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Der Israelit · 1899-11-13 · Heft 90 (13.11.1899) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 90 (13.11.1899)
Date
1899-11-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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WMWVWW WWWWWWN 1872 wachen. Vor allem müssen Direktoren und Lehrer Schulmänner ersten Range« sein und ihr Amt nicht al» Nebenamt, sondern als Hauptamt, ja sogar al« einziges und ausschließliches Amt verwalten. Des Weiteren bedarf es der Unterstellung dieser Schulen unter die Aufsicht der die anderen Seminare überwachenden staatlichen Behörden. Mangel an materiellen Mitteln darf kein Hinderniß für Umgestaltungen sein, denn sieht das Publikum erst, daß etwas geleistet wird, so hält es mit den „Beweisen" seines Wohlwollens sicher nicht zurück. Nun haben freilich die Seminarien auch nicht alle Schuld. Diese liegt z. T. auch an der Gleichgiltigkeit von Kindern und Eltern gegenüber dem Religionsunterricht; daher auch die prekäre, peinliche Lage des isr. Lehrers. (Vergl. die Conespondenz aus Griesheim.) Eine große, große Unterlassungssünde begehen, scheint mir, die größeren und großen Gemeinden in den Städten. In ihnen vereinigen sich die finanziellen und intellektuellen Kräfte der deutschen Judenheit; sie bilden das Gros derselben. An ihnen liegt es also, die jüdischen Institute zu schaffen und zu erhalten. Mit Religionsschulen und Tempelpalästen allein ist es nicht gethan. Auch mit den Wohlthätigkeitsanstalten und der Fürsorge für die Erhaltung der jüd. Körper haben sie ihrer Pflicht nicht genügt. Es gilt, unsere Jugend dem Judenthum, dem sie auf den allgemeinen Schulen direkt entfremdet, ja abge- «endet werden, wieder zu gewinnen. Die juden- und judenthumsfeindliche Richtung der christlichen Lehrer, denen wir solche nicht allzusehr übel nehmen können, trägt sich auf ihre jüdischen Schüler, unsere jüdischen Kinder über. Unsere Kleinen werden nicht mit Liebe zu ihrer Religion und ihrer Glaubensgenoffenschaft erfüllt, sondern mit Abneigung gegen dieselben. Es setzt sich in ihnen ein Gefühl der Scham über ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Stamme unbewußt und unwillkürlich fest. Damm liegt es den größeren Gemeinden ob, Volksschulen auf isr. konfessioneller Grundlage zu errichten und sie im jüdischen Geiste zu leiten. Dem jüdischen Geist eine Stätte zu bieten, unsere Kinder mit Selbstbewußtsein zu erfüllen, ihnen gewissermaßen ein Heim zu bieten, wo sie auf festem Boden stehen und wo sie jüdisch denken und fühlen lernen. Freilich müssen die Eltern zumal die „Vornehmeren" mit gutem Beispiele vorangehend, ihre Kinder den isr. Schulen anvertrauen; zunächst bis sie in eine Realschule oder sonstige höhere Schule eintreten. — Weiter müssen größere Gemeinden Realschulen, höhere Bürger- und Töchterschulen gründen, wie die Gemeinden zu Fürh, Hamburg und isr. Religionsgesellschaft in Frankfurt. Eventuell treten die Gemeinden einer oder zweier Provinzen zu einem Schulverband zusammen und erhalten in der größten Gemeinde eine höhere irr. Schule. Denn gerade die die höheren Schulen besuchenden Kinder sind für uns total verloren. Man komme mir nicht mit dem Hinweis auf die paar Religionsftunden. Die haben gar keinen oder nur geringen Werth und großentheils werden sie nicht freguentirt und richtig ausgenützt. Der Staat wird es nicht ungern sehen, wenn die Israeliten Confesfionsschulen gründen, ja sogar ihnen moralische und finanzielle Beihilfe gewähren. Das Schwierigste wird sein, unsere Glaubensgenoffen, hauptsächlich unsere Vorstände und „Führer" für solche Pläne zu gewinnen. Denn einerseits sind sie größtenthsils dem jüdischen Geist nicht allzu hold gesinnt, dem religiösjübischen schon am wenigsten; andererseits wird sie falsch verstandene Toleranz und Liberalität von der Verfolgung solcher Pläne abhallen. (Ueber letztere werde vielleicht später schreiben.) Dann 2) wird es schwer halten, Schüler zu werben und zum Besuche der jüdischen Schulen anzuhalten. Grund dafür gleichfalls die juden- und judenfeindliche Stimmung der Gegenwart, von welcher unser eigenes Fleisch und Blut nicht frei geblieben ist. Es müßte also allmählich erst Bahn und Neigung für jüdische Schulen geschaffen werden; am besten, wenn sich Vereine für solche Zwecke bildeten oder Vereine, welche das religiöse oder literarische oder nationale Jntereffe der Judenheit pflegen, sich dafür begeisterten und die Agitation in die Hand nähmen. Vor allem natürlich muß die Presse für solche Gedanken eintreten, so daß nach und nach die gesammte öffentliche Meinung der Israeliten dafür gewonnen wird. Zwei große, unendlich schätzbare Vortheile stehen dann in Aussicht. 1) Unsere Jugend bleibt dem Judenthum erhalten, und dem deutschen Judenthum ist seine, sonst ziemlich zweifelhafte Zukunft verbürgt und gewiß. 2) Wird der jüdische Lehrerstand in jedweder Beziehung gehoben. Der Lehrer kann avanciren, vorwärts kommen, sieht sich nicht mehr dem Elende, der Armuth, der Niedrigkeit ausgefetzt, wird unabhängig sein, wird nicht mehr durch die Vergeblichkeit seiner Arbeit in dem gegenwärtig wenig geschätzten Religionsunterricht von jedem Eifer abgeschreckt. Unsere begabten Jünglinge werden sich dem jüdischen Studium zuwenden, ihre Ehre und Auszeichnung nicht allein darin mehr finden, gute Aerzte und gewandte Rechtsanwälte zu sein, sondern zu Nutz und Frommen ihrer Glaubens¬ und Stammesgenoffen innerhalb deren Reihen thätig zu fein, und nicht mehr dem jüdischen Geiste entfremdet sein, sondern mit demselben erfüllt, auch andere für dessen Ideal gewinnen. Was unsere Gegner dazu sagen werden? sie werden schimpfen, wie sie über Alles, was wir thun

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