Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 89 (9.11.1899)
- Date
- 1899-11-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1851 „Das kann ja gleich geschehen", versetzte Simon, erfreut so leichten Kaufes die Versöhnung erwirkt zu haben. Simon winkte den Schammes, in dessen Begleitung er sich nach der Vorhalle der Synagoge begab, damit derselbe Zeuge von dem Auslöschen der Aufschrift fei, die soviel Anlaß zur Aufregung gab. Gleich darauf bestieg der Schammes die Bimoh ®4); lautlose Stille trat ein und nachdem cr dreimal auf den Schulchon95) geklopft hatte, verkündete er mit lauter Stimme: „Es ist ausgemacht, daß Faißel, der Sandler, ein großer Chamaur und noch größerer Schaute von Mekaur aus ist." Entsetzt schauten der Rabbi und Simon zu dem Schammes empor, die Bekanntmachung war ja durch die Form, die ihr der Schammes gab, eine neue Beleidigung für Faißel und wollten den Schames darob zurechtweisen; doch zu spät! — der Vorbeter hat schon mit der Andacht bereits begonnen und diese durste um keinen Preis gestört werden. Und Faißel? — Er war mit der Bekanntmachung vollständig zufrieden. Gelang es ihm doch, den Schulgabai, der ihm gestern so hochmüthig entgegentrat und eine Moralpredigt hielt, zu zwingen seinen Willen zu erfüllen und seinem Wunsche zu entsprechen. Die in der Bekanntmachung enthaltene Kränkung fand sein einfacher, zur Klügelei wenig beanlagter Verstand nicht herans. Der Schammes hat ja ausdrücklich erklärt, daß es ausgemacht sei, was denn anders als die auf der Tafel geschriebene Schmähung? Das höhnische Lächeln und das Zischeln der Beter bemerkte er gar nicht und freute sich so sehr seines Sieges, daß er darüber seine Roth und seinen Haupttreffer in spe ganz vergaß. Anders jedoch dachre und beurtheilte diesen Vorfall die ganze Gemeinde in G., sie fand den Witz, den der Schammes ohne Absicht und ohne Wissen gemacht, so vortrefflich, daß ehe eine Stunde verging, die ganze Bevölkerung von nichts Pikanterem zu erzählen wußte, als, daß es ausgemacht sei, daß Faißel, der Sandler, ein großer Ehamor und noch größerer Schaute von Mekaur aus sei. Graunomleben, Du hast Bechochmoh gedauloh^) die Hachrosohos) vollzogen", sagte Schlaume, der Badchen, zum Schammes. „Ich habe gar nicht gedacht, daß soviel Chochmoh und Witz in Dir steckt! Besser könnte ich es auch nicht machen?" „Witz?" frug der Schammes ganz erstaunt, „wieso Witz? Welchen Witz meinst Du, Schlaume?" „Na, na, Achberosch^) stell Dich nur nicht so unschuldig!" lächelte der Badchen und versetzte dem 94) Tribüne. 95) Tisch. 96) Spitzbube. Schammes einen leichten Schlag auf die Schulter, „Du bist erkannt! Wie hast Du denn ausgerufen?" „Wie soll ich denn ausgerufen haben? Ganz wie Faißel es gefordert hat, daß es von der Tafel ausgemacht ist, daß . . . ." „Tafel, Tafel?" unterbrach ihn Schlaume. „Ja, davon hast Du nichts gesagt und darin st.ckt ja eben dieser Witz, Schelm!" „Tchias hamesim^) will ich nicht erleben," betheuerte der Schammes mit Kopfschütteln, „wenn ich Dich verstehe, Schlaume! Du redest horim ugwohaus!" „So Du verstehst mich nicht?" prüfend glitt des Badchens Blick über den Schammes, als ob er in die tiefsten Falten seines Herzens eindringen wolle, dann versetzte er nicht ohne Sarcasmus : „Du verstehst mich also nicht, Graunom? Dann höre, was ich Dir sage, das wirst Du vielleicht besser verstehen: Du bist ein noch größerer Chaumor und Schaute als Faißel; und das ist ganz gewiß ausgemacht, denn Du warst heute sehr witzig und hast keine Jedioh davon!" Damit ließ er den verblüfften Schammes stehen und ging mit hohnvollem Auflachen davon. V. Fortuna's reiche Gaben schienen an jenem Tage für Faißel garnicht versiegen zu wollen. Seinem Freund Simon hat er eine Schlacht geliefert und war als Sieger aus derselben hervorgegangen, das stand bei Faißel ein für alle Mal fest, unerschütterlich da. Mit den guten Bewohnern von G .... hatte er bisher noch keine Gelegenheit in Berührung zu kommen, daß er auch die weniger schmeichelhafte Auffassung seines vermeintlichen Sieges kennen lerne. Dann hatte er auch an jenem denkwürdigen Tag einen noch bedeutenderen, von dieser Seite kaum erwarteten Sieg zu verzeichnen. Seine Zuversicht bezüglich des Haupttreffers ist nämlich buchstäblich in Erfüllung gegangen; ohne Loos hat er einen Haupttreffer gemacht, freilich nicht in der Lotterie. Ein Onkel von ihm, den Faißel niemals gekannt, weil, ehe er noch das Licht der Welt erblickt hatte, jener nach Amerika auSgewandert war, hatte den glücklichen Einfall, ohne Minder zu sterben und feinen Neffen, um welchen er sich nie im Leben gekümmert und von dem er niemals was vernommen, zu seinem Universalerben einzusetzen. Als Faißel an jenem Morgen mit vor Freude strahlendem Gesichte aus der Synagoge nach Hause kam, erhielt er das amtliche Schreiben, in welchem die freudige und überraschende Botschaft enthalten war. Erreichte auch die Summe bei Weitem nicht die Höhe des auf dem Spielplane verzeichneten Hauptt 97) Das Aufstehen vom Tod.