Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 86 (30.10.1899)
- Date
- 1899-10-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1792 Nr. 84 des „Israelit", Seite 1753, veröffentlichten Correspondenz heißt es unter anderem: „Die Religiöfität auf dem Laude nimmt feit Jahren ab. Warum? Weil der einzige, diesen Rückschritt aufhaltende Damm ein von echt jüd. Geiste durchwehter und für seine hohe und heilige Aufgabe begeisternder Lehrerstand nicht da ist — und nicht da sein kann." Dieses bedarf meines Erachtens der Berichtigung und Ergänzung. — Zunächst dürfte die Behauptung, daß ein von echt jüd. Geiste durchwehter und für feine hohe und heilige Aufgabe begeisternder Lehrerstand nicht da ist, in ihrer Verallgemeinung nicht der Wirklichkeit entsprechen, da es G. s. D. noch viele Lehrer gibt, die fich nicht nur daS für ihren Beruf nöthige Wissen während ihrer Seminarzeit wie durch eigene spätere Fortbildung angeeignet haben, sondern die sich auch, durchglüht vom heiligen Gottesglauben und im vollen Bewußtsein ihrer schweren Verantwortung, mit ungetheilter Hingabe ihrer ganzen Persönlichkeit, ihrem edlen aber dornenreichen Amte widmen. Anderseits darf aber dreist behauptet werden, daß auch diese glaubensstarken und berufstreuen Lehrer, selbst wenn sie mit dem heiligen Feuereifer eines JesaiaS oder Jeremias ihrer Pflicht obliegen würden, keinen genügenden und festen Damm der in Wirklichkeit immer mehr auf dem Lande abnehmenden Religiösttät entgegenzustellen vermögen. — Aber warum, ja warum? — Weil heute, wo sich die soziale Stellung eines jeden Standes und Berufes wesentlich gehoben, sich die des jüdischen Lehrers gegen früher eher verschlechtert als gebessert hat; weil bei der Bedürfnißlosigkeit der Menge nach religiöser Belehrung auch der Religionslehrer überflüssig erscheint, oder im günstigen Falle letzterer hie und da doch noch als ein nothwendiges Uebel angesehen wird. Wie soll da der jüd. Lehrer, der eine unsichere, abhängige und oft von Nahrungssorgen gequälte Existenz führt, der vom letzten der Gemeinde haufiz als Allerletzter angesihen wird, einen erzieherischen heilsamen Einfluß auf Groß und Klein ausüben, wie seinen Worten und Thaten Nachdruck und Wirkung verschaffen können, wo es ihm an jeder äußern Macht, die heute mehr als je der Maßflab der Achtung und Werthfchatzung ist, gebricht? — Betrachten wir nur z. B. einmal das Verhalten des jüd. Kindes, wenn es in die Volksschule geht und die Art und Weise desselben Kindes, wenn und wie es dann zur Religionsschule geht. Warum geht es in erstere regelmäßig, pünktlich, ernst und gemeffen und in letztere oft nur unregelmäßig, unpünktlich, lärmend und gleichgültig? Ja, weil nach seiner Auffaffung es dorten zu dem Herrn Lehrer und hier nur zu dem von seinen Eltern geduldeten und abhängigen Knecht geht, der froh sein muß, wenn ihn seine Eltern unbehelligt und ungeschoren lasten. Das ist zwar ein gar trauriges, aber leider ebenso wahres Bild. Fraget nur die Herrn Kollegen auf dem Lande und sie werden es euch bezeugen, falls sie den Math dazu haben. — Darum auf Ihr Edlen in Israel, deren Herz warm schlägt für alle Interessen des wahren unverfälschten Judenthums, sorget mit allen Euch zu Gebote stehenden Mitteln und Kräften zu allererst für eine gesicherte, unabhängige dem hohen Berufe angemeffene Stellung des jüd. Lehrers; ein glaubensstarkes Geschlecht wird dann mit Gottes Hülfe heranwachsen, und Ihr, die Ihr auf diese Weise dazu beigetragen, habt gleich unferm ersten Patriarchenpaare neue Menschenseelen geschaffen! Das walte Gott!! (Die Diskussion über dieses schon so oft angeregte Thema, sollte diesmal nicht wieder langsam und erfolglos einfchlafen. Herr Samtätsrath Neumann hat vorige Woche anläßlich seiner 80jährigen Geburtstagsfeier in einer seiner Ansprachen das Gewissen der Großgemeinden in Bezug auf ihre Pflicht den kleinen Gemeinden gegenüber wachzurufen gesucht. Man sieht also, daß man auch in anderen Kreisen fühlt, daß hier etwas geschehen muß.) O esterr.-Un gar. Monarchie. Wien (Interpellation.) Abg. Schlesinger und Genoffen interpelliren den Justizminister: Ist der Staatsanwalt von Kuttenberg, Ober-Landesgerichisrath Dr. Echneider-Swoboda, in der Thal wegen feines Verhaltens im Hilsner-Prozeffe vom Obergerichte in Prag zur Verantwortung gezogen und ihm eine Strafe zuerkannt oder in Aussicht gestellt worden? Ferner fragen sie, ob es richtig fei, daß dem Dr. Aurednicek, sowie dem Kuttenberger Rabbiner Dr. Abeles gestattet wurde, mit dem in Haft befindlichen Hilsner ohne Beisein von amtlichen Zeugen zu sprechen und ob der Minister diesbezüglich die strengste Untersuchung einzuleiten geneigt sei. Dieselben Abgeordneten interpellnen den Justizminister, ob er geneigt sei, die Staatsanwaltschaft in Kultenberg zu beauftragen, den Polnaer Rabbiner Dr. Goldberger wegen des Verdachtes, im Prozesse HrlSner vor Gericht eine falsche Z ugenaussage abgelegt zu hallen, zur Verantwortung zu ziehen. (Vgl. Corresp. Kuttenberg.) -ck- Aus Mähren, 22. Oct. Der Polnaer Prozeß und das Aufheben der Sprachenverordnungen durch das neue Ministerium haben in der flovifchen Bevölkerung in Mähren eine hochgradige Erregung hervorgerufen, eine Erregung, die durch Agitationen genährt, ihren Ausdruck in wüsten Demonstrationen gegen die jüdische Bevölkerung unseres Kronlandes fanden. Beide Ereignisse, so verschiedenen Ursprunges