Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1899-10-30 · Heft 86 (30.10.1899) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 86 (30.10.1899)
Date
1899-10-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448953-2449032--49368-2499894
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

1799 von beweglichem und unbeweglichem Eigenthum, welche in der letzten Zeit in den mährischen Städten im großen Maßftab vorgekommen sind, erforscht und der gebührenden Strafe zugeführt werden? Wien, 28. Okt. Die Delegationswahlen wurden ordnungsmäßig durchgeführt. Der Minister des Inneren v. Korber beantwortete dann drei Interpellationen wegen der Exzesse in einigen Orten Mährens. Bei der Darstellung der Vorgänge in Holeschau wurde der Minister von den Czechen mehrmals unterbrochen. Der Minister erwähnte, daß Vorkehrungen getroffen seien, um den Exzessen vorzubeugen. Kuttenberg, 27. Dct. (Zum Mädchenmorde in Polna.) In der vom Abgeordneten Schlesinger an den Justizminister eingebrachten Interpellation behauptete dieser Abgeordnete, daß es mir gestattet sei, mit dem in Haft befindlichen Hilsner ohne Beisein von Zeugen zu sprechen. Ich erkläre hiermit, daß ich nie Gelegenheit gesucht und auch nie gehabt habe, mit Hilsner zu sprechen, da ich gar keinen Grund hierzu hatte, und daß ich Hilsner in meinem Leben weder vor dem Prozeß noch bis heute gesehen, um viel weniger gesprochen habe. Diese ganze Behauptung gehört zu jenen, die man anwendet, um unschuldige Personen öffentlich in den Koth zu zerren, und die ich sofort, als sie vor einigen Wochen in der „Narodni Politika" erschien, amtlich dementirte. Der Untersuchungsrichter kann es auch bestätigen, daß ich niemals mich bemühte, eine Unterredung mit Hilsner vor oder ohne Zeugen zu verlangen, da mir, wie gesagt, jeder Grund hierzu fehlte. Kuttenberg, 26. Dct. 1899. AbeleS, Rabbiner. Jglau Vor dem Bezirksgerichte in Deutschbrod hatte heute der Jglauer Advokat Dr. Schwarz den Rabbiner von Polna in einer Ehrenbeleidigungs- Klage g: gen den Grundbesitzer Krupaner aus Chisten zu vertreten. Letzterer hatte in Gegenwart vieler Personen öffentlich geäußert, daß der Cultusvorsteher, der erste Cultusrath und der Rabbiner von Polna zum Prager Ober-Landesgerichte vorgeladen worden seien, um dort unter Eid auf die Thora zu bestätigen, daß die Juden kein Ehristenblut brauchen. Die beiden Ersteren nun hätten diesen Eid geleistet, der Rabbiner jedoch habe ihn unter der Erklärung verweigert, er wollte keinen falschen Eid schwören, denn cs sei wahr, daß die Juden Christenblut brauchen. Diese selbstverständlich durchaus erfundene lügnerische Behauptung bildete das Substrat der von Dr. Schwarz in Vertretung genann'en Rabbiners erhobene Klage gegen Krupaner. Gleichzeitig wurde dieser auch von der Kuttenberger Staatsanwaltschaft wegen Uebertretung des §. 308 des Strafgesetzes (Verbreitung falscher, öffentliche Sicherheit gefährdender Gerüchte) geklagt. Ueber beide Klagen wurde heute vor dem Deutschbroder Bezirksgerichte verhandelt. Vor Beginn der Verhandlung gab Angeklagter sofort eine Umfassende Ehrenerklärung zu Protokoll, in der er dem Polnauer Rabbiner Abbitte leistet und sich verpflichtet, seine leichtfertige unwahre Behauptung in der Prager „Narodni Politika" öffentlich zu widerrufen und sämmtliche Gerichtskosten zu tragen. Damit war die Privatklage erledigt. Die weitere Verhandlung wegen Uebertrctung des §. 308 wurde vertagt, um festzustellen, wer die lügnerischen Gewährsmänner seien, auf deren Einflüsterungen hin der Angeklagte seine leichtfertigen Aeußerungen gemacht haben will. Brünn, 25. Ock. lieber die gestrigen Vorkommnisse in Wsetin wird weiter berichtet: Dienstag Abends gegen 8 Uhr sammelte stch eine Menge von 600—700 Personen, zumeist den untersten Schichten der Bevölkerung angehörend und schreiend, johlend und sinken) durch einige Straßen, wobei die Fenster in den Wohnungen der Israeliten eingeschlagen wurden. Das Einschreiten der Gendarmen und der Locolpolizei blieb der großen Masse gegenüber erfolglos, da sie sich immer wieder theilte und neuerdings sammelte. En Pöbelhaufe zertrümmerte nicht nur zahlreiche Fensterscheiben, sondern drang sogar in einzelne Häuser, um hrer EinrichtungLzegeiMnde und Hausralh zu zerstören und auf die Gckste zu schleudern. Dann zog eine Menge vor da» PrivathauS des Joseph Glesinger, auf mKcheS sie ein Steinbombardement cröffnete und in da» sie einzudringen versuchte. Hier trat den Andringcnden abermals die Gendarmerie entgegen, ward: jedoch vwhöhnt und mit einem Steinbombardemenl überschüttet, wobei ein Gendarm am Kopfe vorletzt wurde. Nunmehr gab die Abtheilung eine Salve ab. Er blieben zwei Todte, zw ü Schwerverwundete und fünfzehn Leichtverwundete auf dem Platz'. Gegen 1/212 Uhr Nachts wich hierauf die Menge zurück, ohne sich aber vollständig zu zerstreuen. Es wurden auch weiterhin auf die Gendarmerie Steine geschleudert, sowie drei Schüsse abgegeben, wahrscheinltch aus R volvern, ohne daß einer der Gendarmen getroffen würde. Die Gendarmerie nahm Aufstellnng und ließ Niemand mehr zum Hanse Glestnger's vor. Erst nachdem, um halb 1 Uhr Nachts die mit dem Bezirkshauptmanne e «getroffene Militär Assistenz — eine halbe Compagnie Infanterie — angerückt war, zerstreute sich die Menge vollständig. Zwei Personen wurden hierbei verhgstet. — Die Erceste richteten sich ausschließlich gegen die Juden. Haufen czechischer Exceder.ten durchzogen lärmend die Straßen der Stadt, zertrümmerten die Fensterscheiben sämmtlicher von Juden bewohnten Häuser und plünderten einen Laden vollständig aus. Die sechs in der Stadt anwesenden Gendarmen und die wenigen Polizeileute waren zu schwach, dem Treiben der aufgeregten Masten Einhalt zu thun, und schließlich sah sich die Gendarmerie genöthigt,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.