Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 90 (13.11.1899)
- Date
- 1899-11-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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über die Verhandlung Kuttenberg, und erhärten diese Behauptung, indem sie die deutsche Übersetzung der Broschüre ihrem vollem Wortlaute nach mittheilen. Demselben ist Folgendes zu entnehmen: Professor Masaryk bezeichnet es als den Zweck seiner Arbeit, nach Kräften die Schande jener Journalistik gutzumachen, „welche durch lügenhafte und hetzerische Schilderungen der Dreyfus-Affaire uns eine böhmische und österreichische Dreyfusiade bereitet hat, wie der öffentliche Ankläger selbst, und zwar ganz richtig den Polnaer Prozeß benannt hat. Der Leser wird sich überzeugen, daß in Wirklichkeit der ganze Polnaer Prozeß unter antisemitischem Hochdrucke und dessen Wunderglauben vom Ritualmorde sich abgespielt hat. Ich hoffe, daß die Ehre der böhmischen Gerichts- und Rechtswelt diejenigen vertheidigen werden, welche es in erster Linie angeht. Ich will nicht sagen, wie die Polnaer Affaire mich berührt hat, wie deren Diskussion in unserer Oeffentlichkeit mich bi» ins Herz verwundet hat — so viel UrtheilSlostgkeit, Gedankenlosigkeit, leidenschaftliche Ueberstürzung und hiezu noch welche Unmenschlichkeit bis — zur Grausamkeit eine solche Erscheinung kann nur erklärt werden au» der nervösen Ueberreizung und dem abnormalen Zustande unseres böhmischen und österreichischen Lebens überhaupt. Für diejenigen, welche diesen Zustand nur einigermaßen eifriger betrachten, ist der Polnaer Prozeß ein blutiges Memento." Profeffor Mafaryk spricht zunächst über Ort und Zeit de» Mordes und behauptet, daß der Mord nicht am angegebenen Ortein der Brezina, sondern anderswo verübt worden sei. Den Hauptbeweis hiefür liefere der Leichnam und dessen Obduction und — Nichtobduktion. „Ein großes und jedem Denkenden verblüffende» Factum ist es, daß beide Füße de» auf dem Bauche mit dem Gesichte zur Erde liegenden Leichnams „nebeneinanderliegend, im scharfen Winkel in den Knien umgebogen" gefunden wurden. In dem ärztlichen Befunde geschieht von diesem verblüffendem Faktum keine Erwähnung. Erst bei dem Verhöre, aber nur nebenbei, wurde hierüber gesprochen." Durch den Befund der Leiche ist bewiesen, daß mehrere Stunden nach der Ermordung mit der Leiche so operirt worden ist, daß die Füße in einem scharfen Winkel erstarrten. „Wer hat der Leiche die Füße verkrümmt? Von Hilsner beweist die Anklage, daß er kurz nach der Verübung des Morde» in Polna gesehen wurde, und es wird angeführt, daß er Abends zu Haufe war. Wer war also bei der Leiche? Offenbar der Mörder. Noch ein anderes und gleich befremdendes und verblüffendes Faktum wurde an der Leiche wahrgenommen. Der Körper lag nämlich auf dem Bauche, auf dem Gefichte, war aber „in einem mäßigen Bogen in der Richtung nach rechts verkrümmt", sagt die Anklageschrift. Von diesem ungemein wichtigen Faktum geschieht in den Protokollen keine Erwähnung. Offenbar geschah diese Verkrümmung auch durch die Erstarrung einige Stunden nach dem Tode, wie die Umbiegung der Füße. Durch die natürliche Combination der beiven Thatsachen ergibt sich die wahrscheinliche Lösung der räthselhaften Erscheinung. Bei der Uebertragung der Leiche von dem nur drei Meter entfernten Orte, von welcher die Anklageschrift spricht, konnte die Umbiegung und Krümmung nicht geschehen, weil nach den Erklärungen der Anklage diese Uedertragung gleich nach der Ermordung geschah, als die Leiche noch weich war. Offenbar also wurde die Leiche einige Stunden nach dem Tode bei eintretender Erstarrung an die Stelle geschafft, wo sie aufgesunden wurde. Ueber die Art dieser Hinschaffung kann man sich wegen Mangels eines Augenscheines kein definitives Urtheil bilden." Am wahrscheinlichsten aber ist, wie Profeffor Masaryk aussührt, daß der Mord in einer Wohnung erfolgte, zu einer Zeit, da die Ermordete enkleidet war. Diesbezüglich theilt Profeffor Masaryk einen Umstand mit, von dem ihn Med. Dr. I. Bulova in Carolinenthal verständigte. „Dr. Bulova war gleich mir von dem Umbiegen oer Füßen frappirt und gab mir eine Erklärung durch Uebertragen der Leiche — ich dachte an das Ueberführen derselben. Dr. Bulova forschte weiter und stellte an den Kleidern der Getsdteten fest, daß das Jäckchen, welches nach der Anklage die Leiche „an beiden Armen über die Ellbogen hinaufgestreift" hatte, zugeknöpft war. Zogen ihr die eiligen Mörder das Jäckchen aus, knöpften sie es dann zu und streiften es auf die Arme? Und nota bene: Bei aller Eile der frechen und verwegenen Mörder geschah das Zuknöpfen so behutsam, daß auch nicht ein Knöpfchen, nicht ein Knopfloch beschädigt ist, wie mein Zeuge sich überzeugte. Ein zugeknöpftes Jäckchen kann selbstverständlich nicht über die Brust und jden Kopf ausgezogen werden! Dr. Bulova theilt noch ein neues Faktum mit: An dem von außen und innen befleckten Jäckchen wurden einzelne Haare gefunden und außerdem ein etwa fünf Centimeter langer Haarabschnitt von parallelen Haaren (also von aufgelösten, durchgekämmten Haaren). Herr Dr. Bulova und seine Frau, eine Kennerin von Handarbeiten (sie hatte einmal eine Nähschule), konstatiren überdies, daß das Hemd in seine Bestandtheile zerschnitten war — mit einer Scheere! Eine Scheere im Walde?" Was die Art des Mordes anlangt, so folgert Professor Masaryk aus dem Leichenbefuude, daß der Hruza zuerst der Hals nicht durchschnitten wurde, sondern daß sie erstochen worden ist. „Die Anklage," sagt der Autor, „fleht in der Art des Mordes etwas