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Der Israelit · 1899-10-30 · Heft 86 (30.10.1899) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
40 (1899)
Issue
Heft 86 (30.10.1899)
Date
1899-10-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1798 nicht von der Kanzel reden dürfe' Ueberlegen Sie sich Ihren Beschluß — sagte der Redner — Sie fügen damit der Stadt Wien eine Schande zu- Bei diesen Worten geriethen die Antisemiten in die heftigste Wuth und es tobte ein heftiger Sturm durch den Saal. Nach dem von Oppenberger gestellten Antrag auf Schluß der Debatte ergreift Wrabetz das Wort. Er erkundigt sich zuerst, von wem der Antrag auf Verleihung der Salvator-Medaille an Pfarrer Deckert ausgegangen sei. Der Referent Tomola erwidert, daß die Bezirksvertretung von Währing einstimmig befchlvffen habe, bei dem Gemeinderathe darum einzukommcn. Wrabetz fährt hierauf fort, daß Deckert die Beleuch'ung der Oeffentlichkeit nicht vertrage. Noch selten hat ein Priester mit dem Gerichte so oft zu thun gehabt, wie Pfarrer Deckert. (Rufe bei den Antisemiten : Weil man ihn verfolgt!) Wrabetz: Also prüfen wir die Verfolgungen. Erste Verfolgung: Die Geschichte de« Lotterie-Haupttreffereiner Villa; Deckert wurde durch gerichtliche- Urtheil zur Herausgabe des Baugrundes der Villa gezwungen. Zweite Verfolgung: Herausgabe von 2200 Guloen, d.e Deckert als Legat in Verwahrung hatte; Deckert wurde hierzu vom Gerichte gezwungen. Dritte Verfolgung : Paulus Meyer! Deckart bekam zwei Monate Arrest und mußte außerdem 200 fl. Geldstrafe leisten. Nach einer scharfen Geißelung der Thätigkeit Deckert'S als politischer Agitator kommt Wrabetz aus die haßerfüllten Judenpredigten Deckert'S zu sprechen und erinnert daran, daß Minister-Präsident Fürst Windischgrätz seinerzeit im Parlament bedauert habe, daß es Priester wie Deckert gebe, die ihr Amt so mißbrauchen. In neuester Zeit hat die Luther-Broschüre Dckert's das unliebsamste Aufsehen gemacht. DaS seien nicht Thaten eines wahrhaft katholischen Priesters. Wrabetz schließt mit folgenden Worten : „Wenn das Ihr Ideal ist, dann schämen Sie sich." Diese Rede entfesselte in den Reihen der Antisemiten einen wilden Sturm. Die Liberalen zollen den Ausführungen Wrabetz' rauschenden Beifall. Dr. Lueger erlheilt dem Redner den Ordnungsruf. — Wrabetz: Ich kneife nie vor Gericht aus. Wenn Sie wollen, werde ich vor Gericht meine Worte vertraten. Die . Los von Rom"-Bewegung hat der Kirche nicht so g, schadet wie Pfarrer a la Deckert. Swoboda und Stehlik rufen: Warum erzählen Sie uns nichts vom Hilsner? Wrabetz: Sie können übrigens thun, was Sie wollcn. Die Salvathor-Medaille ist ohnehin entwerthet worden, indem sie einem Denuncianlen verliehen worden ist. Bürgermeister Dr. Lueger ermahnt den Redner, „einen todten Ehrenmann" nicht zu beleidigen. (Rufe bei den Liberalen : Pfister und ein Ehrenmann! Die Antisemiten schreien: Aber dem Rabbiner Güdemann ist Alles erlaubt!) Tomola meint, daß über die Würdigkeit der Priester die liberale Partei nicht entscheiden könne. Das Consistorium habe Deckert empfohlen. Engerth, Dr. Reisch und Leonhard Bcann erklären als Mitglieder des Presbyteriums der evangelischen Kirche, daß diese Auszeichnung eine Beleidigung der protestantischen Bevölkerung Wiens bedeute. Bei der Abstimmung wird die Verleihung der Salvator-Medaille an Pfarrer Deckert mit 57 gegen 24 Stimmen beschlossen. Wien, 27. Oft. (Abgeordnetenhaus.) Abg. Dc. Meng er, Götz, Dr. Habermann und NoSke richten eine Interpellation an den Minister des Innern und an den Justizminister wegen derPlünderungSfcenen in mehreren mährischen Städten. Diebstähle und Plünderungen in großem Maßstabe, heißt es in der Interpellation, an die sich in manchen Orten Zerstörung des beweglichen und unbeweglichen Eigenthums und selbst Brandlegungen schließ n, erwecken mit Recht schwere Beunruhigung und Besorgniß in weilen Kreisen der Bevölkerung. Diese Gräuelscenen haben zu Repressiv-Maßregeln der staatlichen Organe geführt, welche, wie in der Na'ur der Sache gelegen, das Leben und die Gesundheit nicht immer der Schuldigen schwer geschädigt haben. Die in den Tagesblättern veröffentlichten näheren Nachrichten über diese bedauerlichen Ausschreitungen lassen cs als höchst wahrscheinlich erscheinen, daß diese Vorgänge von einem Ccittrum planmäßig veranstaltet und geleitet werden. Bei Vorkommnissen dieses Charakters handelt es sich nicht nur darum, ernste Rpressiv-Maßregeln zu ergreifen, sondern auch jene Mittel der Vorsorge in Anwendung zu bringen, welche erfabrungsgcmäß die Anwendung der schärfsten Repressiv-Maßregeln häufig unnöthig machen. Vor Allem aber sollte die größte und eindringlichste Mühe der staatlichen Organe dahin gerichtet werden, daß nicht nur die aussührenden, meist armen und elenden Mitglieder der breitesten VolkSmaffen, deren Elend und daraus folgende Erbitterung mit Zuhilfenahme aufreizender Gerüchte und muthmaßlich zur Veranstaltung dieses nicht nur die Opfer, auch die Ausführenden selbst schädigenden schweren Gesetzesverletzungen mißbraucht Mrd, sondern vor Allem die Urheber dieser offenbar planmäßig veranstalteten und geleiteten Gräueltaten gesunden und zur gebührenden Strafe gezogen werden. Es wird demnach die Frage gestellt: Haben die Minister die nöthigen Erhebungen vornehmen lasten und strenge Aufträge ertheilt, auf daß die eigentlichen Urheber der noch zahlreich vorliegenden Anzeichen planmäßig veranstalteten und geleiteten Diebstähle, Plünderungen und Zerstörungen

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