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Der Israelit · 1899-11-09 · Heft 89 (9.11.1899) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 89 (9.11.1899)
Date
1899-11-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XI** Jahrgang. Erste Beilage M M 89 -es „Israelit". Leitender Artikel. iDraRhfnftusstn nnbfUSn&ttttnotn in den Wischen «eminden MShrrnr. Verruchte antisemitische Hände haben mehrere mährische Städte in Brand gesteckt. Den Plünderungen von Holleschau sind laut Bericht der „Oesterr. Wochenschrisl" die Brandlegungen von Uszseiy und Goja gefolgt. In ersterer Stadt sind am 29. Okiober 60 Häuser abgebrannt und 150 Familien obdachlos gemacht worden und in Goja sieht die jüdische Synagoge in Flammen. Dieses Feuer, welches so viele Häuser einäscherte und so viele arme jüdische Einwohner obdachlos gemacht, das ihnen die Andachtsstätte, wo sie ihre Gebete zum Gotte Israels emporsendeten, geraubt, wird mit seinem grellen Scheine die Schmach des Antisemitismus und seine Matadore beleuchten, die durch die Neubetebung des schon längst todtgeglaubten Märchens vom Ritualmorde die verdummten Volksmaffen verhetzt und zu diesem vandalischen Treiben veranlaßt haben. Weit mehr als ein Jahrhundert ist verflossen, seit Voltaire seine Vertheidigungsschrift für den unglücklichen Calas geschrieben, der trotz der Betheuerung seiner Unschuld, ein Opfer des Religionsfanatismus und des Aberglaubens geworden und zum Tode durch das Rad nach vorhergegangenen Foltern verurtheilt wurde. Ein Zeitalter der Aufklärung folgte dieser muthigen Thal, mit welcher er dem blinden Glaubenshaß die Hauptschlacht geliefert hatte. Friederich II. und Josef II. führten die von dem Weisen von Fernay gepredigte Toleranz in die Gesetzgebung ihrer Staaten ein, die französische Revolution brachte die Erklärung der Menschenrechte und mit wenigen Ausnahmen haben die civilisirten Länder die Freiheit und den Schutz für alle Bekenntnisse zum Grundsätze ihrer Verfassungen gemacht. Was aber vor unseren Augen zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts sich ereignet, daß jener siegreich eröffnete und von Generationen fortgesetzte Kampf gegen Fanatismus und religiöses Vorurtheil ein solches Ende nicht nur in den böhmischen Dörfern, sondern auch in dem sonnigen, eleganten Frankreich nehmen könne, wahrlich auf diesen Fortschritt ihrer Kultur haben die Söhne des christlichen Abendlandes wenig Grund stolz zu sein und hochmüthig auf die Barbaren des Ostens herabzusehen. Es ist noch nicht lange her, seitdem der Draht die Nachricht aus China brachte, daß eine fanatische Volksmenge die Mitglieder der christlichen Mission maffacriren wollten. An demselben Tage, an welchem die englische Regierung den Befehl gab, ein Kriegsschiff zum Schutze der katholischen Missionäre in China abzusenden, war sie genöthigt, den gleichen Auftrag zum Schutze der Juden in Corfu zu ertheilen. Nun hat der Ausgang des Ritualmord-Prozesses in Polna wieder alle im Volke schlummernden Leidenschaften des Judenhasses aufgewühlt und hat sich derselbe in Brandstiftung und Plünderungen in vielen jüdischen Gemeinden Mährens und Böhmens Lust gemacht. Wir müssen uns das beschämende Geständniß machen, daß alle Läuterungen, welche der menschliche Geist durchgemacht, daß alle Bereicherung der Gesittung durch die aufeinander gethürmte Gedankenarbeit erleuchteter Köpfe verflossener Jahrhunderte nicht hingereicht haben, um die uncrforschliche Tiefe in der menschlichen Natur schlummernde Wildheit auszufüllen oder doch nur zu Überdrücken. Wenn es bisher nicht möglich war den einfachen und einleuchtenden Gedanken, daß Alles, was ein menschliches Anrlitz trägt den gleichen Anspruch auf Freiheit und das Recht hat nach seiner Fa^on selig zu werden, zum Gemeingut aller Menschen zu machen, auf wie schwanken Grundlagen ruht dann unser Staat, unsere Gesellschaft, unsere Bildung, unsere Civilisation l In einer öffentlichen Versammlung in Wien sprach ein antisemitischer Abgeordneter wohl nicht für die Austreibung der Juden, doch aber von deren Stellung unter Ausnahmsgesetzen, ein Geistlicher, der Pfarrer Deckert, beschuldigt dieselben öffentlich des Ritualmordes, so wie der Dr. Baxa im Prozesse Hülsner dies unverblümt gethan und in einer öffentlichen Versammlung wiederholt. Der Fanatismus der Menge wird aufs Höchste entflammt, das Gefühl für Recht ist durch die verbrecherische Agitation längst untergraben worden. Run wird der Versuch unternommen, alle die verderblichen Theorien, die so ungestraft dem Volke gepredigt, in die That umzusetzen. Die Habsucht, die Dünste des Alkohol, alle niedrigen Neigungen der menschlichen Natur tödten die moralische Widerstandskraft und nun wird der Versuch unternommen, die ihnen als schädlich geschilderten Juden zu verjagen, ihre Häuser zu plündern und in Brand zu stecken. Die Regierung in Oesterreich trifft die erste Schuld, da sie lange Jahre müßig das gefährliche Treiben dieser antisemitischen Volksverführer zugesthen und keinen Einhalt geboten, daß sie eine ganze Klasse der Bevölkerung Mährens, die mit allen Pflichten des Gemeinwesens belastet sind, zu fahrenden Nomaden macht, die Haus und Hof stehen lassen und ihr Heil in der Fremde suchen müssen.

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