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Der Israelit · 1899-11-13 · Heft 90 (13.11.1899) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 90 (13.11.1899)
Date
1899-11-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1878 einem jüdischen Advokaten. Die Gendarmen, welche folgten, ließen die» vernünftigerweise geschehen, weil sie dachten: Wir werden die Schuldigen schon herausfinden. Später stellten sich nun bei dem Hause de» Glesinger sechs Gendarmen aus. Die Menge von etwa 400 Personen begnügte sich damit, daß sie zusah, wie vom Dache de» Schlachthauses und den umstehenden Bäumen einige junge Burschen gegen das Hau» de» Glesinger Steine schleuderten. Thatsache ist, daß die Gendarmerie wenigstens zwanzig Mal die Menge zum Auseinandergehen aufforderte. Das Haus des Glesinger ist geradezu bombenfest, es sind die Fenster und Thüren mit stählernen Rouleaux versehen. Abg. Schneider: Ein wahres Rauöschloß! Abg. Zaczek: Als nun ein Mann den Versuch machte, eines dieser Rouleaux aufzustoßen, lief ein Gendarm zu ihm und arretirte ihn. Die Menge verlangt seine Freilaffung. Der Gendarm läßt ihn frei, kehrt sich um und schießt in die Menge. (Rufe bei den Jungczechen: Gräßlich! Skandal!) Der Umstand, daß nun gerade die jüdische Bevölkerung dar Opfer der Erregung war, wird Jedem, der die Verhältniffe vorurtheilslos prüft, vollkommen begreiflich fein. Es ist dies kein gewöhnlicher Antisemitismus. Da» czechische Volk und die slavischen Völker überhaupt sind nicht so veranlagt. Abg. Schneider: Sie sind oft beffere Antisemiten als wir! Abg. Zaczek: Der beste Beweis des Gegentheils ist, daß in keinem andern Lande Europas so viele Jaden existiren wie in den slavischen Ländern, und daß sie nirgends so gut ihr Fortkommen finden wie dort. Die Juden in Mähren haben überall bis jetzt mit den Deutschen gehalten und sich als Deutsche aufgespielt. Sie haben einzig und allein das Deutfchthum in Mähren gehalten. (Lebhafte Zustimmung bei den Jungczechen.) Man kann ohne Uebertreibung behaupten, daß speziell in den LandeStheilen, wo die Exzesse vorgekommcn sind, es überhaupt keine Deutschen gäbe, wenn sich nicht die jüdischen Bewohner für Deutsche auSgeben würden. Allerdings begreife ich dieses Vorgehen der Juden nicht, denn sie haben unter keiner Nation so viel zu leiden, wie unter den Deutschen. Als nun in dem czechischen Volke in Folge der Aufhebungen der Sprachenverordnungen eine gewisse Erregung Platz griff, da war es nur natürlich, daß sich diese Erregung vor Allem gegen die politischen Gegner gerichtet hat, die in diesen Orten waren, und das waren eben die Juden. Ich würde nur wünschen, daß die jüdischen Mitbürger in den mährischen Städten sich diese Lehre wohl zu Herzen nehmen und vernünftig genug sein werden, sich nicht von den Deutschen als Fußschemel gebrauchen zu lassen, um dann, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, von ihnen zur Thür hinausgeworfen zu werden. DaS Vorgehen der Juden in den bedrohten Städten muß als ein sehr unvernünftige» bezeichnet werden, da sich die Leute gegenüber der czechischen Bevölkerung in ungemein gehässiger Weife benahmen. Sie bedenken nicht, daß das Mckitär doch nicht ewig in diesen Städten liegen bleiben und daß nicht hinter jedem Juden immer ein Soldat stehen kann. Abg. Breznovsky: Das wären theuere Juden! (Heiterkeit!) Abg.: Zaczek will noch den Verdacht zurückweisen, der eS gewagt habe, sogar die Vertreter des czechischen Volke» und die geistigen Führer desselben für die traurigen Exceffe und für die vernichteten Menschenleben verantwortlich zu machen. Es sei ein großes Unglück, daß unsere Verhältniffe in dieser Weise vergiftet seien, eS sei ein Unglück, daß der öffentliche Kampf so geführt werde und daß man bei uns in solcher Weise die Nationalitätenfrage entscheiden wolle. Das seien die Früchte und die Folgen der so bewunderten Politik von Blut und Essen. ES werde leider, wenn die Verhetzung der Völker in Oesterreich weiter betrieben wird, dadurch, daß man die Privilegien nur einem gebe und den andern unterdrücken wolle, so weit kommen, daß sich die Bewohner unseres Staates wechselseitig mit Blut und Eisen überzeugen werden. (Lebhafte Zustimmung bei den Jungczechen.) Er habe immer die Anwendung von Gewalt verdammt und werde sie auch weiter verurtheilen, auch wenn seine engsten Freunde und Connationalen glauben, durch Gewalt zum Rechte zu gelangen. Ehe man daran gehe, innerhalb der Völker die Gleichheit und Brüderlichkeit durchzusühren und soziale Fragen zu regeln, müsse man die Menschenwürde in jedem Menschen achten, müsse man von der Irrlehre lassen, daß es Völker erster und Völker zweiter Klaffe gebe. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen bei den Jungczechen.) Gehen wir endlich daran, sagt Redner zum Schluffe, in Frieden und Eintracht uns die Hände reichend, der wahren Bildung und Humanität zum Durchbruche zu verhelfen, damit die Bevölkerung bis in die untersten Schichten erleuchtet werde, und dann werden wir nicht ein solche» Schauspiel wieder erleben, wie wir es jetzt Alle beklagen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen bei den Jungczechen.) Die Debatte wird sodann abgebrochen und es werden dis Wahlen eines 3vgliedrigen Justizausschuffes bekannt gegeben werden.

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