm der duldende Gottesknecht, den einst der Ewige zur. Herrlichkeil erheben wird. Israels Religion ist Gotte»-

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