Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 86 (30.10.1899)
- Date
- 1899-10-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448953-2449032--49362-2499888- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«W 1793 sie auch sein mögen, haben nicht wenig dazu beige- Iragen, das Loos der jüdischen Bevölkerung zu verschlimmern und deren Eigenthum und persönliche Sicherheit zu gefährden. Das Märchen vom Ritualmorde, so wenig es auch selbst von der minder intelligenten Bevölkerung geglaubt wird, dient manchen Hetzern als willkommener Anlaß gegen die Juden loszuziehen; das Aufheben der Sprachenverordnungen, so wenig auch unsere Glaubensgenossen schuld daran sind, wird auch benützt um Unruhen gegen dieselben anzuzetteln. ES ist wahr, daß wir in allen nationalen Fragen, trotzdem, daß unsere guten Absichten nicht gewürdigt und verkannt werden, mit den Deutschen gehen, daß wir überall, selbst gegen Preisgabe materieller Güter deutsch wählen und wahr ist es auch, daß wir in gemischtsprachigen Bezirken, dort wo unsere Stimmen ausschlaggebend sind, wir also das Zünglein in der Waage bilden, unsere Stimmen immer zu Gunsten der deutschen Candidaten abgebm, obschon wir davon nicht den geringsten Donk haben. Warum wir deutsch denken, deutsch fühlen und wählen hat wohl seinen Grund darin, daß sich die jüdische Bevölkerung im gegenseitigen Verkehr selbst in ganz rein slavischen Gegenden, seit den ältesten Zeiten der deutschen Sprache bedienten, daß die rituellen Werke in deutscher Sprache übersetzt wurden und daß man sich beim Lehren der Religion der Deutschen bediente, weil es seit frühester Jugend als Muttersprache geübt und gepflegt wurde. Doch was können die Juden dafür, daß die Sprachenverordnungen außer Kraft gesetzt wurden? Ihnen zu liebe ist es gewiß nicht geschehen. Doch ein Feind ist um einen Borwand nie verlegen, und so haben auch unsere Ezechen einen Anlaß gefunden gegen die Juden auszutreten. Noch immer sind wir der festesten Ueberzeugung, daß die Masse der slavischen Bevölkerung judenfeindlichen Bewegungen abhol) ist und daß diese Gährung durch gewissenlose Hetzer, die aber von ferne stehen, künstlich genährt worden ist. Letzteren wird es wohl auch zuzuschreiben sein, daß Ansichtskarten gedruckt wurden, die den Mädchenmord veranschaulich.n, indem auf diesen Karten zwei Männer mit jüdischem Typus gezeichnet sind, welche das zu ermordende Mädchen halten und abschlachten, während ein dritter Mann ein Gesäß hält, um das Blut aufzufangen. Sonderbar und höchst auffallend ist die Erscheinung, daß diese Demonstrationen in Proßnitz gerade einen ganz ernsten Charakter annehmen. Es ist bekannt, daß die Israeliten in Proßnitz zum Scheine nach blos Juden sind, und daß sie alles, was an Judenthum errinnert, abgestreift haben. Verständlich wäre es uns, wenn die Christen der alten Stadt jeden Tag den dortigen Juden um den Hals sielen und sie umarmten, wenn jeder Christ sagen würde: „Du bist wohl dem Namen nach Jude, in Wirklichkeit stehst du uns aber viel näher als deinen Glaubensgenoffen, denn du hast alles abgeworfen, was jüdisch ist; im Tempel hast du christliche Gebräuche, Orgel, Mädchenchor, und deutsche Lieder, im Hause ist auch nicht eine Spur von jüdisch-religiöser Erziehung zu finden und auch im Gaflhause hälft du dich sehr wacker und speist und zechst fleißig mit uns. Du bist unser Bruder und Genosse, denn du bestrebst dich gerade so wie wir, das Judenthum zu zertrümmern und zu vernichten." Religiöse Motive scheinen also bei diesen Demonstrationen nicht maßgebend zu sein, auch kaum nationale; denn die Czechen von Proßnitz haben die ausschließliche Majorität in der Gemeindevertretung, haben das Landtags- und Reichsraths Mandat erobert; gegen einen unterlegenen Gegner ist es doch nicht Gebrauch zu demonstriren. Gerade bei den Proßnitzer Juden hat es sich gezeigt, daß das Einschmeicheln, die Verleugnung seines eignen Jch's, dar Unterdrücken seiner StammeSgestnnung, das Wegwerfen seiner religiösen Gebräuche, vor Verfolgungen nicht schützt. Vielmehr glauben wir bestimmt, daß das unentwegte Festhalten an der Religion der Väter, das jüdische nationale Selbstbewußtfein, den Gegnern weit mehr impontrt. Der Ausspruch des heidnischen Propheten Bileam swe>' 112b vv sS hat sich zu aller Zeit bestätigt. Haben nichtjüdische Völkerschaften den Versuch gemacht die jüdische Religion mit der ihrigen zu verschmelzen, so ist dies niemals gelungen, und machen umgekehrt die Juden das Problem, durch Wegwerfen ihrer Gebräuche die Assimilation mit anderen Eonfessionen vorzubereiten, dann setzen ihnen die anderen Völkerschaften einen hartnäckigen Widerstand entgegen und ihren Bestrebungen folgen dieselben Thatsachen, wie wir dies zur Genüge in Proßnitz gesehen haben. Mitlheilungen MS de» liiö. Arwe«»errt«rn und sSr dtrsrldk». (Sümmtliche jüd Wanderhettelvereiur *ut* Jtoflfttt für Durchreisende find gebeten, uns Mittheilungen über Erfahrungen, die fie auf dem Gebiete ihrer THStigkeit machen, zukommen zu lasten ) Rtchtigsteürrrrg. Die „Antis Korr." (Deutschsoziale Blätter) vom 14. Sept. veröffentlichte folgende Nachricht: „Ein Schnorrer wurde in Augsburg verhaftet, als er bei der jüdischen Untcrstützungskafse Bettelte. Bei der Durchsicht seiner Sachen fand man außer vierzig Mark an baarem Gclde allem zwölf gefälschte Pässe und Apparate, zur Herstellung von Lkemp ln und Drucksachen. Da er sich weigerte, seinen Nan en und feine Herkunft anzugeben, wurde er photographirt und sein Bild überall hin versandt. Dadurch ist es herausgekommen, daß er ein vom Militär dersertirter französischer Kunstmaler Namens David Samuel ist, der