Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 91 (16.11.1899)
- Date
- 1899-11-16
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1902 Aber auch im Süden des Landes war die Stimmung gegen die Juden nicht dem Ergebnisse entsprechend, zu dem die Berathungen der Nationalversammlung am 24. Dezember geführt hatten. War doch hier durch die getroffene Entscheidung plötzlich eine Schranke aufgerichtet zwischen Theilen der Bevölkerung, die bisher auf der Grundlage gegenseitiger Achtung und rechtlicher Gleichheit mit einander verkehrten. Für die spanischen und portugiesischen Juden, die in Bordeaux und Bayonne wohnten, wurden zuerst die politischen Rechte in Anspruch genommen, von deren Ausübung alle jüdischen Bewohner des Königreichs durch den letzten Beschluß sich ausgeschlossen sahen. In diesem Sinne erstattete Talleyrand am 28. Januar 1790 den Vertretern der Nation einen Ausschußbericht, worin auf die Ungerechtigkeit hingewiesen ist, die darin liegen würde, wenn man bei der Erweiterung der Volksrechte eine Ctasse von Bürgern des Mitgenusses derselben beraubte; demgemäß beantragte die Commission, daß die Juden, die in Frankreich naturalisirt und als Bürger ausgenommen worden seien, auch der politischen Rechte nach Maßgabe der Gesetze theilhaftig sein sollten67). Diesen Ausführungen beeilen sich die Urheber des Beschlusses vom 24. December entgegenzutreten. Rewbell, der in seiner heimalhlichen Provinz die Zustände der Juden unverändert erhalten sehen möchte, fürchtet, daß diese nach der Emancipatton der Glaubensgenossen im Süden auch ihrerseits ihre Ansprüche zur Geltung bringen; er eiferte gegen die beharrlichen Vertheidiger der Gleichberechtigung und läßt sich fortreißen bis zu dem harten Wort, die Franzosen müßten empört sein, von den eigenen Vertretern sich mit den Juden zusammengeworfen zu sehen. Andere Redner wollen gerne die gesetzliche Bestätigung ertheilen für das, was die Juden bisher an Befugnissen genossen, für die localen Rechte, wie man sich ausdrückt, die ihnen in Bordeaux gewährleistet und in deren Besitz sie sich da befinden; um so nachdrücklicher werden dann ihre Ansprüche auf die politischen Rechte bekämpft. Es sind die Feineren und Gewandteren unter den Gegnern der Emancipation, die in dieser Weise Vorgehen; Maury steht an ihrer Spitze, und den Angriffen dieser Vermittler erliegt in der ersten Abstimmung der Antrag der Commission. Da erheben sich für die bedrohten politischen Rechte der Juden zwei Stimmen, die ihren Eindruck auf die Volksvertreter nicht verfehlen konnten; für die Juden des 57) Die Commission beantragt: Que les Juifs qui out 6t$ naturalisgs fran^ais ou qui ont la possession de l’6tat de citoyeas en France y seront maintenns; qn’en consiquence, ceux d’entre eux qui rfeuniront les conditions nScessaires pour etre 61igibles ou 6lecteura aeront admis eu cette qualitä dans toutes les assembl6es prochaines. (Moniteur.) Südens ertönte die Eine, während von der Andern der Anlaß ergriffen wurde, um an die deutschen Juden Ostfrankreichs zu mahnen, für die Keiner eintreten wollte. Der Abbö Grägoire begann damit, auch für die Juden von Avignon, dessen Vereinigung mit Frankreich lebhaft betrieben wurde, einen Platz neben den bevorrechteten spanisch-portugiesischen zu beanspruchen, über welche die Berathung stattfand; dann aber geht er dazu über, von ihren gedrückteren Glaubensgenossen in Elsaß, in Lothringen zu sprechen, und wenn für diese eine Hoffnung zu äußern selbst die freisinnigeren Redner gescheut hatten, so verlangt der Geistliche von Ebermesnil mit kühner Offenheit, daß auch ihr Schicksal, statt wie bisher im Ungewissen zu schweben, in nächster Frist von der Nationalversammlung in Berathung genommen werde; dann, fügt er hinzu, werde es ihm vergönnt sein, die Scheingründe und Trugschlüsse zu widerlegen, die Maury und seine Gesinnungsgenossen im Munde führten. Nach Gr^goire, dem Deputirten aus den deutschen Provinzen, dem Vertheidiger der Rechte der deutschen Juden, ergriff für die bordelesischen der Arzt Desöze aus Bordeaux das Wort. Mit Wärme schildert er die geachtete Stellung, welche die jüdischen Bewohner ihrer Vaterstadt einnehmen, die Verdienste, die sich dieselben um das öffentliche Wohl erworben; er redete so nachdrücklich im Namen seiner Auftraggeber für die politische Vollberechtigung dieser hochgeschätzten Mitbürger, daß ein Ablehnen seiner Forderung undenkbar erscheinen mochte. Und doch boten die Gegner der Juden noch einmal alle Kraft auf, die beabsichtigte Emancipation eines Theiles derselben zu Hintertreiben; man nimmt, um das Ziel zu erreichen, auch rohere Mächte in den Dienst als die der freien Ueberredung. Die liberale Partei konnte das, was als Antrag der Commission verworfen worden, dem Hause nur in Gestalt von Amendements und besondern Anträgen auf's Neue vorlegen und zu Annahme empfehlen; durch einzelne Abstimmungen muß wieder erkämpft werden, was durch die Ablehnung des Ausschusioorschlags als Ganzes beseitigt war. Nach Erledigung einiger Vorfragen gelangte die Abstimmung zu ihrem Kernpunkt, zur Entscheidung darüber, ob die durch königliche Patente bereits naturalisirten französischen Juden auch gleich den übrigen Bürgern des Landes der politischen Rechte von jetzt an theilhaftig sein sollten. Die gewöhnliche Art des Votirens durch Erheben von den Sitzen lieferte, obschon wiederholt versucht, doch kein bestimmtes Ergebniß; der Geschäftsordnung gemäß, sollte zur namentlichen Abstimmung geschritten werden. Die Gegner der Emanicipation mochten ihre Schwäche fühlen, wenigstens läßt sich nur aus ihrer gänzlichen Verzweiflung eine Haltung erklären, die sie auch für den Fall des Sieges in den Augen