Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 40 (1899)
- Issue
- Heft 86 (30.10.1899)
- Date
- 1899-10-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1790 daß du für meinen Sohn keine Frau von den Töchtern des Kananiter nehmest, in dessen Mitte ich wohne; sondern zu meinem Lande und meiner Verwandtschaft sollst du gehen und eine Frau für meinen Sohn, für Jizchak nehmen, (1. B. M. Cap. 24. V. 1—4.)" Es ist zunächst ungemein charakteristisch, daß die Schritte, die Abraham thut, um für seinen einzigen Sohn das rechte Weib zu finden, mit der Bemerkung beginnen, daß Abraham alt geworden war: Je schwieriger es war diese Wahl zu treffen, um so mehr hätten wir annehmen sollen, Abraham habe diese Angelegenheit nicht auf eine Zeit verschoben, in der er naturgemäß viel rascher von seiner zeitlichen Wirksamkeit abberufen werden konnte als in jüngeren Jahren. So weit Menschen sehen konnten, war in der heidnischen, entarteten Mitwelt keine Aussicht vorhanden, eine Lebensgefährtin für denjenigen zu finden, der schon gebunden auf dem Opferaltar bereit war, mit seinem Leben die Unterordnung unter den Willen seines himmlischen und feines irdischen Vaters zu besiegeln. Wohl hatte Abraham unmittelbar nach der Heimkehr von der Moria- Opferftätte erfahren, daß Rebekka geboren worden war, (I. B. M. Cap. 22, V. 23), wohl wußte er, daß er zunächst bei seinen Verwandten suchen mußte, wenn er mit Aussicht auf Erfolg sich nach einer würdigen Nachfolgerin Saras, für das verwaiste Abrahamszelt umsehen wollte, aber dort durfte er sich selber nicht einmal umsehen, da ihm Gott sein Heimathland zu verlassen geboten hatte. Selbst der reiche materielle Segen, womit ihn Gott begnadet hatte, so gewiß er die Sorge um die zeitliche Wohlfahrt seines Sohnes gegenstandslos machte, war vielleicht für die Auffindung einer würdigen Lebensgenoffen mehr hinderals förderlich. Die Gefahr lag doch nahe, daß der Wunsch nach diesem Segen die künftige Besitzerin bestimmen könnte anders zu erscheinen, als sie in Wirklichkeit war. Dazu kam noch, daß Abraham das göttliche Verbot, welches ihm das Aussuchen seiner Heimath untersagte, auch auf seinen Sohn ausdehnte. Es handelte sich also darum, aus fernem Lande eine Verbindung einzuleiten, bei welcher die Betreffenden nicht einmal vorher sich sehen konnten. Trotz dieser und anderer Schwierigkeiten, ließ Abraham seinen Sohn 40 Jahre alt werden, war er selber alt geworden und in die Tage gekommen, bevor er den ersten Schritt zur Versorgung seines Kindes that. Das rückhaltlose Gottvertrauen, das sich in diesem Zuwarten ausspricht, tritt uns auch sonst in dem Leben Abrahams wiederholt entgegen, besonders aber in dem unmittelbar vorher berichteten Erlebniß, bei dem es sich um Erwerbung einer Grabstätte für sein heimgegangenes Weib handelte. Wir > sehen die Schwierigkeiten, trotz der sie verhüllenden diplomatischen Feinheiten der Verkehrssormen, welche man Abraham bereitet, um für sein todtes Weib ein Plätzchen Erde zu erwerben. Niemand hat diese Schwierigkeit besser gekannt, als Abraham selber und dennoch hat er bei Lebzeiten seiner Sara keinen Schritt gethan, um ihr ein Grab zu sichern! Und wenn er früher abgerufen worden wäre? Und wenn man ihm den Besitz der Grabstätte verweigert hätte? In dem einen, wie in dem anderen Falle, hat Vater Abraham sein ganzes Geschick Gott anheimgestellt. Wenn die Notwendigkeit an ihn herantritt, thut er das Seinige, verhandelt über den Besitz der Höhle, sendet seinen Diener fort, um dem Sohn das Weib zu suchen, und Gottes Segen vollendet, was Abraham begonnen. Auch in unserer Zeit ist es Sitte geworden, die Abfindung mit dieser Sorge möglichst weit hinauszuschieben. Aber wenn zwei dasselbe thun, ist es nicht immer dasselbe. Welch' ein großer Unterschied liegt doch in dem Abwarten Abraham's mit der Versorgung seines Sohnes und dem Zuwarten so vieler seiner Enkel, wenn sie in derselben Lage sind, ihr Kind zu versorgen. Dasselbe Gottvertrauen, das Abraham warten ließ, fehlt heute denjenigen, welche die Schatten des Alters bereits heraufdämmern lassen, bevor sie Hand an die Versorgung ihrer Kinder legen. Wir sprechen hier nicht einmal von denjenigen Eltern, welchen materielle Rücksichten die Versorgung ihrer Töchter erschweren, wo es daher beim besten Willen oft nicht in der Macht der Eltern liegt, dieser ihrer Elternpflicht zu genügen, so sehr sie ihnen auch am Herzen liegt; sondern von den jungen Männern sprechen wir, welche die schönsten Tage ihres Lebens ehelos verstreichen lassen, weil sie durch Zuwarten hoffen, mit der Zeit eine Lebensgefährtin zu finden, die ihnen mehr Aussicht auf irdische Güter bieten wird, als wenn sie möglichst früh sich entschließen, der ersten Pflicht der Thora, der Gründung eines eigenen Hauses, zu genügen. Sie hoffen, erwägen, rechnen und calculiren Jahre und Jahrzehnte lang, und glauben Wunder wie klug und berechnend zu handeln, während sie in Wirklichkeit mit dieser Gesinnung nur den Mangel an Gottvcrtrauen und das Fehlen jeder reinen, besseren und höheren Regung bekunden, auch da, wo es sich um die Grundlegung ihrer ganzen Zukunft handelt. Unsere Lebens- und Erwerbsverhältnisse sind ohnedies so schwierig und complizirt geworden, daß sie der heranreifenden Jugend nur schwer und spät die Möglichkeit einer selbstständigen Existenz gestatten. Wer diese Schwierigkeiten durch krämerhafte Erwägungen und Berechnungen noch steigert, wie dies heutzutage leider bei so vielen, auch sogenannten > „frommen" jungen Leuten der Fall ist, der versündigt